APA: Selten hat man als Zuschauer den Eindruck, so tief in die Seele von Menschen im Fly-over-Country zu blicken. Wie ist Ihnen das als Deutscher gelungen?

Bastian Günther: Meine Frau ist aus den USA, und seit zwölf Jahren pendeln wir zwischen Berlin und Texas. Zugleich hilft es aber, dass ich auch ein Außenseiter bin. Man hat einfach einen anderen Blick auf die Dinge, als wenn man immer hier gelebt hätte. Der Blick von außen zwingt einen, genau hinzusehen, weil man keine Klischees bedienen oder Fehler machen will. Zugleich bin ich so lange hier, dass ich die Leute ganz gut verstehe.

APA: Sie werfen einen nüchternen Blick auf Ihre Figuren, aber keinen zynischen. Entspricht Ihnen das als Filmemacher, oder war dies ein spezieller Ansatz für diese Erzählung?

Günther: Ich glaube, dass meine Filme generell so angelegt sind, dass man die Menschen ernst nimmt. Dieser Wettbewerb, bei dem Menschen so lange um ein Auto herumstehen müssen, bis nur mehr einer überbleibt, spiegelt das System wider, in dem wir leben: Darwinismus, Kapitalismus, wer nicht stark genug ist, geht unter. Und das klagt "One of these days" an: So können wir nicht miteinander umgehen. Wenn man diese Haltung vermitteln möchte, ist es wichtig, ehrlich mit den Charakteren umzugehen - ob das eine zentrale Figur ist, oder eine, die nur sehr wenig Zeit auf der Leinwand hat.

APA: Wie sind Sie zu dem Stoff gekommen, basiert "One of these days" ja auf einem realen Vorfall?

Günther: Ich hatte von diesem Wettbewerb gehört und einen Dokumentarfilm angesehen, der darüber in den 90ern gedreht wurde. Der fokussiert sich gänzlich auf die lustigen Aspekte. Und ich habe mich von Anfang an gefragt, weshalb die die unglaublich tragischen Momente nicht sehen, nicht sehen, dass es da um eine Ausbeutung von Menschen geht, die sich das Auto sonst nicht leisten können. Das hat mich so gestört, dass mir klar war: Ich muss darüber selbst einen Film machen. Wir sind keine Konsumware für andere.

APA: Ihre Spielfilme - von "Autopiloten" über "Houston" bis nun "One of these days" - zeigen alle Menschen, die vielleicht keine Verlierer sind, aber verlieren. Ist es das, was Sie an Charakteren interessiert?

Günther: Ich glaube schon, auch wenn ich hier keine Agenda verfolge. (lacht) Meine Figuren sind nicht unbedingt nur liebenswerte Charaktere. Positive oder liebenswerte Charaktere zu zeigen, ist das Langweiligste, das man machen kann. Das interessiert mich nicht. Ich will Figuren sehen, die zwei Seiten haben, auch düster sind, Fehler machen. So sind wir alle drauf.

APA: Ein weiterer Roter Faden in Ihrem Œuvre ist, dass Sie stets an "Unorten" wie dem Ruhrgebiet oder Texas drehen. Weshalb?

Günther: Vermutlich empfinde ich solche Orte unbewusst als spannend für die Figuren. Sie sind nicht zu Hause, haben keinen Rückzugsort, sondern müssen mit einer Form von Ausgesetzt-Sein umgehen.

APA: Sie setzen als Epilog die Vorgeschichte einer Figur, die chronologisch gesehen eher der Prolog wäre. Welche Funktion hat dieser Schnitt für Sie?

Günther: Diese Wettbewerbe spielen mit der Hoffnung der Menschen: Wenn Du das Auto gewinnst, wird alles besser. Deshalb wollte ich zum Schluss eine Sequenz haben, die wie ein Happy End aussieht, aber wir wissen ja schon, was danach kommen wird. Diese Bittersüße wollte ich transportieren. Zugleich wird so erst am Ende Kyle als Mensch aus der Gruppe herausgehoben, steht aber Pars pro Toto für alle anderen.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)