EssaySchotter, Shakespeare und ein Loblied auf die Lehre

Von dem Moment, in dem einem die Relativität jeglicher Bildung bewusst wird und vom wahren Wert der „nur zweitbesten Ausbildung“.

Ernst Sittinger © Gery Wolf
 

Vor ungefähr 20 Jahren bat ich einen Bauern aus der Nachbarschaft um Hilfe bei der Sanierung der Zufahrt zu unserem Ferienhaus. Er fuhr mit dem Traktor vor und wir begannen, Schotter auf den Anhänger zu schaufeln. Nach zwei Schaufelbewegungen hielt er inne, sah mich kritisch an und sagte trocken: „Na, viel hast du aber noch nicht geschaufelt in deinem Leben!“ Dann brachte er mir bei, wie man mit einer Schaufel in einen Haufen sticht: nicht mit der Kraft der Arme, sondern mit jener der Oberschenkel.

Das war der Moment, in dem mir die Relativität jeglicher Bildung bewusst wurde: Ich hatte Jahre auf höheren Schulen und Universitäten zugebracht, hatte zwei akademische Grade erworben und damit die „höchste“ Bildungsstufe erreicht, die der Staat anbietet. Aber mit einer Schaufel in einen Haufen stechen – das konnte ich nicht. Und damit trat auf banale Weise zutage, dass einer, der mit seiner Hände Arbeit etwas Greifbares zuwege bringt, fürs Leben auch nicht schlecht gerüstet ist.
Es geht nämlich bei „Bildung“ nicht nur um die Frage, wer wann was wissen und können muss. Unterschwellig verweist das Bildungsthema stets auf Hie­rarchien, auf Schichtungen in unserer Gesellschaft. Wer ein behördliches Formular ausfüllt, muss die „höchste abgeschlossene Ausbildung“ anführen. Zur Auswahl stehen die alten Kategorien von der Grundschule über mittlere Bildung und Lehre bis hinauf zum Universitätsabschluss.

Lehre ...

... soll lehrreich sein, aber nicht leerreich. Den erfolgreichen Absolventen ist ihre Lehre eine Lehre gewesen. Sie sind fortan gelehrt, obwohl sie fälschlicherweise nicht als Gelehrte gelten. 


Ist das noch zeitgemäß? Ist das sachgerecht? War es das jemals? Logisch eingängig ist die strikte formale Hierarchisierung von Bildungsebenen jedenfalls nicht. Natürlich stimmt es zwar, dass man für ein Studium im Allgemeinen starke geistige Anstrengungen unternehmen muss, die eine über dem Durchschnitt liegende Begabung zur Grundlage haben. Aber stimmt das für den Mittelstürmer beim Fußballklub Real Madrid etwa nicht? Stimmt das nicht für den Geigenbauer, für den Haubenkoch, für den Gärtner, für den Buch-Restaurator, für den gewieften Verkäufer? Es stimmt sogar für den Zimmermann, den Bauarbeiter und den Pflasterer. Sie brauchen eine ziemlich robuste Wirbelsäule, um ihr Berufsleben lang mit Lasten zu hantieren. Auch das ist eine „Qualifikation“ (und für die Betroffenen oft eine Qual).

Wer also Bildung in Hie­rar­chien einteilen will, muss entweder als „Begabung“ nur die intellektuell-geistigen Fähigkeiten im Bereich der klassisch etablierten Wissenschaften gelten lassen. Oder er muss die Frage beantworten: Was ist die beste Bildung, die man erwerben kann? Und darauf wird er gewiss eine letzte, allgemeingültige Antwort schuldig bleiben. Kein Mensch käme auf die Idee, eine möglichst hohe Fußballerquote oder Installateure-Quote oder Fliesenleger-Quote als Ziel zu formulieren. Aber weil die post­industrielle Gesellschaft immer komplexer wird und Akademiker als irgendwie „he­rausragend“ etikettiert sind, wird die Akademikerquote als Gütesiegel hochgehalten. Sie gilt als Maß für die Leistungsfähigkeit des Bildungswesens und als Indikator für die Arbeitsmarkt-Fitness der Gesellschaft.

Bildung ...

... soll bilden, aber nicht einbilden. Der Gebildete macht sich Bilder von der Welt. Er ist bereit, sie stets zu übermalen, wenn sich Zusammenhänge und
Erkenntnisse ändern.


Das hatte einst seine Berechtigung. Doch heute ist längst ein Überangebot an Akademikern zum Problem geworden. Wer soll die vielen Juristen künftig beschäftigen? Obwohl Akademikerschwemme und Akademiker-Arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten Begriffe sind, wird unverdrossen weiter vom „Aufholbedarf“ gesprochen. Die Glücksformel lautet Universität, dabei sollte sie doch eigentlich Diversität lauten.
Unter anderem wird geklagt, dass Bildung viel zu stark vererbt werde. Arbeiterkinder werden Arbeiter, Professorenkinder werden Professoren. Das mag zum kleinen Teil an biologisch vererbten Begabungen liegen. Zum größeren Teil liegt es an Lern- und Lebenstraditionen, die über die Generationen weitergetragen werden. Dahinter steht ein bildungskulturelles Kastenwesen: Die Kinder sollen nämlich „was G’scheites“ lernen. Und was das im Einzelfall genau ist, bestimmt in erster Linie die Lebensrealität der Eltern.

Die Forderung allerdings, es müsse viel mehr Durchmischung geben, ist auch kein Königsweg. Denn wenn möglichst viele Arbeiterkinder studieren sollen, dann gibt es ja nur zwei mögliche Entwicklungen: Entweder müsste man sich umgekehrt wünschen, dass Kinder von Uniprofessoren möglichst selten studieren. Aber was wäre die Begründung dafür? Oder es studieren allmählich alle. Dann fehlen plötzlich die Nichtakademiker am Arbeitsmarkt. Die Massenuniversität wird unterdessen zur Fließband­produktionsstätte weitgehend wertloser Formalabschlüsse. Sie wirft die Qualität über Bord, um die Quote zu schaffen. Mehr noch: Aus der antiegalitären Verlegenheit, dass Akademiker unausrottbar als „etwas Besseres“ gelten, versuchte man sich dadurch zu befreien, dass ständig neue Berufsfelder und Ausbildungswege einer amtlich verordneten Akademisierung unterzogen werden.

Natürlich kann man auch Krankenschwestern und Pflegekräfte mit Hochschuldiplomen ausstatten. Aber zu glauben, dass die dann höhere Akademikerquote eine reale Bedeutung jenseits des Etiketts hat, wäre vermessen. Was wir stattdessen dringend brauchen, ist eine umfassende Renaissance der Lehrberufe um ihrer selbst willen. Die Lehre sollte als in jeder Hinsicht gleichwertig und ebenbürtig mit einem Uniabschluss beurteilt werden. Es geht also nicht um „Durchlässigkeit“, sondern um Gleichwertigkeit. Die Botschaft darf nicht lauten: Mache eine Lehre, weil dann hast du nachher die Chance, noch zu studieren und etwas Besseres zu werden. Sondern: Mache eine Lehre, wenn du dazu geeignet bist. Dann bist du etwas „Besseres“!

Lehre ...

... muss vom Stigma der „zweitbesten Ausbildung“ befreit werden – das wäre der Einserschmäh für die Lösung vieler Probleme am Arbeitsmarkt.


Langfristig brauchen wir ein völlig anders aufgebautes Beziehungsgeflecht der Bildungswege. Es dürfte gar keinen von vornherein „höheren“ und „weniger hohen“ Wissenserwerb geben. Dieser Ansatz darf nicht verwechselt werden mit Gleichmacherei. Gewiss gibt es mehr und weniger gebildete Menschen. Und es spricht auch manches dafür, den Bestand der gutbürgerlich-klassischen Allgemeinbildung als einen ziemlich sturmfesten Kanon für ein zufriedenes Leben anzupreisen. Aber die Einteilung in „höhere“ Bildung und „nur“ handwerkliche Fertigkeiten geht an der Lebensrealität vorbei: Wieso soll jemand, der Shakes­peare zitieren, aber keine Steckdose montieren kann, ein irgendwie „besserer“ Mensch sein als sein umgekehrt befähigter Nachbar? Der Grundgedanke muss lauten: Jeder Mensch ist auf irgendeinem Gebiet besonders talentiert. Schon allein dieser Gedanke stellt sich gegen ­Bildungshierarchien. Um möglichst vielen ein möglichst gutes Leben zu verschaffen – und nur das kann ja die gesellschaftliche Glücksformel sein –, müssen wir alles dafür tun, die schlummernden Begabungen und Leidenschaften eines jeden zu wecken, zu stärken und in einen erfüllenden Beruf münden zu lassen.

Gewiss gibt es auf jedem Bildungsweg Menschen, die sich leichter- oder schwerertun. In jeder Gruppe gibt es welche, die begabter, fleißiger, erfolgreicher sind als andere. So, wie es auch körperlich mehr oder weniger gut trainierte Menschen gibt. Aber der Sport ist ein gutes Beispiel: Es gibt gute und schlechte Fußballer. Aber Fußballer sind nicht als Gruppe „besser“ als Handballer. Die Lehre muss also vom Stigma der „nur zweitbesten“ Ausbildung befreit werden – das wäre der Einserschmäh für die Lösung vieler Probleme am Arbeitsmarkt. Und Facharbeiter haben ja allen Grund, selbstbewusst zu sein. Handwerk hat „goldenen Boden“. Facharbeiter können häufig weltweit tätig sein. Der von ihnen geschaffene Mehrwert ist praktischer Natur, die Nachfrage ist weniger krisenanfällig als jene nach akademischen Leistungen. Und was die geistigen Anforderungen betrifft, stehen viele Lehrberufe heute schon längst auf Universitätsniveau. Viele Facharbeiter-Berufe kann man übrigens auch am Land ausüben. Dort ist der Wohnraum noch bezahlbar, die Nachbarschaft ist hilfsbereit, die Wege sind kurz. Man lebt, wo andere Urlaub machen. Man kann sogar bei offenem Fenster schlafen. Und wenn einem ­langweilig wird, kann man die eigene Auffahrt neu schottern. Man hat ja zu schaufeln gelernt!

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