Wenn man einen Schatz hebt, dann also wohl so. Ganz im Sinne seines Lehrmeisters René Jacobs, der ebenfalls bei den "Innsbrucker Festwochen der Alten Musik" wirkte, hatte De Marchi in diesem Jahr abermals eine Opernrarität aufs Programm gesetzt, die in Vergessenheit geraten war. Dieses Vorhaben ist dem Festwochenintendanten, der 2023 von dannen ziehen wird, so gut wie selten zuvor gelungen.

Die Regie von Georg Quander, die trotz der eher einfachen Handlung über die ganze Zeit die Spannung halten konnte, und das grandiose Bühnenbild von Julia Dietrich, bereiteten ihm und seinem Festwochenorchester offenbar die optimale Spielwiese dazu. Dieses musizierte jedenfalls höchst präzise und sehr beherzt, an den richtigen Stellen zupackend und doch stets mit einer enormen Sensibilität in Hinblick auf die im Barockopern-Kontext überaus erstaunliche Klangfarbenfülle von "Silla".

Die eher einfache Handlung der Oper, deren Libretto Giovanni Pietro Tagliazucchi für die Uraufführung 1753 aus dem Französischen in italienische Verse übertragen hatte, tat dem keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Die Geschichte, in der der römische Diktator Silla, brillant gesungen und gespielt von Bejun Mehta, trotz Siegen und politischen Erfolgen nicht wirklich glücklich wurde und schließlich seine Angebetete Ottavia, grandios verkörpert von Eleonora Bellocci, gewaltsam ihrem Liebsten entreißen und zu sich bringen ließ, bot viel Platz für die sonstigen Inszenierungsebenen.

Der Geliebte von Ottavia, Postumio, überzeugend in Szene gesetzt von Samuel Mariño, glänzte mit tänzerisch-leichtfüßiger Stimmakrobatik, während "seine" Ottavia mit grandiosem Schauspiel auftrumpfen konnte, bei dem etwa eine gezielte Handbewegung und ein vernichtender Blick von ihr alles Leid und Kummer der emotionsgeladenen Arien auf den Punkt bringen konnten. Und derer gab es genug: Duette der beiden Liebenden berührten dabei tief, ausgelotete Abgründe trafen überraschend unmittelbar.

Das Bühnenbild versetzt einen dazu zurück in die Zeit der Spätphase der römischen Republik, als Lucius Cornelius Sulla agierte, der als Vorbild für "Silla" diente. Mit dezenter Beleuchtung, die die Bühne etwa in ein Rot tauchte, als Ottavia um ihren Geliebten bangte, fand man hier insgesamt die absolut richtige Balance zwischen Historismus und zeitloser Atmosphäre.

Für die Hauptdarsteller "Ottavia" und "Silla" gab es schließlich nach rund drei Stunden Nettoopernzeit den vielleicht euphorischsten Applaus, wobei alle Agierenden, ob auf oder hinter Bühne, mit lautem Jubel bedacht wurden. Auch De Marchi und sein Orchester durften sich lautstarken und lange anhaltenden Applaus abholen. Zurecht.

(S E R V I C E - "Silla" von Carl Heinrich Graun, Libretto von Friedrich II., in italienische Verse übertragen von Giovanni Pietro Tagliazucchi. Regie: Georg Quander. Musikalische Leitung: Alessandro De Marchi. Bühnen- und Kostümbild: Julia Dietrich. Mit Bejun Mehta - Silla, Valer Sabadus - Metello, Hagen Matzeit - Lentulo, Samuel Mariño - Postumio, Eleonora Bellocci - Ottavia, Roberta Invernizzi - Fulvia, Mert Süngü - Crisogono. Weitere Vorstellungen am 7. und 9. August. )