Paralympische SpieleThomas Geierspichler: Der Stein im Schuh des Systems übt Kritik

Thomas Geierspichler ist eine der Galionsfiguren im heimischen Behindertensport. Der zweifache Goldmedaillengewinner bei Paralympischen Spielen übt aber Kritik am System.

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Thomas Geierspichler nimmt in Tokio zum sechsten Mal an Paralympischen Spielen teil
Thomas Geierspichler nimmt in Tokio zum sechsten Mal an Paralympischen Spielen teil © CHALUK
 

Tokio sind die sechsten Paralympischen Spiele für Thomas Geierspichler. Zweimal Gold, dreimal Silber und viermal Bronze hat der Salzburger in seinem Rennrollstuhl seit Sydney 2000 geholt, doch so fordernd wie heuer waren die Tage vor den Spielen noch nie. Alles ist durch die Pandemie komplizierter geworden, aber das Reisen scheint besonders schwierig. "Ich hatte das noch nie, dass man so viele Formulare ausfüllen muss", meint Geierspichler. "Es ist so extrem anstrengend und man hat eigentlich eh schon so genug zu tun. Einerseits mit dem Training und der Vorbereitung, aber auch mit Medienterminen und dem Feintuning beim Material." Viel langsamer ist er seit 2000 nicht geworden, doch die Chancen auf eine Medaille sind gesunken. "Alleine von den Körperfunktionen her müsste ich chancenlos sein", sagt er, "das zermürbt mich nicht, sondern gibt mir Motivation."

Das Ungleichgewicht basiert in der Zusammenlegung der Klassen. So kämpfen nun Athleten wie Geierspichler, die auch Schäden am vegetativen Nervensystem haben, gegen Sportler ohne diese Beeinträchtigung. "Mein Puls geht maximal bis 140 Schläge, das Lungenvolumen liegt etwa bei der Hälfte und vom Laktat her komme ich auch nicht so hoch hinauf. Das ist eine enorme Einschränkung. Das ist, wie wenn du eine 250er-Maschine hast, auf ein 50er-Moped gedrosselt wirst und andere das aber nicht haben."

Diese Neuausrichtung der Klassen widerspreche dem Grundgedanken der Paralympischen Spiele. Er vermutet ein so langes Vermengen, bis es womöglich nur noch einen Sieger pro Disziplin gibt. "Ich möchte der Stein im Schuh sein und aufzeigen, dass das nicht gerecht ist." Für Geierspichler wäre das der Todesstoß des Behindertensports. "Wenn junge Leute zu mir kommen und sagen, sie möchten mit dem Behindertensport beginnen, dann sage ich: ,Nein. Ich glaube, du bist zu behindert, um Behindertensport zu machen.‘ Das macht mich traurig, da stellt es mir die Haare auf." Geierspichler fordert da eine offene Diskussion.

Es ist keine Kritik an anderen Sportlern mit einem geringeren Behinderungsgrad, sondern an der Systematik. "Es gibt Leute, die gehen normal hackeln, bereiten sich vor den Spielen ein paar Monate vor und fahren uns um die Ohren. Mit diesen Zeiten werden dann die kommenden Qualizeiten berechnet. Die sind teilweise so utopisch niedrig, dass ich schon kämpfen muss, um mich überhaupt zu qualifizieren."

Auch mit 45 Jahren brennt Geierspichler für den Leistungssport. Vier bis sechs Stunden Training stehen jeden Tag an. Doch wie schafft er es, nicht auszubrennen? Der Glaube ist seit Langem eine Stütze in seinem Leben. "Es braucht auch die Ruhephasen und Gott ist in der Ruhe und der Stille. Die Balance, um brennen zu können, ist zu wissen, was deine Kraftquelle ist. Wenn du aus deiner eigenen Kraft heraus brennst, kannst du ausbrennen. Aber ich denke, dass meine Energie vom Unendlichen kommt, von Gott. Der Glaube an einen, der alles überwunden hat, gibt mir die Energie, Herausforderungen meistern zu können." Er muss sein Feuer nicht immer wieder aufs Neue entzünden, es brennt immer.

Wenn man eine ehrliche und nicht entwürdigende Stimmung auf Augenhöhe schafft, dann wird es vollkommen egal, ob einer behindert, rund, eckig, klein oder groß ist.

Thomas Geierspichler

Der Umgang der Gesellschaft mit Behinderten hat sich im Laufe der Jahre geändert, erzählt er. "Sagen wir es so: Vor 20, 30 Jahren hat man Behinderte versteckt. Da waren die Leute überrascht und wussten nicht, wie sie mit einem umgehen sollen. Das hat sich auf alle Fälle gebessert." Über die Medien und auch das Internet haben die Menschen mehr über Behinderte erfahren und so seien viele Schwellen gefallen. Doch es gehe darum, sich als Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

"Ich bin behindert – das weiß ich ja. Aber ich kämpfe dafür, als Sportler wahrgenommen zu werden. So wie ein Ruderer in einem Boot sitzt, sitze ich in einem Rennrollstuhl. Ich möchte als Mensch mit meiner sportlichen Leistung gesehen werden. Ich denke, dass da schon viel passiert ist." Behindertensportler sollen "nicht nur Helden sein, weil sie behindert sind", das wäre heuchlerisch und verlogen.

Der Behindertensport erfährt immer mehr Beachtung, die Aufmerksamkeit ist gestiegen. "Oft ist es aber so auf die Art: Dem Behinderten machst du eine Freude, wenn du ihm eine Medaille umhängst und eine Schokolade in die Hand gibst. Damit ist den Behinderten nicht geholfen. Da ist der Ansatz nicht richtig. Richtig ist es, die sportliche Leistung zu sehen und die Person dahinter, auch den Charakter."

Geierspichler will mit seiner offenen Art auch ein Eisbrecher sein, Grenzen aufbrechen. Aufrichtig Probleme anzusprechen, die gerade existieren, ist da der Schlüssel für ein Miteinander. "Wenn man eine ehrliche und nicht entwürdigende Stimmung auf Augenhöhe schafft, dann wird es vollkommen egal, ob einer behindert, rund, eckig, klein oder groß ist."

Kommentare (1)
zweigerl
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Lesenswert?

Auf Augenhöhe?

Im Sport passiert nix "auf Augenhöhe". Da geht's um besser, höher, schneller, und zwar objektiv gemessen. Die Behindertensportler, die jeden Resepekt für ihre tollen Leistungen verdienen, müssen diese Hierarchie ebenfalls anerkennen, wenn sie die agonalen Regeln des ´Sports akzeptieren wollen. Es ist unmöglich, die dramaturgische Wucht und den ästhetisch-akrobatischen Glanz der Superstars mit einem körperlichen Handicap zu erreichen. Auch Amateure müssen sich hinten anstellen. Gleichzeitig ist in ihrem System der heruntergeschraubte Level als "absoluter" zu bewerten.