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Politik diskutiert über medizinisches Cannabis

Medizinisches Cannabis bleibt auf der Tagesordnung des Nationalrates. Am Dienstag wurde unter anderem ein erster vom Parlament eingeforderter Expertenbericht im Gesundheitsausschuss diskutiert und von den Abgeordneten der Regierungsparteien zur Kenntnis genommen. Doch es wird im Plenum weitere Diskussionen zu dem Thema geben, womöglich auch einen zweiten Expertenbericht.

 

Der erste vom Parlament von Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein eingeforderte Report zur Wertigkeit von medizinischem Cannabis in der Medizin wurde laut Liste JETZT und SPÖ im Gesundheitsausschuss von der Mehrheit (Regierungsparteien) zur Kenntnis genommen. Die Regierungsfraktionen, so hieß es nach der Sitzung, hätten bereits einen Antrag eingebracht, wonach die Krankenkassen die Verschreibungspraxis zugelassener pharmazeutischer Cannabinoid-Arzneimittel österreichweit analysieren sollten. Hier geht es wohl vor allem um die Erstattung der Kosten durch die Krankenkassen für die Patienten. Bei einer Pressekonferenz von Liste JETZT-Gesundheitssprecherin Daniela Holzinger hatte der Wiener Allgemeinmediziner Kurt Blaas am Dienstag zuvor erklärt: "35 bis 45 Prozent der ausgestellten Rezepte werden (von den Chefärzten; Anm.) genehmigt." In Wien (WGKK) sei die Situation relativ gut, in Niederösterreich "furchtbar", "sehr schlecht" in Oberösterreich und Salzburg". "Erst in Vorarlberg ist es besser." Da sei wohl die Nähe zur Schweiz ausschlaggebend.

Der vorliegende erste Expertenbericht wird fix im Plenum im Nationalrat behandelt werden, hieß es nach der Sitzung des Gesundheitsausschusses. Die Liste JETZT hatte ein Verlangen auf "Nicht-Enderledigung" gestellt. Die Liste JETZT will auch einen gemeinschaftlichen Antrag mit SPÖ und NEOS für die Erstellung eines zweiten Expertenberichts zur Causa der medizinischen Verwendung von Cannabinoiden aus natürlichen Quellen bzw. von Cannabisblüten erreichen. Hier sollen laut den Intentionen alle Oppositionsparteien kooperieren. Der Auftrag dafür solle an eine "unabhängige" Institution gehen.

Daniela Holzinger kritisierte den vorerst vorliegenden Report heftig: "Es ist in elf Seiten die Linie der FPÖ und der Ministerin (Beate Hartinger-Klein/FPÖ; Anm.) festgeschrieben. So eine Arbeit hätte ich mir im zweiten Semester meines Studiums nicht vorzulegen getraut. Das ist Wissenschafts-Chauvinismus." Das sei ein "minderwertiges Wischblattl".

Österreichische Experten hatten sich zurückhaltend zur wissenschaftlichen Evidenz für den Einsatz von Medizinalhanf bei vielen Erkrankungen und Beschwerden geäußert. Demnach gibt es aber eine ausreichend gute Evidenz für die Wirksamkeit von Cannabinoiden (zumeist Studien mit THC/CBD-Gemischen) bei chronischen Schmerzzuständen von Erwachsenen, Übelkeit/Erbrechen durch Chemotherapie und Spastizität bei Multipler Sklerose. Moderate Evidenz bis limitierte Evidenz bestehe für die Kombination THC/CBD für eine kurzzeitige schlafverbessernde Wirkung bei gewissen Erkrankungen (z.B: chronischer Schmerz, Multiple Sklerose) sowie für Cannabinoide bei Gewichtsverlust im Rahmen von HIV/Aids, Tourette Syndrom und Sozialphobien. Ähnliche Aussagen wurden vergangenes Jahr auch in einem Expertenpapier der deutschen Techniker Krankenkasse und in einem Report der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA/Lissabon) gemacht.

In einer Aussendung zeigte sich Hartinger-Klein am Dienstag zurückhalten zur Diskussion rund um medizinisches Cannabis im Gesundheitsausschuss. Arzneimittel müssten ihre Wirkung, aber auch ihre Neben- und Wechselwirkungen in umfangreichen Studien nachweisen und ein strenges Zulassungsprozedere durchlaufen. Ganz besonders gelte das für Substanzen die viele verschiedene Wirkungen hätten und sehr komplex in den menschlichen Stoffwechsel - wie eben Cannabis - eingreifen würden. "Solchen Substanzen kann eine Zulassung nur erteilt werden, wenn die Inhaltsstoffe, deren Wirkmechanismus sowie Wechsel- und Nebenwirkungen klar bekannt und geprüft sind", hieß es.

Die Patienten in Österreich hätten mit Pharmazeutika wie Sativex oder Dronabinol Zugang zu zugelassenen und genau geprüften Medikamenten auf THC- bzw. THC/CBD-Basis. Diese seien entsprechend auf Wirkung und Nebenwirkungen geprüft. "Dieser Nachweis ist derzeit für Blüten- oder Fruchtstände im Vergleich zu diesen cannabisbasierten Präparaten nicht gegeben", stellte das Ministerium in seiner Aussendung fest.

Daniela Holzinger bot bei der Pressekonferenz am Dienstag in Wien zwei Ärzte als Verschreiber von Cannabinoiden etc. auf: die NÖ Gynäkologin Iris Pleyer und den Wiener Allgemeinmediziner Kurt Blaas. "Cannabidiol überzeugte mich, es wäre ein sehr gutes Mittel, das man in der Geburtshilfe benutzen könnte. CBD hat vielfältige Wirkungen." Schlafstörungen, Regelschmerzen, Bauchschmerzen, Angstzustände, Nervosität von Marathonläuferinnen vor dem Starttermin, Mamma-, Lungen- und Prostatakarzinome, bösartige Hirntumore (Gliome) etc. seien als Indikationen zu nennen, erklärte Iris Pleyer.

"Es ist kein Allheilmittel, es ist in der Hand des Arztes ein wunderbares Mittel. Cannabis wurde in Kanada zugelassen. Es gibt Tausende Studien zu CBD und THC. Wir brauchen nur über die Grenze zu schauen", sagte die Gynäkologin. Das Problem sei, dass CBD-Kapseln in Österreich nicht mehr verfügbar seien, Öle nur mehr zum Teil.

Blaas nannte folgende Zahlen: "Es gibt in Österreich rund 15.000 bis 20.000 Patienten (mit Cannabinoid-Therapie; Anm.) und rund 50.000 Patienten, die gerne mit Cannabis behandelt werden wollen." Darüber hinaus würden sich in Österreich derzeit schon 200.000 bis 300.000 Menschen mit Cannabis aus Eigenzucht, illegalen Quellen oder aus dem Ausland bezogenen Produkten versorgen. Es gehe einfach darum, den Ärzten und Patienten eine legalisierte Möglichkeit zur Verwendung der Produkte über die Apotheken zu ermöglichen. Medizinalhanf werde weniger geraucht als "vaporisiert" und "inhaliert". Darüber hinaus werde er auch oft als Tee oder in Ölen verwendet.

Zwar verschreibe er, Blaas, natürlich die pharmazeutischen THC-, CBD-Produkte bzw. Gemische, doch dann kämen die Patienten mit folgenden Worten: "Wir verwenden die Blüte. Sie wirkt allumfassender, sie wirkt stärker. Die Patienten müssen sich die Blüten auf dem Schwarzmarkt besorgen, über Stecklinge irgendwoher" oder über Auslandskontakte. "Wir brauchen für die Patienten eine legale Lösung", sagte der Arzt.

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