Interview"Man soll nicht von einem Familiendrama sprechen"

Marion Egger vom Gewaltschutzzentrum über innerfamiliäre Gewalt und wie Außenstehende helfen können.

Marion Egger vom Gewaltschutzzentrum Steiermark © Verena Gangl
 

Wieder kam es zu einer Gewalttat innerhalb der Familie. Ist es vorstellbar, dass sich so eine Tat ohne Alarmsignale anbahnt?
Grundsätzlich ist immer davon auszugehen, dass es Alarmsignale gibt. Das Problem ist, dass viele nur einzelne Faktoren sehen, man es aber nicht schafft, eine gesamtheitliche Einschätzung aller Faktoren zu erhalten.

Gibt es eine Art Nachahmungseffekt?
Das ist sogar wissenschaftlich erforscht, dass es Nachahmungstäter gibt. Wenn man schon in einer angespannten Situation ist und nach Lösungsstrategien für sich sucht, dann sagt sich ein potenzieller Täter: Das ist auch für mich ein gangbarer Weg. Daher ist auch ein sorgsamer Umgang der Medien gefragt.

In welcher Hinsicht?
Dass man zurückhaltend und emotionsfrei berichtet. So ist etwa der Begriff Familiendrama nicht angebracht. Bei einem Drama assoziiert man, dass mehrere schuld sind. Doch es ist meist nur eine Person, die Gewalt ausübt.

Man hat den Eindruck, dass zuletzt psychische Beeinträchtigungen in Zusammenhang mit Gewalttaten häufiger sind.
Das ist schwierig zu sagen, weil es nur manchmal schon zuvor eindeutige Diagnosen gibt. In vielen Fällen wird erst im Zuge des Gerichtsverfahrens der Grad der Zurechnungsfähigkeit festgestellt.

Hilfe für Gewaltopfer

Das Gewaltschutzzentrum Steiermark bietet professionell Akuthilfe und Beratung für Betroffene, Angehörige und Verwandte von Gewaltopfern.

Das Büro in der Granatengasse 4/II in Graz ist geöffnet: Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr sowie Freitag 8 bis 13 Uhr.

Telefonische Beratung gibt es Montag bis Freitag von 8 bis 22 Uhr: Tel. 0316/77 41 99

Was kann man als Angehöriger oder Nahestehender tun?
Es ist wichtig, hinzuschauen. Gibt es Situationen, die einem als Laien komisch vorkommen oder die man über längere Zeit beobachtet? Man sollte die Menschen passend anreden und Hilfe anbieten. Das kann auch passieren, indem man Anzeige erstattet. Dann bekommen Täter im Umweg eines Strafverfahrens Auflagen und Weisungen, etwa für ein Antiaggressions-Training. Es geht auch darum, das mutmaßliche Opfer zu bestärken, selbst Dinge in Angriff zu nehmen, also um Selbstermächtigung.

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