"Bisher sind in der Region Cherson 63 Leichen gefunden worden", sagte Monastyrskyj. "Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Suche gerade erst begonnen hat und noch viele weitere Folterkammern und Grabstätten entdeckt werden."

In Cherson hätten die Strafverfolgungsbehörden 436 Fälle von Kriegsverbrechen während der russischen Besatzung aufgedeckt. Elf Haftorte seien gefunden worden, darunter vier, in denen gefoltert worden sei. "Die Ermittler sind dabei, diese zu untersuchen und jeden Fall von Folter festzuhalten. Auch die Leichen der Getöteten werden exhumiert", sagte Monastyrskyj.

Ein Vertreter der Staatsanwaltschaft von Cherson sagte der "New York Times", dass Zeugenaussagen zu 800 Verhaftungen durch russische Truppen in der Region gesammelt worden seien. Die häufigsten Misshandlungen seien Elektroschocks, Schläge mit Plastik- oder Gummiknüppeln und das Abklemmen des Atemschlauchs einer Gasmaske, die Gefangenen über den Kopf gezogen worden sei.

Die Ukraine und internationale Ermittler werfen Russland Kriegsverbrechen in besetzten Gebieten vor. Russland bestreitet, dass seine Truppen Zivilisten ins Visier nehmen und Gräueltaten begangen haben. In anderen Gebieten, die zuvor von russischen Truppen besetzt waren, wurden Massengräber gefunden, darunter auch einige mit Leichen von Zivilisten, die Anzeichen von Folter aufwiesen.

Unter Druck der ukrainischen Armee hatten die russischen Besatzer die Gebietshauptstadt Cherson Anfang November geräumt und sich auf das südliche Ufer des Flusses Dnipro zurückgezogen. Viele Straßen und Gebäude, vor allem das regionale Polizeihauptquartier, seien vermint zurückgelassen worden, sagte der ukrainische Innenminister. Bei der Entschärfung der Bomben seien bereits ukrainische Kampfmittelräumer getötet oder verletzt worden.

In diesem Jahr sind laut einem Bericht bereits fast fünf Mal so viele Menschen in der Ukraine durch Minen und explosive Munitionsrückstände getötet worden als im Vorjahr. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres gab es 277 zivile Opfer, wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Jahresbericht des Landminen-Monitors hervorgeht. Im vergangenen Jahr waren es 58 Menschen. Seit Russlands Einmarsch Ende Februar hat Moskau demnach mindestens sieben Arten von Landminen eingesetzt. Es gebe auch bestätigte Hinweise darauf, dass russische Truppen Sprengfallen und Sprengsätze in der Ukraine gelegt hätten, bevor sie sich zurückgezogen und Stellungen aufgegeben habe, hieß es.

Russland hat nach ukrainischen Angaben am Donnerstag erneut mehrere Städte in der Ukraine angegriffen. Zwei Marschflugkörper seien über Kiew abgeschossen worden, erklärte die Militärverwaltung der ukrainischen Hauptstadt. Dabei habe Russland auch iranische Drohnen eingesetzt. Die Behörden in der Stadt Dnipro und der Schwarzmeerstadt Odessa meldeten ebenfalls russische Angriffe. In Dnipro wurden demnach 14 Menschen verletzt.

Unterdessen fiel in Kiew der erste Schnee. In der ukrainischen Hauptstadt gab es zuletzt immer wieder Stromausfälle. Der örtliche Gouverneur warnte, die Situation könne bei Temperaturen von bis zu minus zehn Grad "schwierig" werden. Zuletzt hatten die russischen Streitkräfte wiederholt die Energieinfrastruktur der Ukraine angegriffen. Am Dienstag blieben nach massiven russischen Raketenangriffen mehr als sieben Millionen Haushalte in der Ukraine ohne Strom.

Der Kreml erklärte unterdessen, die Stromausfälle in der Ukraine seien auf die Weigerung Kiews zurückzuführen, mit Moskau zu verhandeln, und nicht auf die Raketenangriffe der russischen Streitkräfte. Die "Militäroperation" werde fortgeführt, sie sei nicht abhängig von den Wetterbedingungen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Er sagte, die russischen Streitkräfte zielten auf "Infrastruktur, die direkt oder indirekt mit den ukrainischen Streitkräften in Verbindung steht".

Nach Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums wurde in dem zentralukrainischen Gebiet Dnipropetrowsk am Donnerstag "mit hochpräzisen Raketenangriffen" eine Rüstungsfabrik zerstört. Sie stelle angeblich Treibstoff und Raketentriebwerke für die ukrainische Armee her. Außerdem sei in Saporischschja das Forschungs- und Produktionsunternehmen "Iskra" getroffen worden, das unter anderem elektronische Komponenten zur Reparatur von Radarstationen herstelle.

Dass angesichts der massiven Angriffe eine Flugverbotszone eingerichtet wird, schloss General Robert Brieger, Vorsitzender im EU-Militärausschusses, aus. "Eine Flugverbotszone müsste ja mit aktiven Mitteln, also Kampfflugzeugen geschützt werden", sagte Brieger am Mittwochabend in der ZiB2. "Eine solche Maßnahme würde das Eingreifen, das aktive Eingreifen westlicher Streitkräfte in den Konflikt bedeuten und damit eine Ausweitung, deren Auswirkungen, glaube ich, nicht im Interesse irgendeines Entscheidungsträgers sein kann." Brieger berichtete außerdem, dass es zwischen Brüssel und Moskau keine Kommunikation auf militärischer Ebene gebe.

Der frühere österreichische Generalstabschef schloss sich auch der Einschätzung von US-General Mark Milley an, wonach ein militärischer Sieg der Ukraine nicht sehr wahrscheinlich sei, es aber die Möglichkeit einer politischen Lösung gebe. "Ja, ich denke, dass General Milley hier zuzustimmen ist im Großen und Ganzen." Russland verfüge über sehr große Ressourcen an Material, wenngleich die Moral der Truppe schlecht sei. In der Ukraine sei es umgekehrt, da sei eine sehr hohe Moral bei Bevölkerung und Militär zu verzeichnen, aber die materielle Komponente sei sehr stark von der Unterstützung des Westens abhängig. "Das heißt, eine vollständige Wiedererlangung der ukrainischen Souveränität einschließlich der Krim mit militärischen Mitteln, das halte ich für ein sehr hohes Ziel, dessen Verwirklichung mehr als unsicher ist." Er glaube, "dass letztlich Politik und Diplomatie Wege und Mittel führen müssen, um beide Seiten zu einer gewissen Annäherung zu bringen".

Die Ukraine habe zwar zuletzt enorme Erfolge bei der Verteidigung gegen die russische Offensive verzeichnet, hatte Milley am Mittwoch (Ortszeit) in Washington mit Blick auf jüngste russische Verluste gesagt. Aber jüngst von russischer Besetzung befreite Gebiete wie Cherson und Charkiw seien klein im Vergleich zu der Herausforderung, die russischen Streitkräfte aus der gesamten Ukraine vertreiben zu wollen, sagte Milley. "Das wird nicht in den nächsten paar Wochen passieren, außer, die russische Armee bricht komplett zusammen, was unwahrscheinlich ist."