Fangen wir mit einem Überblick an: Wo sehen Sie den größten Änderungsbedarf, um die Lehre als Ausbildungsweg attraktiver zu machen?
MARGARETE SCHRAMBÖCK: Wir müssen stärker ins Bewusstsein rufen, dass die Lehre etwas ganz Wichtiges ist. Denn das ist sie oft in den Familien und bei den Eltern nicht. Dazu muss man aber einiges an den Lehrberufen ändern. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Lehrberufe bis Ende 2019 überarbeitet und mit digitalen Inhalten erneuert werden müssen.

Noch im Jänner sollen ­Friseur- und Gastronomie­berufe „digitalisiert“ werden – was wird sich bei diesen analogen Berufsbildern ändern?
Jedes Berufsbild hat heute einen digitalen Inhalt. Wir haben 200 Lehrberufe – wenn man beispielsweise die Gastronomie hernimmt, da sind Buchungssysteme, der Einkauf und vieles mehr häufig bereits digital. Ein Gastronomiebetrieb, der digitale Möglichkeiten nutzt, ist viel effizienter und erfolgreicher. Ein Beispiel: Die No-show-Rate reduziert sich wesentlich, wenn Sie ein digitales Buchungssystem haben und die Kunden erinnert werden.

Was verändert sich damit für Lehrlinge?
Sie lernen, diese Systeme zu bedienen. In der Gastronomie ist heute schon vieles digital – das alles zu verstehen und vielleicht sogar einmal in der Lage zu sein, das selbst zu entwickeln, wird Lehrlingen beigebracht. Manche Lehrberufe reichen zurück bis in die 1970er-Jahre. Der Lehrberuf des Dachdeckers ist zuletzt 1973 überarbeitet worden …

… gerade für diese Berufssparte unverständlich.
Ja, und das wird uns nicht mehr passieren. Bisher war das jedoch nirgends geregelt. Wir werden das Berufsausbildungsgesetz noch im ersten Quartal 2019 novellieren, da schreibe ich hinein, dass jeder Lehrberuf alle fünf Jahre überprüft werden muss.

Margarete Schramböck
© JOHANNES REPELNIG



Wo sehen Sie den digitalen Lernbedarf bei Friseuren?
Bei der Salonsoftware, bei den Regis­trierkassen, beim Internet­auftritt des Friseurs! Auch dort geht es um eine Verbindung des manuellen Handwerks mit neuen Themen. Die, die eine Lehre machen, stellen einen Großteil der Gründerinnen und Gründer in Österreich. Viele von ihnen werden eine Firma gründen – und dann müssen sie das Bestmögliche in der Lehre gelernt haben. Es ist auch eine große Chance für Unternehmen, junge Leute zu bekommen, die mehr wissen als die Chefs: Lehrlinge sind sehr digital unterwegs und können den Meistern und Eigentümern neue Themen näherbringen. Wir haben zu lange zu wenig Wert auf die digitalen Möglichkeiten in Lehrberufen gelegt.

Wie bewähren sich die neuen, „digitalen“ Lehrberufe?
Wir haben im Herbst neue Lehrberufe eingeführt, etwa den Coder, den E-Commerce-Kaufmann/die E-Commerce-Kauffrau. Und einen, der sich um das Thema „Internet der Dinge“ kümmert, die „Machine-to-Machine“-Kommunikation. Wir haben seit der Einführung im September in diesen drei Berufen bereits 200 Lehrlinge österreichweit. Die Nachfrage ist groß. Diese neuen Lehrberufe sind vor allem für junge Frauen attraktiv. Bei den E-Commerce-Kaufleuten sind 50 Prozent der Lehrlinge weiblich.

Sehr viel macht die Baubranche: 18 Millionen Euro werden in die Neuausrichtung der Lehre investiert – vorbildlich, aber auch eine große Konkurrenz zu finanziell schlechtergestellten Berufsgruppen?
Wir unterstützen auch die nicht so gut bestallten Berufsgruppen dabei, die Inhalte voranzubringen und rasch zu überarbeiten. Wir werden bis Ende 2019 über 90 Prozent aller Lehrberufe überarbeitet haben.

Hat Österreich bei der Lehre nach der Matura Aufholbedarf?
Ja. Ich verfolge ein ganz klares Ziel – wie können wir es schaffen, dass wir mehr Maturanten in die Lehre bringen? In Deutschland schlagen 28 Prozent der Maturanten diesen Weg ein, in Österreich sind es nur drei Prozent.

Wie wollen Sie das ändern?
Indem wir uns klar darauf konzentrieren, dass die Lehre nach der Matura möglich und attraktiv ist. Indem wir etwa das oberösterreichische Modell der „Dualen Akademie“ mit einer auf zwei Jahre verkürzten Lehrzeit nach der Matura heranziehen. Die theoretischen Themen haben die Maturanten alle intus. Weil sie etwas älter sind, bräuchte man eigene Klassen, darauf muss man Rücksicht nehmen. Lehrlingen, die älter als 18 Jahre sind, kann man ein höheres Gehalt zahlen – die Differenz bis zum Einstiegsgehalt für Ausgelernte zahlt das AMS, das wissen viele kleine Unternehmen gar nicht.

Welche Quote bei Maturanten peilen Sie an?
Ich will mich auf keinen Prozentsatz festlegen, aber wir haben sehr viel Entwicklungsbedarf. Wir werden den Fachkräftemangel nicht lösen, wenn man weiter das Gleiche tut, was man schon immer gemacht hat. Also Ausschau nach jungen Männern zwischen 16 und 20 hält. Wir brauchen neue Zielgruppen wie die über 18-Jährigen, die Maturanten. Die Lehre muss eine Alternative zum Studium sein. Wir arbeiten an diesem Thema, das Konzept sollte Mitte des Jahres fertig sein.

Wäre ein höheres Entgelt für Lehrlinge eine weitere Maßnahme zur Attraktivierung des Lehrberufs?
Ein Lehrling verdient ungefähr 200.000 Euro, bis ein Student mit dem Studium fertig ist. Lehrlinge sind also richtige Macher und fangen schnell an, selbstständig zu werden. Die Durchlässigkeit muss aber erhöht werden. Nach der Lehre sollte man ein Studium beginnen können – das ist in Österreich noch nicht verbreitet.

Und die Lehrlingsentschädigung?
Wer will schon eine Entschädigung? Wir werden den Begriff abschaffen und durch Lehrlingseinkommen ersetzen. Damit wollen wir die Wertschätzung für den Lehrberuf zum Ausdruck zu bringen. Es freut mich, dass in den Kollektivvertragsverhandlungen diese Ergebnisse rausgekommen sind, das unterstützt uns.

Luft nach oben bei der Höhe des Einkommens ist vorhanden?
Es obliegt den Unternehmen zu sagen, wie sehr wertschätze ich die Lehrlinge? Was ich machen kann, sind variable, leistungsbezogene Bestandteile, Ausbildungsmaßnahmen oder Events für die Lehrlingscommunity.

Das Tal der Tränen – immer weniger Lehrbetriebe und Lehranfänger – dürfte durchschritten sein?
Die Zahl der ausbildenden Betriebe hat sich stabilisiert, die Lehrlingszahlen steigen. Es ist wichtig, dass die Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen. Das Erste, was Unternehmen bei Fachkräftemangel zu tun haben, ist, Lehrlinge auszubilden. Kleinere Betriebe brauchen verstärkt Lehrlingsverbünde. Die gibt es, sie werden aber noch zu wenig genutzt. Ich rufe die Leitbetriebe auf, Lehrlingsverbünde mit den kleineren Betrieben zu schließen.

Auf die Unternehmen und Berufsschulen kommt also viel Veränderungsbedarf zu.
Ja, das ist richtig, da ist einiges zu tun. Wir befinden uns ja im Jahr der Bildung. Dazu gibt es einen dreistufigen Masterplan an den Schulen – wir müssen die Lehrer an den Berufsschulen unterstützen, damit sie möglichst rasch die nötigen Kompetenzen bekommen und die Lehrer im „Train the ­Trainer“-Konzept ausbilden.