„Lesen fängt mit Schauen an“

Ein Geschenk für jedes Kind. Vorlesen fördert nicht nur die Lernfreude, sondern stärkt auch soziale Kompetenzen.

Vorlesen bereichert die kindliche Entwicklung auf mehreren Ebenen © Fotolia
 

In Frankreichs Kindergärten ist das Bilder-lesen-Lernen längst selbstverständlich. Entsprechend groß ist der Markt an avantgardistischen Bilderbüchern. Für Reinhard Ehgartner, Geschäftsführer des Österreichischen Bibliothekswerks und Projektleiter von „Buchstart Österreich“, ist das der richtige Weg im Umgang mit Büchern, denn „der Mensch lernt in keiner anderen Lebensphase mit der gleichen Intensität und Geschwindigkeit wie im Kleinkindalter. Deshalb kann mit den Anschauen von Bilderbüchern gar nicht früh genug begonnen werden.“

Der Vorlesetag

Der 1. Steirische Vorlesetag am 1. Juli bildet den Abschluss der „Lies-was-Wochen“. An diesem Tag organisieren Unternehmen, Museen, Bibliotheken, Feuerwehren und andere kommunale Einrichtungen einen Vorlesetag, verbunden mit einem Erlebnisprogramm. Mit an Bord sind unter anderem das Universalmuseum Joanneum, die Planaibahnen und der Tierpark Mautern. Interessierte Institutionen können sich noch
in den Dienst der guten Sache stellen. Infos: Lesezentrum Steiermark, Tel. (0316) 685 35 70.

Schon der erste Blick zwischen Mutter und Kind ist Lesen, das Suchen von Spuren im Gesicht des Erwachsenen. Mit etwa sieben Monaten sind Babys in der Lage, aus den Augen und der Mimik der Eltern Gefühle abzulesen, bestätigen Untersuchungen dazu. „Lesen fängt also mit Schauen an“, fasst Ehgartner diese Erkenntnis zusammen, „in weiterer Folge sind die Illustrationen in Büchern auch ein Schatz für die kindliche Fantasie. Bilder machen die Welt im Buch für die Kinder lebendig.“
Max Moser
Reinhard Ehgartner: „Mit dem Lesen kann nicht früh genug begonnen werden“ © Max Moser
Als belegt gilt inzwischen auch, dass die Vorlesekultur in einer Familie einen wichtigen Indikator für die spätere Lesekompetenz eines Kindes darstellt. Denn Vorlesen weckt die Lesefreude beim Kind – „Lesenkönnen ist eng an das Lesenwollen gebunden.“ Je früher Eltern beginnen, ihren Kinder vorzulesen oder Bilderbücher zu entdecken, desto besser entwickelten sich der Sprach- und Wortschatz, es fördert die Lesefähigkeit, regt Vorstellungsvermögen und Kreativität an, ist sich die Leseforschung bei diesem Thema längst einig. Geschult werden damit aber auch Zuhören und Sich-konzentrieren-Können.

"Wenn sich Mama oder Papa Zeit nehmen und dem Kind vorlesen, stärkt das die emotionale Bindung." Verena Gangl, Pädagogin im Lesezentrum Steiermark 

Emotionale Bindung
Doch abgesehen von der sprachlichen und intellektuellen Förderung der Kinder schenkt Vorlesen Geborgenheit. Auch das prägt Kinder. „Wenn sich Mama oder Papa Zeit nehmen und dem Kind vorlesen, schenken sie ihm damit ungeteilte Aufmerksamkeit und das stärkt die emotionale Bindung“, betont Verena Gangl vom Lesezentrum Steiermark. „Die Kinder verbinden mit Büchern ein Leben lang positive Gefühle, und sie erinnern sich immer an die Menschen, die ihnen vorgelesen haben.“
KK
Verena Gangl: „Kinder erinnern sich immer, wer ihnen vorgelesen hat“ © KK

Bei der Wahl des Buches ist das Alter des Kindes entscheidend. Bei Bilderbüchern sollte auf die Qualität der Bilder geachtet werden, empfiehlt Ehgartner. Gute Illustrationen seien aussagekräftig, sie lassen der Fantasie der Kinder viel eigenen Spielraum, machen den Inhalt der Geschichte erfassbar und begleiten emotional. Was alle Kinder lieben, sind Geschichten, die mit dem eigenen Leben zu tun haben. Das kann ein direkter Zusammenhang sein, wie zum Beispiel eine Situation, die sie gerade selbst durchleben. Oder indirekt, wie zum Beispiel über Emotionen, die der Held der Geschichte durchlebt.

"Illustrationen in Büchern sind ein Schatz für die kindliche Fantasie. Bilder machen die Welt im Buch für Kinder lebendig." Reinhard Ehgartner, Projektleiter „Buchstart Österreich“ 

Schatz für die Fanatsie
Bei Kindern im Vorschulalter kann man oft ein Interesse an komplizierten Wörtern beobachtet, wie zum Beispiel an den Namen von Dinosauriern. In diesem Alter spielen Kinder auch gerne mit der Sprache. Nicht zuletzt wird beim Vorlesen natürlich auch Wissen vermittelt. Wobei nicht jedes Buch Informationen vermitteln und einen Lerneffekt haben muss. „Manchmal darf es für Vorlesende und Zuhörende auch einfach nur schön sein“, betont Ehgartner.

Die Bücherhelden und das Traummännlein

Die fantastische Welt des Lesens eröffnet sich für
Kinder und ihre Familien auf: www.bücherhelden.at
Zu finden sind auf dieser Website Buchtipps für junge Leser sowie spannende Informationen für Interessierte zu Themen wie Sprachentwicklung, Lesestart, Lesekompetenz u. v. m. Radiotipp. Erinnerungen an Geschichten aus der eigenen Kindheit lassen sich mit dem Traummännlein auffrischen: bis 30. Juni immer um 18.54 Uhr auf Radio Steiermark.

Die Lies-Was-Wochen

17 Prozent aller Jugendlichen in Österreich haben Probleme beim Lesen einfacher Sätze. 28 Prozent tun sich mit komplexeren Sätzen schwer. Um das zu verbessern, sei nicht nur die Schule gefordert. „Lesen können braucht Übung, also muss Lesen und Vorlesen zum Alltag jedes Kindes, jedes Jugendlichen – und damit jeder Familie gehören“, betont die steirische SP-Bildungslandesrätin Ursula Lackner. Neben der Aktion „Bücherhelden. Lesen mehr als Worte“, die seit 2016 läuft und sich an junge Leserinnen und Leser zwischen null und zehn Jahren richtet, laufen derzeit in der gesamten Steiermark die „Lies-was-Wochen“.

Bis zum 30. Juni gibt es dazu in 49 steirischen Bibliotheken Veranstaltungen für Kinder, deren Eltern und alle, die dabei sein wollen. Auf dem Programm stehen in den nächsten Wochen unter anderem klassische Vorlesestunden mit Autorinnen und Autoren, ein Geschichtenfrühstück für Papas und Opas mit Kindern, Lesewanderungen, Spielnachmittage mit lesebezogenen Brettspielen, eine „Buchmacherei“, wo selbst Bücher gemacht werden können, und vieles mehr. Informationen zu allen Veranstaltungen gibt es unter: www.bücherhelden.at

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