Wiener Volkskundemuseum zeigt Privatfotos von 1930 bis 1950

Eine idyllische Picknickszene am Kahlenberg, aufgenommen Anfang April 1945, also während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Wien: Dieses Bild inspirierte die Fotohistoriker Herbert Justnik und Friedrich Tietjen, sich genauer mit der Privatfotografie zwischen 1930 und 1950 auseinanderzusetzen. Erste Ergebnisse des Projekts werden im Herbst in einer Ausstellung im Volkskundemuseum gezeigt.

 

Untersucht werden unter anderem die Fragen, welche Rolle die Privatfotografie als Medium der Erinnerung spielte und warum die zahlreichen politischen Veränderungen scheinbar keine Auswirkung auf die Gestaltung privater Fotoalben hatten. Denn wer durch die Familienalben jener Zeit blättert, findet darin eine Welt, die von den politischen Brüchen, Konflikten und Katastrophen dieser zwei Dekaden kaum berührt zu sein scheint, erzählten die beiden Forscher im Gespräch mit der APA.

In der Fotosammlung des Wiener Volkskundemuseums haben Justnik und Tietjen dazu einen Fundus an Familienalben und Einzelbildern angelegt. Rund 120 Alben, die teils von Flohmärkten und teils von Privatpersonen stammen, sowie etliche lose Fotosammlungen haben die Forscher bisher zusammengetragen. Insgesamt dürften sie bereits über 10.000 Fotos gesichtet haben, sagte Justnik.

Für das Projekt ruft das Volkskundemuseum nach wie vor Menschen dazu auf, ihre privaten Fotoalben ins Museum zu bringen und darüber zu erzählen. Rund 30 Interviews haben die Forscher bisher geführt. "Uns interessiert die private Fotografie als Praxis. Welche Rolle spielen diese Alben, um über Vergangenheit, Herkunft und Wurzeln zu sprechen?", sagte Tietjen.

"Fotografiert wird in der Regel das 'Gute Leben'", berichtete er. Themen wie Arbeit, Tod und Leid würden ebenso wie öffentliche politische Ereignisse ausgespart. Krieg und Nationalsozialismus kämen nur sehr am Rande vor, etwa durch Hakenkreuzfahnen im Hintergrund oder Porträts von Männern in Uniform.

Die Motive ähnelten sich stark. "Die private Fotografie ist sehr konventionalisiert", sagte Tietjen. Ein klassisches Fotomotiv, das in beinahe keiner privaten Fotosammlung fehle, sei etwa die Frau am Geländer. Auch das Gruppenfoto finde sich über die Jahrzehnte hinweg in ähnlicher Ausführung. Dennoch gebe es kaum ein Album, das so ist wie das andere. "Die Erzählweisen unterscheiden sich massiv", sagte Tietjen. In manchen Alben würden wie in einem Fotoroman Geschichten erzählt, in anderen blieben die Bilder unbeschriftet und ohne nachvollziehbare Ordnung.

Ab 10. Oktober wird die Ausstellung "'Alle antreten! Es wird geknipst!' Private Fotografie in Österreich 1930-1950" im Volkskundemuseum zu sehen sein. Dort sollen erste Ergebnisse präsentiert werden, aber auch die Möglichkeit zur weiteren Forschung geboten werden.

(S E R V I C E - Infos unter fotosammlung@volkskundemuseum.at oder unter der Tel. 0677 625 354 00. Ausstellung "'Alle antreten! Es wird geknipst!' Private Fotografie in Österreich 1930-1950" von 10. Oktober 2018 bis 17. Februar 2019. )

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