EM-AnalysePhilipp Semlic über Österreich und den abkippenden Alaba als Schlüsselfaktor

Lafnitz-Trainer Philipp Semlic analysiert die Österreicher. Warum David Alaba eine entscheidende Rolle zukommt und worauf es für den Erfolg ankommt.

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Jürgen Semlic im Analyse-Studio der Kleinen Zeitung. © Juergen Fuchs
 

Grundordnung. Zu 80 Prozent seiner Zeit hat Teamchef Franco Foda auf ein 4-2-3-1 vertraut, zuletzt hat er experimentiert mit dem 3-5-2, das hat auch nicht so schlecht funktioniert, ich glaube, beide Systeme funktionieren im Team, wir hätten für beide die richtigen Spieler.

4-2-3-1. Das ist jenes System, wo alle Spieler die Abläufe kennen, wo das Thema Kompaktheit sehr wichtig ist und wir dem Gegner sehr wenige Torchancen ermöglichen. Das ist das Altbewährte, alle kennen sich aus – und vor allem das Spiel gegen den Ball funktioniert meines Erachtens schon sehr gut, was auch die statistischen Daten unterstreichen.

Spiel gegen den Ball. Österreich hat in der EM-Qualifikation mit den besten Wert in der ppda-Statistik gehabt, die „Passes per Defensive Action“ oder auf Deutsch: Wie viele Pässe lassen wir zu, bevor Druck auf den Gegner ausgeübt wird bzw. dieser in einen Zweikampf verwickelt wird. Im Schnitt lässt die Foda-Truppe nur sechs bis sieben Pässe zu, bevor man Zugriff erhält, ein echter Top-Wert.

Pressing-Auslöser. Viele erwarten sich vom Team ein Spiel a la Salzburg, ein hohes Pressing über fast das gesamte Spiel. Tatsache ist, dass wir oftmals ein hohes Pressing spielen, aber mitunter sehr wohl in ein tiefes Pressing fallen, was nicht schlecht sein muss. Klar ersichtlich ist für mich die Grundidee, dass der Gegner den Ball auf die Außenverteidigung spielt – das ist der Auslöser für das Pressing. Das funktioniert auch gut, denn das ÖFB-Team hat in der Qualifikation 40 Prozent aller Tore nach Ballgewinn erzielt, das ist ein Top-Wert.

Das Spiel in Ballbesitz. Wir hatten zuletzt Probleme, Tore zu erzielen, also darf man das Spiel mit dem Ball als „Entwicklungspotenzial“ orten. Im Teamcamp in Bad Tatzmannsdorf hat Franco Foda aber daran hart gearbeitet, auch wenn die Erfolge in Toren gemessen noch nicht zu erkennen waren. Aber die Idee, die verfolgt wird, die war schon klar erkennbar – und in dieser Idee spielt David Alaba eine Schlüsselrolle, die auch die Frage beantworten sollte, wo er denn im Team am besten aufgehoben ist bzw. spielen wird.

Alabas Rolle wird entscheidend

David Alaba, die abkippende 6. In Ballbesitz lässt sich Alaba auf die Position halblinks neben Martin Hinteregger fallen und verlässt das zentrale Mittelfeld. Von dieser Position aus hat er das ganze Spiel vor sich. In diesem Raum ist er für mich Weltklasse und es ist auch genau der Raum, den er bei Bayern bekleidet hat, als die Münchner die Champions League gewonnen haben, die breite Innenverteidigung. Alaba kann hier entscheiden, in welchen Räumen der Angriff gestartet wird.

Spielaufbau, Spieleröffnung. Das Abfallen von Alaba bedingt, dass der linke Außenverteidiger – wohl Andreas Ulmer – nach vorne schiebt. Alaba hat damit vier Anspielstationen, unter denen er wählen kann: Entweder in den Halbraum zu Baumgartner oder Sabitzer, die dann dort Überzahlsituationen schaffen. Oder er spielt in die Breite zu Ulmer, der am Flügel eine Spielfortsetzung hat. Ist die linke Seite zugestellt, kann er über den zweiten Sechser (Julian Baumgartliner) eine Spielverlagerung auf die sogenannte ferne Seite einleiten. Wenn Alaba unter Druck kommt, ist die vierte Möglichkeit, einen Chip-Ball hinter die letzte Linie des Gegners auf den tief laufenden Stürmer (Marko Arnautovic) zu spielen. Ziel ist es, im Positionsspiel einen freien Ball auf die letzte Linie des Gegners zu bekommen, um in die Tiefe hinter dieser letzten Linie zu gelangen. Genau das zu schaffen, ist das Ziel jedes Teams, dafür suchen Trainer Rezepte. Die Version über die abkippende 6 dorthin zu kommen, ist ein probates Mittel. Aber: Taktische Flexibilität ist entscheidend, weil nicht jede Situation gleich abläuft. Wie die Spieler dann in der Situation wirklich agieren bzw. reagieren, bringt oft die Entscheidung in einem Spiel.

Gegenpressing. Eine entscheidende Frage wird auch sein, wie sich die Österreicher nach Ballverlusten verhalten. Unsere Gegner, mit Ausnahme der Niederlande, werden auch gegen uns wohl eine defensive Spielweise wählen. Damit ist es klar, dass es im offensiven Drittel zu Ballverlusten unseres Teams kommt. Die Frage ist, wie man dann Umschaltmomente bzw. vertikale Pässe des Gegners verhindert, um ihn seiner Stärken zu berauben. Es braucht hohen Fokus, hohe Konzentration und Disziplin der Österreicher in diesen Phasen.

Schlüsselspieler. David Alaba ist der Schlüssel – bringt er seine Stärken auf den Platz, ist er die Schaltzentrale im Offensivaufbau. Wichtig wird sein, dass er Führungsqualitäten auf den Platz bekommt und das Team mitreißt. Zweiter Schlüsselspieler ist Marcel Sabitzer in der 10er-Position. Von ihm wird abhängen, zu wie vielen Chancen wir kommen. Je mehr gute Momente und Pässe er im offensiven Drittel hat, desto mehr Chancen können wir uns erspielen. Der dritte Schlüsselspieler ist Marko Arnautovic. Für mich ist es eine 50:50-Frage, ob er spielen kann. Aber ist er dabei, dann ist er dank seiner Kreativität und seiner Unberechenbarkeit brandgefährlich.

Tormann. Ich finde es gut, dass man sich vor der Euro noch klar auf eine Nummer eins festgelegt und positioniert hat. Daniel Bachmann hat in Watford eine gute Saison gespielt, er hat das Vertrauen auch verdient. Was dazu kommt: In dieser Formation zählt das österreichische Team nicht zu den größten Mannschaften, da ist die physische Präsenz und Größe des England-Legionärs sicher ein Pluspunkt.

Kommentare (2)
peso
1
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"... hat das auch nicht so schlecht funktioniert"

In welcher Fußballwelt lebt denn der "Experte"? Die Spieler sind in den letzten vier Jahren mit Sicherheit nicht schlechter geworden, aber trotzdem geht's mit dem Nationalteam bergab.

Peterkarl Moscher
0
2
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Wahrheit tut weh !

Foda will wieder mit Angsthasenfußball Erfolg haben, mehr offensiv und
schnell über Flügel der Fußball fehlt uns schon lange !!!