Chinas Präsident überraschend in Tibet

Über drei Jahrzehnte nach dem letzten Besuch eines chinesischen Staatschefs in Tibet ist Präsident Xi Jinping überraschend in die autonome Region gereist. Der staatliche Sender CCTV zeigte am Freitag, wie Xi beim Verlassen seiner Maschine am Flughafen von Nyingchi eine Menschenmenge mit chinesischen Flaggen und traditioneller tibetischer Kleidung begrüßte. Demnach war der Staats- und Parteichef schon am Mittwoch in Tibet angekommen, ohne dass es offiziell angekündigt wurde.

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Nach einer "herzlichen Begrüßung durch Kader und Menschenmassen aller ethnischen Gruppen" ging Xi zur Nyang-Brücke, um sich über den Umwelt- und Naturschutz am Yarlung-Tsangpo-Fluss zu informieren, wie CCTV berichtete. Der Präsident sei später auch mit Einheimischen vor dem Potala-Palast zusammengetroffen. Der Palast ist der ehemalige Sitz des im Exil lebenden Dalai Lama.

Xi forderte CCTV zufolge die örtlichen Vertreter der Kommunistischen Partei dazu auf, das "Fundament der patriotischen und anti-separatistischen" Erziehung in Tibet zu festigen. Sie müssten die "Identifikation aller ethnischen Gruppen mit dem großen Mutterland erhöhen", sagte der Staatschef demnach.

Xi schaute sich mehrere Infrastrukturprojekte in der Region an. Über sein Engagement versucht Peking der Unzufriedenheit der Tibeter entgegenzuwirken, die immer noch den Dalai Lama, ihr geistliches Oberhaupt, verehren. Zu den umstrittenen Großprojekten in Tibet gehört unter anderem ein Megastaudamm, der am Bramaputra (von den Tibetern Yarlung Tsangpo genannt) gebaut werden soll.

Zuletzt hatte Präsident Jian Zemin 1990 die autonome Region Tibet besucht. Xi war bereits zwei Mal auf offizieller Reise in der Region, die seit Jahrzehnten von Peking unterdrückt wird: 1998 als Parteichef der Provinz Fujian und 2011 als Vizepräsident.

Vor dem Besuch Xis hätten Menschen in der Hauptstadt Lhasa über "ungewöhnliche Aktivitäten und Überwachung" berichtet, teilte die Menschenrechtsorganisation International Campaign for Tibet mit. Straßen seien blockiert worden, und Sicherheitsbeamte hätten Menschen kontrolliert.

Tibet hat seit Jahrhunderten ein angespanntes Verhältnis zu China. Nach phasenweiser Unabhängigkeit hatte China immer wieder die Kontrolle über die Himalaya-Region übernommen. 1951 besetzte die Volksrepublik das Gebiet. Bis heute kontrolliert Peking die autonome Region und die angrenzenden Provinzen, in denen ebenfalls viele Tibeter leben, mit harter Hand.

1959 kam es zum Aufstand, der gewaltsam niedergeschlagen wurde. Der Dalai Lama floh daraufhin nach Indien und gründete in Dharamsala die tibetische Exilregierung. Viele Exil-Tibeter werfen der chinesische Regierung vor, ihre Kultur und Religion gewaltsam zu unterdrücken. Zuletzt hatte es 2008 in der Region Unruhen mit vielen Toten gegeben.

Peking gibt an, Tibet 1951 "friedvoll befreit" und dann Infrastruktur und Bildung in die unterentwickelte Region gebracht zu haben. Heute investiert China enorme Summen in die wirtschaftliche Entwicklung Tibets. Die Region gilt als eine der am schnellsten wachsenden in China.

Wie in anderen Regionen mit Konfliktpotenzial, unter anderem der Provinz Xinjiang, sollen verschiedene Ethnien durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen an Peking gebunden werden. Gleichzeitig werden Han-Chinesen in diese Regionen umgesiedelt und die kulturelle Identität der Menschen vor Ort durch verschiedene Maßnahmen unterdrückt.

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