Interview„Die Herausforderung müssen wir annehmen“

Bürgermeister Nagl über die optimale Größe einer Stadt und einen Plan, der noch 100.000 neue Grazer verträgt.

Stadtchef Nagl sieht Graz gut gerüstet © Jürgen Fuchs
 

Immobilienexperten sehen Graz in die Wachstumsfalle tappen. Ist Größe ein Fluch?
Siegfried Nagl: Ja, die Frage nach der optimalen Größe einer Stadt stellt sich. Es geht um ein Maximum. Manche Experten gehen unter dem Motto „Small is beautiful“ von 200.000 Einwohnern aus. Da stimme die Lebensqualität, bei Millionenstädten warnen sie vor Fehlentwicklungen und Sicherheitsproblemen. Graz erlebt enormen Zuzug, aber ich kann ja keinen ablehnen. Die Herausforderung müssen wir annehmen.


Immobilienexperten warnen: Infrastrukturkosten für das Wachstum kämen teurer als man vom Zuzug profitiere ...
Als ich in die Stadtregierung gekommen bin, ist die Stadt geschrumpft. Es ist gut, dass wir das gedreht haben, Graz als Ausbildungs- und Uni-Stadt Junge anzieht, aber wegen der guten Altenbetreuung auch Senioren wieder herziehen. Wir reagieren darauf, haben ermöglicht, dass in den letzten zehn Jahren 40.000 Wohnungen errichtet worden sind. Deshalb explodieren die Mieten nicht wie in Salzburg, das Wohnraum verknappt.


Bei Bauland und Eigentumswohnungen haben die Preise aber angezogen …
Aber auch nicht wie in Städten, die verknappen. Wichtig ist, dass wir neuen Wohnraum nur noch entlang der Infrastrukturstränge schaffen: Die Siedlungen Brauquartier oder beim Stadion in Liebenau haben Tram-Anbindung. Zu Smart-City und nach Reininghaus verlängern wir die Straßenbahn. Unser Verkehrsproblem hat eine Hauptursache: Von den 182.000 unselbstständig Werktätigen kommen 91.000 von außerhalb – das sind fast 100.000 Pendler-Autos am Tag.


Nehmen Sie eine Urbanisierung wahr?
Es gibt in Graz erste Anzeichen einer Großstadt, es entstehen Grätzel wie in Lend. Beim urbanen Wohnen gibt es Sehnsucht nach Verortung in einem Zentrum in der Nachbarschaft.


Laut Prognosen leben 2034 fast 330.000 Menschen in Graz. Ist das zu viel?
Wir haben im neuen Flächenwidmungsplan fast keine neuen Flächen zugelassen und schauen darauf, dass wir Grünraum sichern und dort, wo er zu knapp ist, neuen und damit mehr Lebensqualität schaffen. Mit diesem Flächenwidmungsplan bringen wir noch 100.000 neue Menschen in der Stadt unter, ohne neues Bauland widmen zu müssen.


Kritiker monieren, dass die Stadt Bauträgern und Käufern Infrastrukturbeiträge in Rechnung stellt und so Wohnraum verteuert.
Das sind Gegengeschäfte, die allen Seiten etwas bringen. Gibt uns ein Entwickler Parkflächen ab, die wir pflegen, kommen wir ihm mit einer erhöhten Dichte entgegen, er kann also mehr Wohnraum errichten. Und uns gelingt es so, funktionierende Quartiere mit Grünflächen und hoher Lebensqualität zu schaffen.

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Danke für Ihr Verständnis.

stadtkater
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Warum eigentlich?

Würden im Jahr 100.000 kommen, würden wir dann den Stadtpark zubetonieren und den Schlossberg abtragen?

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scionescio
2
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Hat er wieder seine Sprache gefunden?

Peinlich, dass die KZ jemanden, der bei der Bestellung Sickls so sprachlos war, wieder eine Bühne bietet!

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