Der Schuldige ist schnell gefunden: „Niki Lauda auf McLaren. Auf seinem Formel 1-Auto war Marlboro-Werbung drauf, Rennautos waren damals ja fahrende Zigarettenschachteln. Ich hab mir dann als Bub die Autos aus Zigarettenpackungen nachgebaut“, sagt Joachim Hainzl. Der Grazer sieht dies als Ursprung für seine Sammelleidenschaft. 56.000 Zigarettendosen und -packungen hat er gesammelt und archiviert. Alle unterschiedlich. Ohne die doppelten, denn ansonsten wären es weit über 100.000. Alle leer. Selbst leergeraucht? „Nein. Ich bin ja Nichtraucher. In dem Alter, in dem Zigaretten als Jugendlicher interessant werden, kannte ich durchs Sammeln ja eh schon alle Sorten. Rauchen war deshalb nichts Spannendes für mich, außerdem hasste ich viele Designs“, erklärt der Grazer seine Abstinenz.

Spannender war da als Kind schon ein Urlaub auf Krk: „Da fand ich in Baska argentinische Zigarettenschachteln. Ich dachte, aha, so kannst dir die weite Welt auch nach Hause holen.“ 500 Fundorte auf allen Kontinenten weist Hainzls Datenbank mittlerweile aus. Die exakt 55.927 Stück (Status: 14. Jänner) bestehen aus 6000 verschiedenen Sorten. „Marlboro hab’ ich etwa aus 120 Staaten“, rechnet der Erwachsenenbildner und Sozialpädagoge vor.

Als „68er-Baujahr“ gibt der Sammler zu, dass es emotional für ihn am schönsten sei, die Packungen selbst zu finden. „Das passiert natürlich im Abfall“, erklärt er als Garbologe (Müllforscher). London war einmal Karrierehöhepunkt: „11 Tage dort. Packungen aus 51 Staaten. Herrlich.“ Wobei Urlaub machen mit ihm für andere nicht unbedingt lustig sei, „weil ich mich eher auf die Abfalleimer konzentriere.“ Sammeln alleine war Hainzl stets zu wenig: „Es ist mehr als ein Hobby. Wichtig ist mir das Vermitteln, nicht das Besitzen. Mir geht es darum, dass die Schachteln und Dosen ein Teil der Alltags-, Konsum- und Kulturgeschichte sind. Spannend ist außerdem die Warenpsychologie dahinter. Denn wie verkauft man ein gesundheitsschädliches Produkt, das grauslich schmeckt, weltweit derart gut?“

Also, Herr Hainzl, packen Sie bitte aus über Ihre Packerln. Das erledigt er mit dem kleinen Finger, startet mit der „Geschichte der ehemaligen Gebiete Jugoslawiens anhand von Zigaretten-und Tabakpackungen.“ Man erfährt, dass seit über 100 Jahren viele Sorten nach Flüssen benannt sind. Oder, dass bereits 1871 im heutigen Ljubljana eine Tabakfabrik des österreichischen Tabakmonopols gegründet wurde, die sich von 1872 bis zur Schließung der Fabrik im Zuge des EU-Beitritts Sloweniens am selben Standort befand und bis 1918 die drittgrößte Fabrik der Monarchie war. Bevor einem als Zuhörer der Kopf zu rauchen beginnt, gönnt der Experte allen eine kurze Rauchpause. Um zum Marketing überzuleiten: „Lange bevor ,light’ im Lebensmittelbereich auftauchte, machte die Tabakindustrie mit Leichtzigaretten schon gute Geschäfte.“

Gutes Geschäft machte man bis zum Zweiten Weltkrieg mit Orientzigaretten (95 % Marktanteil). Billiger US-Tabak übernahm danach aber das Ruder. „Auf den Packungen wurde die orientalische Welt passiv, rückwärtsgewandt dargestellt. Etwa mit einem Emir, der im Sofa lümmelt.“ Die US-Konzerne mit ihrem American Blend standen hingegen auf den Packerln für den Fortschrittsgedanken: „Der Marlboro Man symbolisierte den amerikanischen Traum.“ Apropos Amerika: Die Anschläge auf das World Trade Center hatten Auswirkungen auf die Packung von Chesterfield: Bis 9/11 waren Minarette darauf abgebildet, die danach für viele unbemerkt verschwanden. Verschwunden ist in der Sammlung Hainzl nur einmal etwas: „Tabakkäfer haben sich eingeschlichen, einige Stück zerkleinert“, lacht er.

„Eine Sammlung macht nur Sinn, wenn auch andere etwas davon haben“, ist Joachim Hainzls Credo. Weshalb er bereits in Sarajevo, Istanbul oder Teheran seine Tschick-Packerln als „erklärende Stücke, die Geschichte und Geschichten erzählen“, ausgestellt hat. Überhaupt hat er zwecks Wissensvermittlung eine Vision: „Mein Ziel ist es, ein eigenes Museum zu begründen.“ Der nikotinfreie Stoff dazu ist da.