Eine einfache Frage zum Einstieg: Die wievielte EM ist das nun?
OLIVER POLZER: Das ist wirklich eine einfache Frage, ich bereite mich gerade vor. Es ist die 16. So erwischt man mich nicht.

 

Ich meinte aber eigentlich, die wievielte EM es für Sie als Kommentator ist. 
Ach so. Es ist, da muss ich überlegen, meine sechste. Seit 2000 bin ich dabei.

Und die Vorfreude ist wie groß?
Ich freue mich wahnsinnig. Es ist anders als gewohnt, weil wir die Gruppenphase, mit Ausnahme der Österreich-Spiele, aus dem ORF-Zentrum kommentieren. Aber die Freude auf so ein Turnier ist immer groß. Österreich ist auch dabei, das macht es noch spannender. 

Aber haben Sie nicht auch das Gefühl, dass die Begeisterung grundsätzlich noch, sagen wir, überschaubar ist?
Ja, dieses Gefühl habe ich schon auch, aber ich glaube auch, es mir erklären zu können. Es liegt für mich schon auch daran, dass wir so wenig soziale Kontakte haben durften – und die braucht man für Begeisterung. Das Zusammensitzen, das Philosophieren, die Besuche im Stadion. Daher redet man weniger über Fußball und die EM. Und daher glaube, ich auch, dass das Empfinden ein wenig täuscht. Aber viel wird natürlich davon abhängen, wie Österreich startet.

Aufgefallen ist das vielen auf öffentlichen Flächen, in Supermärkten, wo man weniger Euro sieht als normal, oder?
Das könnte sogar stimmen. Was mir aber schon aufgefallen ist: Die Werbungen für Fernseher sind zuletzt stark gestiegen. Und wer weiß, vielleicht kommen ja bald die ffp2-masken in Nationalfarben dazu.

Die gibt es aber nur, wenn Österreich gut spielt. Zuletzt hörte man auch in Ihren Kommentaren nicht unbedingt Zufriedenheit – was darf man vom österreichischen Team fordern?
Fordern kann ich gar nichts. Meine Aufgabe ist es, darauf zu schauen, was passiert und möglichst objektiv zu berichten. Während des Spiels das zu analysieren, was passiert, den Zuschauern und Zuschauerinnen das zu erklären, was sie nicht sehen können. Und wenn ich an das Spiel gegen die Slowakei denke und wenn ich da sehe, wie schwer sich die Mannschaft tut, dann kann man schon Gefühl dazu mischen. Vernünftig sagen, dass das nach zu wenig ausgeschaut hat. Wir haben gelernt, dass wir uns nicht so viel erwarten sollen wie vor fünf Jahren. Aber wir haben eine Mannschaft mit so vielen Spitzenspielern. Daher darf man sich das auch erlauben und sagen, dass das gegen die Slowakei zu wenig war. Wir hatten das Gefühl, dass der Mannschaft Konzept und Linie gefehlt haben. Das kann man dann auch ansprechen. Aber Franco Foda wird seine Ideen gehabt haben. 

Was ist Österreich denn Ihrer Meinung nach zuzutrauen?
Ich glaube, dass viel vom ersten Spiel abhängt. Aber das Ziel, die Gruppenphase zu überstehen, ist absolut realistisch. Das nicht zu schaffen, wäre eine Enttäuschung.  Und dann trau ich mich gar nichts zu sagen. Wenn da Knöpfe aufgehen und wir Wege gefunden haben, die richtigen vorne mit Bällen zu füttern, dann ist allemal noch mehr möglich.

Haben Sie einen Tipp für den Europameister?
Nein – und ich erkläre auch, warum. Ich habe für mich festgelegt, dass ich nicht Fan einer Mannschaft sein will. Und ich will auch nicht ein Turnier lang einem Tipp hinterher kommentieren. Ich finde es großartig, wie flott in der englischen Liga gespielt wird, ich finde die französische Mannschaft toll, ich bin gespannt, wie die nun doch nicht mehr ganz so junge Mischung von Jogi Löw funktioniert. Aber den einen Tipp, den will ich mir nicht antun. Auch nicht das Leid, dann enttäuscht zu sein, wenn es anders kommt. Langweilig, aber wahr. 

Eine Euro in 10 Ländern, an 11 Orten, 12 Monate später als geplant. Schlägt es da  13?
Ich hinterfrage schon alles, ich bin sehr kritisch. Ich hab es immer gern gehabt, in ein oder zwei Ländern unterwegs zu sein, die Menschen dort zu treffen. Aber wir glauben alle, zu wissen, warum es einst zu dieser Idee von Michel Platini kam. Dass es uns alle in Zeiten der Pandemie mit dem Reisen durch viele Länder doppelt erwischt, ist klar. Und ich finde es nicht gut.

Was finden Sie gut?
Dass die Menschen wieder zusammenkommen dürfen. Ich bin gespannt, ob noch EM-Flair entsteht, auch in den einzelnen Ländern der Austragungsorte. Weil man ist ja an sich  nur in einem Stadion, in einer Stadt, mit zwei Mannschaften. That’s it. 

Geht beim Kommentieren aus dem ORF-Zentrum nicht etwas ab?
Mir fehlt das Stadion sehr, muss ich zugeben. Auch, wenn ich die Maßnahme verstehe und unterstütze. Aber ich bin der Meinung, dass du mit dem Flair und der Stimmung und im Stadion einen ganz anderen Blick hast, auch als Kommentator mehr Wert bieten kannst.