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Wiener Grüne-Gemeinderat Chorherr geht mit Jahresende

Die Wiener Grünen sind im Umbruch: Nach dem angekündigten Rückzug von Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou hat der Grün-Politiker Christoph Chorherr - der sein Mandat zum Jahreswechsel zurücklegt -seinen Abschied in einem 20-minütigen Video verkündet und erläutert. Er habe schon länger über einen Rückzug nachgedacht: "Irgendwann muss man loslassen." Anpacken will er künftig etwa als Bäcker.

© APA
 

Begonnen habe seine Karriere vor mehr als 30 Jahren, lässt Chorherr in dem Video Stationen seines Lebens als Politiker kurz Revue passieren. "Da steht einer der Mitbegründer der Grünen in Österreich." Er sei jetzt 57 und es sei immer schwer, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Er glaube aber, dass dieser nun gekommen sei, erklärte Chorherr. Er beteuerte, dass er seine Entscheidung ganz bewusst bekanntgeben habe, bevor der neue Spitzenkandidat bei den Grünen gekürt werde - damit danach niemand vermute, er gehe, weil die Wahl auf die betreffende Person gefallen sei.

"Es ist eine neue Phase, es müssen neue Kräfte die Geschicke der Wiener Grünen leiten", verwies der prominente Rathaus-Politiker auf den anstehenden Generationenwechsel. "Ich hab mich immer einer Sache sehr verbunden gefühlt, die mich bis heute tief beseelt: Das ist die ökologische Frage." Begonnen habe sein Engagement bei den Protesten gegen das geplante Atomkraftwerk in Zwentendorf. Seither habe er bei den Grünen Krisen und "tolle Erfolge" erlebt - und viel Erfahrung gesammelt: "Ich beherrsche das Geschäft, glaub ich."

"Ich werde ein Grüner bleiben, wenn es gewünscht wird, ehrenamtlich", versprach Chorherr. Er werde helfen, wenn er gerufen werde: "Ich glaube, dass die Wahl 2020 eine extrem wichtige ist, die wir gewinnen können." Der Partei streute er zum Abschied Rosen: "Ich möchte mich wirklich bedanken und verneigen vor den Grünen." Sie hätten auch akzeptiert, dass er mitunter anderer Meinung gewesen sei. Er würdigte auch Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou, die kommendes Jahr ebenfalls abtritt. Überhaupt, so befand er, sei die schönste Zeit jene in der Regierungsverantwortung gewesen.

Bevor er gehe, wolle er noch ein großes Projekt fertigmachen: Die neue Wiener Bauordnung, deren Beschluss im Landtag demnächst ansteht. Danach werde er ein "politisch motivierter Unternehmer". Angedacht ist laut Chorherr eine Tätigkeit unter anderem im Bereich Bauen bzw. Städtebau. Fix ist außerdem bereits, dass er gemeinsam mit Partner Heli Gragger eine Holzofen-Bio-Bäckerei eröffnen wird - in dem etwa Menschen aus dem zweiten Arbeitsmarkt oder auch Flüchtlinge Beschäftigung finden werden.

Er spüre, dass es derzeit "noch schön" sei, als Politiker tätig zu sein. Chorherr äußert jedoch die Vermutung, dass sich das bald geändert hätte. Er habe Politiker gesehen, die den Zeitpunkt verpasst und dann verbittert abgerechnet hätten: "Ich will nicht so gehen, will nicht, dass andere sagen: Endlich schleicht sich der Alte." In der Politik gehe es immer um Macht, man solle nicht so tun, als wäre Politik ein "nettes Geschäft".

"Die Öffentlichkeit nimmt selten etwas wertschätzend wahr", beklagte er. Zudem könne man sich inzwischen von der "Böswilligkeit", die gerade durch Social Media sichtbar werde, schwer abgrenzen. Immer wieder seien gezielt Gerüchte gestreut worden, die ihn getroffen hätten. So habe man ihm etwa wiederholt unterstellt, über Dachgeschoßwohnungen in diversen Bauprojekten zu verfügen.

Auch sei in "wirklich bösartigster Absicht" die Staatsanwaltschaft eingeschaltet worden, weil er zwei Schulen in Afrika unterstütze. Da habe er sich durchaus oft gefragt: "Warum tue ich mir das an?" Chorherr zeigte sich auch genervt vom "Kleinkampf" um jeden Radweg.

Chorherr versicherte, dass er alle drei Kandidaten aus dem Rathausklub, die für den ersten Listenplatz kandidieren, für befähigt halte. Allerdings, so fügte er hinzu, wolle er nicht verhehlen, dass er Peter Kraus unterstütze. Wer im Rathausklub auf Chorherr folgt, ist unterdessen noch nicht entschieden, hieß es dort am Montag.

Mehr als sein halbes Leben hat Chorherr der Parteiarbeit gewidmet, allein 27 Jahre davon im Wiener Gemeinderat. Seit 2010 ist er in der rot-grünen Rathausregierung maßgeblich für die Stadtplanung verantwortlich. Ähnlich wie Vassilakou legte der Langzeitpolitiker seine Rolle nie als "Fundi" an. Gemäß seines Credos "Schärfer als die schärfste Kritik ist die konkrete, erlebbare Alternative" strebte er stets danach, Projekte lieber mit Abstrichen durchzusetzen, als sich ideologisch einzuzementieren. Insofern verhandelte er schon zu Oppositionszeiten gemeinsame Vorhaben mit der SPÖ, die damals dank absoluter Mehrheit noch alleine regierte, aus.

Chorherr gehörte außerdem zu jenen Grünen, die 2002 auf Bundesebene für Regierungsverhandlungen mit der ÖVP eingetreten waren. Dieser pragmatische Zugang trug ihm innerhalb der eigenen Partei immer wieder Kritik ein - in jüngerer Vergangenheit etwa im Zusammenhang mit dem Heumarkt-Hochhaus, das er intern wie öffentlich uneingeschränkt verteidigte.

Einigermaßen legendär ist Chorherrs Verve, mit der er Vorhaben anpreist oder präsentiert. Mit vor Begeisterung mitunter schon einmal kippender Stimme und - im wahrsten Sinn des Wortes - mit Händen und Füßen erklärt der streitbare Abgeordnete Pläne, schwärmt über Vorteile, versucht die Euphorie auf sein Gegenüber zu übertragen.

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