20. FebruarDie kleinen Sorgen des Olympia-Alltags

Michael Schuen ist für die Kleine Zeitung in Pyeongchang. Er sendet täglich Grüße von den Olympischen Spielen. Lesen Sie hier seinen Brief aus Südkorea!

Grüße aus Pyeongchang von Michael Schuen
Grüße aus Pyeongchang von Michael Schuen © KK
 

Ich lasse Sie jetzt einmal an den kleinen Sorgen des Alltags teilhaben, die einen bei Olympia so quälen. Alles begann damit, dass ich Kollege S. von meiner Zufriedenheit über mein Schuhwerk berichtete. Endlich hatte ich nämlich im Herbst Schuhe gefunden, die gleich bei der ersten Anprobe passten, warm sind sie auch (was hier lange Zeit nicht unwesentlich war) und sie machen auch nur bedingt einen dicken Fuß. Just, als ich das sagte, riss ein Schuhband. Zum Glück an einer Stelle, wo man sich noch retten kann. Heute begleitete ich Kollege S. zu einer Einladung des Internationalen Sportjournalistenverbandes AIPS. Er wurde dort geehrt, weil er schon das achte Mal von Winterspielen berichtet. Und er erhielt dafür einen Kuli in Fackelform samt Zertifikat aus der Hand von Sergej Bubka. Spitzenreiter ist er mit acht Spielen übrigens nicht, für gleich drei Kollegen sind die Spiele in Pyeongchang schon die 13. Die sehen allerdings nicht mehr so jugendlich frisch aus wie Kollege S., das muss einmal gesagt werden.

Mir wurde seitens des AIPS-Präsidenten Gianni Merlo eine Teilnahmepflicht auferlegt, weil ich in der Exekutive des europäischen Verbandes bin. Der Vorteil: Weil der Empfang in der „Casa Italia“, also dem italienischen Haus, stattfand, gab es Cappuccino. Echten italienischen Cappuccino aus echten italienischen Maschinen. Das war nach Tagen von löslichem koreanischen Kaffee am Morgen fast so, wie wenn nach einer langen Nacht die Sonne wieder aufgeht. Dazu gab es auch diese kleinen, warmen Croissants. Herrlich. In einem Haus, das typisch italienisches Ambiente hat: gemütlich, stylish, extravagant. Fast ein Erlebnis. „Im Österreich-Haus“, sagte der Präsident, „machst
du Party. Hierher kommst du mit deiner Freundin.“ Schade, kann ich nicht mehr kommen, dachte ich.

Sie werden sich jetzt fragen, was das mit den Schuhen zu tun hat. Ganz einfach: Als ich heute voller Elan am Schuhband des zweiten Schuhs zog, sah ich es: Ein Riss, der sich jederzeit zum Totalschaden ausweiten kann. Ganz sanft band ich das Band, um den Riss vor einem Abriss zu bewahren. Seither bin ich hier auf der Suche nach einem Schuhband. Oder zwei eigentlich. Wenn ich die nicht finde, muss ich die bequemen Winterschuhe nämlich gegen die dicken Allzweckwaffen im Zielraum tauschen. Und die sind zwar warm, aber schlanken Fuß machen sie keinen.

Das Problem: Ich weiß nicht, was „Schuhband“ auf Koreanisch heißt, die Koreaner verstehen „shoelace“ nicht. Ich zittere um die
bequemen Schuhe. Trotz des guten Cappuccinos.
Herzlichst, bis morgen

Michael Schuen

 

 

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