EM-AnalysePhilipp Semlic: "Die Niederlande ist in keiner Phase Weltklasse"

Nicht im traditionellen 4-3-3, sondern in einem 3-5-2, treten die Niederlande unter Teamchef Frank de Boer an. Schlüsselspieler sind Georginio Wijnaldum, Frenkie de Jong und Memphis Depay.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
 

Es ist eine Revolution, die Frank de Boer als Teamchef der Niederlande eingeleitet hat: Die Abkehr vom traditionellen 4-3-3 der alten holländischen Schule hin zu einem 3-5-2-System. Das hat in der Heimat durchaus für Kritik gesorgt. Grundsätzlich beherrschen die Holländer alle Phasen des Spiels richtig gut, aber: Aus meiner Sicht sind sie in keiner Phase des Spiels absolute Weltklasse.

Grundordnung. Wie erwähnt: ein 3-5-2. Zum Auftakt gegen die Ukraine ist Matthijs De Ligt, der normal in der Dreierkette rechts spielt, ausgefallen. Obwohl er mit Jahrgang 1999 noch jung ist, verfügt er über große Erfahrung, hat mit Ajax Amsterdam und Juventus Turin schon viel erlebt. Daley Blind, Sohn des Ex-Ajax-Stars Danny, ist halblinks praktisch immer für den Aufbau zuständig. Entscheidender Spieler ist aber Frenkie de Jong, der extrem klug und variabel in seinen Positionen ist, ein unglaublich gutes Passspiel hat und damit Taktgeber ist. In der Offensive liegt das Spiel an Memphis Depay und Georginio Wijnaldum, die Halbpositionen einnehmen und mit ihrem 1:1-Verhalten und ihrer Kreativität die „Korkenzieher“ im Angriffsspiel sind. Spannend wird es, wen de Boer als Stoßstürmer einsetzt – mit Wout Weghorst (Wolfsburg) und Luc de Jong (Sevilla) hat er zwei gute Alternativen: De Jong ist technisch etwas versierter, Weghorst ist dagegen ein „richtiger Neuner“ mit Ecken und Kanten, der mit seiner Physis punktet und enorme Wucht entwickelt.

Spiel mit dem Ball. In Ballbesitz schiebt Wijnaldum aus dem Zentrum in den halbrechten, offensiven Raum, Weghorst bleibt Solospitze und Depay bewegt sich in den halblinken Zwischenraum. Die beiden Außenspieler, die „Breitengeber“ sind Patrick van Aanholdt und Denzel Dumfries. Sie schieben komplett hoch in die letzte Linie des Gegners. So schaffen es die „Oranjes“, fünf Spieler zwischen Mittelfeld- und Verteidigungslinie des Gegners zu positionieren. Die drei Spieler im Zentrum – Weghorst, Wijnaldum und Depay – sind in dauerhafter Rochade, so ist es für die Verteidigungslinie schwierig, die Räume permanent geschlossen zu halten. Was gegen die Ukraine augenscheinlich war: mehr als 50 Prozent der Angriffe kamen durchs Zentrum, die Tore fielen aber nach Angriffen über die Flügel. Grundsätzlich gilt: Holland besticht durch gutes Positions- und Passspiel und hat meist viel Ballbesitz – gegen die Ukraine über 60 Prozent. Das spricht für technisch hochwertigen Fußball.

Spiel gegen den Ball. Memphis Depay rückt gegen den Ball neben den Stoßstürmer nach vor, Wijnaldum bildet dann ein Dreier-Mittelfeld mit Marten de Roon und Frenkie de Jong. Holland versucht, mit den zwei Spitzen und durch de Jong oder Wijnaldum verstärkt, Angriffspressing zu spielen und den Ball so schnell wie möglich wieder in die eigenen Reihen zu bringen. In der Defensive agiert das Team relativ mannorientiert. Das heißt: Setzt man sich in 1:1-Duellen mit dem Gegner im Rücken durch, kann man in die letzte Linie des Gegners spielen. Das Suchen dieser Duelle ist damit zwar erfolgversprechend, aber es bringt auch Risiko: Wenn man die 1:1-Duelle im Zentrum nämlich verliert, können die Holländer schnell umschalten – und das Team hat auch die technische Qualität, die sich dann bietenden Räume zu nützen.

Schlüsselspieler. Wie erwähnt, sehe ich vor allem ein Trio in der Rolle der Schlüsselspieler. Frenkie de Jong hat überragende Fähigkeiten, agiert technisch perfekt, ist eben der Taktgeber. Er hat ein gutes Gespür, wann er sich in welche Räume bewegen kann und er ist ein sehr guter Passspieler. Das kann man auch statistisch festmachen: Gegen die Ukraine hatte er etwa 124 Aktionen, egal ob Pässe, Zweikämpfe oder Toraktionen. Bemerkenswert: 105 davon hat er auch erfolgreich abgeschlossen, das sind unglaubliche 85 Prozent – von 101 Pässen brachte er 92 Prozent an den Empfänger.

Und der Barcelona-Akteur hat damit um ein Viertel mehr Aktionen als der zweitbeste Spieler der Niederländer in dieser Statistik. Wijnladum ist der offensivere aus dem zentralen Mittelfeld, er agiert zwischen Mittelfeld und Verteidigungslinie des Gegners – und das sehr gut. Der Neo-PSG-Spieler hat praktisch immer eine Lösung, wenn er den Gegner im Rücken hat oder wenn er Druck bekommt. Das alleine ist ein hohes Qualitätsmerkmal und dazu ist Wijnaldum auch noch torgefährlich. Und dann ist da noch der sehr kreative Memphis Depay, im 1:1 stark, er strahlt in allen Aktionen hohe Torgefahr aus – und kann durch eine einzelne Aktion viel bewegen.

Kommentare (4)
vanhelsing
1
9
Lesenswert?

Morgen werden wir das sehen!

🤪

lamagra
1
28
Lesenswert?

Was bitte ist dann Österreich?

Wer am Sonntag beide Spiele gesehen hat, weiß wie überlegen die Holländer im Aufbau und Angriff gegenüber Ö ist!
Wenn man dann sagt, dies wäre nicht 'weltmeisterlich', was bitte war dann hingegen die Leistung von Ö? Unterirdisch?
ACHTUNG! Dies soll jetzt keine Kritik am Spiel der Österreicher sein, nur eine Kritik an der Einschätzung dieses 'Experten'!

Lodengrün
2
21
Lesenswert?

So etwas

zu sagen ist schon ein starkes Stück. Allein ihr Sturm ist es. Aber er soll nur seine Mantschgerl auf seiner Tafel hin und herschieben. Vielleicht glaubt ihm das einer auch.

Ragnar Lodbrok
1
17
Lesenswert?

Na dann werden die Niederlande

wohl demnächst beim Lafnitz Trainer anklopfen?