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Peter Henisch: "Widerspruch wäre eine ganz wichtige Tugend"

Am 27. August feiert Peter Henisch seinen 75. Geburtstag. Drei Tage später wird er zum Finale der O-Töne aus seinem neuen Buch "Siebeneinhalb Leben" und den als Doppelband wiederaufgelegten Klassikern "Der Mai ist vorbei" und "Pepi Prohaska Prophet" lesen sowie mit seiner Band musizieren. Im APA-Interview spricht er über sein neues Buch, die politische Lage und über "Heuchelprinz" Sebastian Kurz.

© APA
 

APA: Herr Henisch, in Ihrem neuen Buch "Siebeneinhalb Leben" kehren Sie zurück zu Ihrem vor drei Jahrzehnten erschienenen Roman "Steins Paranoia". Gab es etwas Unabgeschlossenes an diesem Buch, oder war die heutige politische Situation, die Sie an die Waldheim-Zeit von damals erinnert, der Grund dafür?

Peter Henisch: Tatsächlich war die heutige politische Situation der primäre Auslöser, diese Aggression, die für halbwegs sensible Menschen spürbar in der Luft liegt. Dinge, die damals schon hochgeköchelt sind, drohen nun erst recht überzugehen. Auf das Buch "Steins Paranoia" wollte ich schon des längeren zurückgreifen. Ich halte ja viele meiner Bücher prinzipiell für nicht abgeschlossen und arbeite gegebenenfalls auch daran weiter. Aber die Kenntnis von "Steins Paranoia" ist nicht Voraussetzung für das Verständnis von "Siebeneinhalb Leben".

APA: Sie haben "Steins Paranoia" einmal "eines meiner unbekanntesten Bücher" genannt. Warum ist das so?

Henisch: Man wollte damals eben Verschiedenes nicht wahrhaben. Es ist ja kein Buch zum Fall Waldheim, sondern eher ein Buch über den Kollateralschaden, den dieser Fall Waldheim an einer bestimmten Person anrichtet, aber wahrscheinlich auch bei vielen anderen angerichtet hat. Jetzt kommen gewisse Wurzeln, die damals zurück in die Erde gesteckt wurden, wieder deutlich hervor.

APA: Nach Waldheim hatte man doch den Eindruck einer umfassenden und offenen Aufarbeitung der Vergangenheit. Warum hat sich das wieder gedreht?

Henisch: Das ist leider eine Entwicklung, die wir nicht nur in Österreich spüren. Viele Leute, die mit der geballten Faust in der Tasche neben eigentlich erfreulichen humanitären Entwicklungen gestanden sind, ziehen ihre Faust jetzt wieder aus der Tasche. Das wird von manchen Politikern wenn nicht gut geheißen, so doch akzeptiert oder geduldet. Nach dem Motto: Jetzt kann man endlich wieder Fraktur reden. Dieses Buch ist aus diesem Gefühl heraus entstanden, das ich schon länger gehabt habe. Es gehört ja zum Gespür eines Autors, dass er so etwas merkt, und zur Courage eines Autors, dass er so etwas artikuliert.

APA: Die Basis von "Steins Paranoia" war ein "Satz, der unwidersprochen bleibt". Heute scheint es immer mehr solcher Sätze zu geben. Ein paar von ihnen haben Eingang in Ihr Buch gefunden: "Wir werden uns an hässliche Bilder gewöhnen müssen" etwa, oder "Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist". Werden wir gerade alle mitschuldig, wenn wir nicht widersprechen?

Henisch: Widerspruch wäre eine ganz wichtige Tugend, auf die wir nicht vergessen sollten bei aller Not. Vielleicht kann man ja aus der Not eine Tugend machen - und deutlich widersprechen. Solange es noch geht. Und solange es vielleicht auch noch nützt.

APA: Hat Ihnen da Michael Köhlmeier am 4. Mai mit seiner viel beachteten Rede vor dem Parlament aus der Seele gesprochen?

Henisch: Ja, natürlich, sowohl Köhlmeier als auch einige andere. Es gibt ja Gott sei Dank einigen Widerspruch von Kolleginnen und Kollegen oder von Musikern wie letzthin Wolfgang Ambros. Das halte ich für enorm wichtig. Die Haltung der ÖVP und des Bundeskanzlers dazu ist ja feig und verantwortungslos. Denn es wäre die Verantwortung eines Bundeskanzlers, da deutliche Worte zu finden, und es wäre die Verantwortung einer Partei, die sich mit unglaublichem Zynismus noch christlich nennt, zu sagen: Wenn unser Chef schon so verantwortungslos ist, dann müssen wir aufschreien. Was derzeit überall passiert, ist ein Verhunzen und Verderben der Seele einer Bevölkerung, die im Prinzip gutartig ist. Es gibt die coolen Typen, Typus Kurz, und es gibt die brutalen Typen, Typus Salvini. Aber im Grunde genommen leisten sie alle dasselbe: Sie entfesseln die miesesten Instinkte der Menschen.

APA: Rund um das Republikjubiläum wird es viele Reden geben. Sehen Sie dem eher mit Angst oder mit Hoffnung entgegen?

Henisch: Dass viele auch bei dieser Gelegenheit wortreich nichts sagen, ist leider zu befürchten. Wenn man Alternativen findet, zu sagen, was man meint, dann sollte man das tun. Für mich ist eine der Möglichkeiten, dass ich dieses Buch geschrieben habe. Oder, dass ich in Interviews sage, was ich von der Haltung des Herrn Bundeskanzlers halte: Er ist ein fürchterlicher Heuchler. Für meinen persönlichen Gebrauch hab ich ihm dafür den Namen "Heuchelprinz" gegeben. Er ist so beliebt, weil er so jung ist, und weil er behauptet, er will alles ändern. Was aber bisher geändert wurde, ist im Wesentlichen asozial und verantwortungslos. Ich bin ja dabei, Gedichte darüber zu schreiben, weil im Herbst auch ein Gedichtband von mir rauskommt. Da habe ich versucht Worte zu finden für manches, was da so läuft. Ein Wort dafür ist "himmelschreiend", ein andere ist "bodenlos".

APA: In Ihrem neuen Roman ist auch das erste abgedruckte Gedicht Ihres alter ego Paul Spielmann zu lesen. Wird das als Henisch-Original auch in Ihrem Gedichtband zu finden sein?

Henisch: Nein, nein, das wird dort nicht abgedruckt sein. Im Untertitel heißt es ja: "Fast alle Gedichte..." Ich muss nicht alle Gedichte von meinen 16. Lebensjahr bis zu meinem 75. Geburtstag dokumentieren. Es gibt auch Verzichtbares.

APA: In diesem Band finden sich nicht nur Gedichte, sondern auch Songs. Sie haben ja im Frühjahr mit dem Album "Blues plus" Ihre musikalische Karriere wieder aufgenommen und werden bei der Abschlussveranstaltung der O-Töne ja nicht nur lesen, sondern auch singen und spielen.

Henisch: Ja, es war mir wichtig, da auch meine Musiker dabeizuhaben. Ich hatte bisher drei Auftritte, aber ich will nicht zu oft auftreten. Es macht viel Freude und ist eine Energie, die mich auflädt, aber ich habe weder die Zeit noch die Lust alle 14 Tage in irgendeinem Blues-Keller oder einer kleinen Orts-Disco zu spielen.

APA: Zum Geburtstag werden auch zwei Henisch-Klassiker in einem Band neu aufgelegt: "Der Mai ist vorbei" und "Pepi Prohaska Prophet". Liegen diese beiden Bücher Ihnen besonders am Herzen?

Henisch: Ja. Ich hatte das Gefühl, "Der Mai ist vorbei" ist immer etwas im Schatten der drei Jahre zuvor erschienenen "Kleinen Figur meines Vaters" gestanden. "Pepi Prohaska Prophet" hat da gut dazugepasst. Wenn man diese Romane heute liest, ist es erstaunlich, wie viel Aktualität da heute noch drinnen ist. Die meisten sozialkritischen und politischen Passagen könnten auch von heute sein. Es war mir immer wichtig, auch ein Chronist meiner Zeit zu sein. Ich glaube, sagen zu dürfen, dass ich einer jener Autoren bin, die österreichische Zeitgeschichte seit über 40 Jahren sehr bewusst und sehr kritisch und auch mit der manchmal notwendigen Ironie begleiten.

APA: Sie lassen in "Siebeneinhalb Leben" eine erfundene Figur in personam vor ihren Autor treten. Wenn eine gute Fee Ihnen zum 75er diesen Wunsch erfüllen würde: Welcher Ihrer Figuren würden Sie am liebsten begegnen?

Henisch: Stein ist ja der, der mich als Autor am ehesten irritiert, denn er ist so etwas wie das schlechte Gewissen des Autors, der eigentlich in Ruhe an seiner Autobiografie weiterschreiben will. Aber vielleicht würde ich mir den Baronkarl wünschen. Dem fühle ich mich sehr nahe. Jetzt auch altersmäßig... (lacht)

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