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Deutsche Krankenkasse skeptisch gegenüber Medizinalhanf

Der Gesundheitsausschuss des Nationalrates hat Ministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) vor kurzem einstimmig ersucht, bis Ende 2018 einen Bericht in Hinblick zum therapeutischen Einsatz von Cannabis in der Medizin zu erstellen. Vor kurzem veröffentlichte die deutsche Techniker Krankenkasse einen mit ihrer Unterstützung verfassten Expertenbericht zu dem Thema. Er fällt deutlich skeptisch aus.

© APA
 

"Mit diesem Report wollen wir dem Hype um Cannabis eine nüchterne Betrachtung der Vor- und Nachteile entgegensetzen. Er soll Ärzten und Patienten eine Orientierung bieten und die Mythen um die Cannabis-Therapie ausräumen", heißt es im Vorwort des Chefs der Techniker Krankenkasse, Jens Baas. Diese bundesweite deutsche Krankenversicherung hat rund elf Millionen Versicherte und spielte beispielsweise bei der Einführung einer elektronischen Gesundheitsakte, aber auch bei der Bezahlung der Homöopathie, in Deutschland eine Vorreiterrolle.

Das Gutachten aus dem Forschungszentrum Socium für Ungleichheit und Sozialpolitik und der Universität Bremen umfasst rund 90 Seiten und beruht auf intensiver Literaturrecherche. Die verantwortlichen Hauptautoren, Gerd Glaeske und Kristin Sauer, führen in ihrer Zusammenfassung vor allem einen Mangel an ausreichenden wissenschaftlichen Beweisen für die Verwendung von Cannabis in der ärztlichen Therapie an: "So geht bisher trotz einer Vielzahl an Studien aus der publizierten Evidenz immer noch nicht klar hervor, welchen Patientengruppen mit welcher Dosis und in welcher Form medizinisches Cannabis verabreicht werden sollte und welcher Nutzen zu erwarten ist."

Ausgangspunkt für "Cannabis auf Kassenrezept" war in Deutschland ein neues Gesetz, das der Bundestag Anfang 2017 beschloss und das mit 10. März vergangenen Jahres in Kraft trat. "Getrocknete Cannabisblüten und -extrakte sollten ebenso in die Therapie eingeführt werden wie die Wirkstoffe Dronabinol (aus Pflanzen hergestelltes hochreines THC; Anm.) und Nabilon (synthetisch hergestelltes THC-Präparat; Anm.)", schrieben die Experten in dem im April erschienenen Bericht. Ärzte können Cannabis (getrocknete Blüten oder Extrakte in standardisierter Qualität oder die THC-Pharmazeutika in Deutschland verschreiben, wenn eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt und sonst keine allgemein anerkannte Therapie vorhanden oder anwendbar ist. Eine "nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome" muss gegeben sein.

Laut den Fachleuten sind in der wissenschaftlichen medizinischen Literatur zwischen 1975 und 2016 rund 140 wissenschaftliche Studien (Zuteilung der Patienten nach dem Zufallsprinzip plus Placebogruppe) "zu verschiedenen Cannabinoiden oder Cannabispflanzen-Präparaten zu einer Vielzahl an Krankheiten und Symptomen durchgeführt worden." Trotzdem würden viele Fragen bestehen bleiben.

"Bisher spielte medizinischer Cannabis in Deutschland bei der Behandlung von Schmerzen, ADHS, Depression, chemotherapeutisch bedingter Übelkeit und Erbrechen bei erwachsenen Krebspatienten, Inappetenz/Kachexie (Appetitlosigkeit/krankheitsbedingte starke Gewichtsabnahme; Anm.), Tourette-Syndrom ("Tics"; Anm.), Darmerkrankungen, Epilepsie und psychiatrischen Störungen eine Rolle. Doch die Evidenz zur Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis las Medizin ist für viele dieser Indikationen inkonsistent und lückenhaft. Es gibt zwar für einige Anwendungsbereiche positive Patientenberichte, es liegen aber nur wenige aussagekräftige Studien von methodisch hoher Qualität vor", heißt es in dem Bericht.

Laut den Verfassern "gilt die medizinische Anwendung von pflanzlichen, synthetischen und teilsynthetischen Cannabinoiden bei Übelkeit und Erbrechen, bzw. Appetitstimulation bei Krebspatienten nach Chemo und Menschen mit Humanen Immundefizienz-Virus (HIV/Aids) als wirksam". Darauf basierte die erste Zulassung in den USA.

Allerdings ist die Situation schon in der Schmerzmedizin gemäß der Meinung der Experten eine andere: "Bei chronischen Schmerzen konnte zwar ein Nutzen gefunden werden, er bezieht sich jedoch überwiegend auf eine leichte Schmerzreduktion. Ebenfalls nicht ausreichend objektivierbare Belege finden sich im Bereich Spastizität (...): Die Studienlage zu medizinischem Cannabis bei Darmerkrankungen sowie neurologischen und psychologischen Erkrankungen ist bisher insgesamt unzureichend." Hervorgehoben wird aber, dass die Nebenwirkungen von Cannabis in der medizinischen Anwendung in den meisten Fällen "nicht schwerwiegend und vorübergehend" seien.

In der Schmerzmedizin und bei Lähmungen sei die Qualität wissenschaftlicher Hinweise auf eine Wirksamkeit "allenfalls moderat". Weiters wären die üblichen Kriterien der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) für die Zulassung von Medikamenten zur Anwendung von Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen nicht erfüllt: das wäre das Vorliegen von mindestens zwei Placebo-kontrollierten ausreichend großen wissenschaftlichen Studien über mindestens zwölf Wochen hinweg.

"Keine Wirksamkeit für Cannabis liegt bei den Indikationen Depressionen, Psychosen, Demenz, Glaukom und Darmerkrankungen vor", schrieben die Experten. Eine erst vor kurzem erschienene Übersichtsarbeit samt Meta-Analyse "zu Cannabinoiden in der Palliativmedizin konnte bei Krebspatienten mit den Symptomen Übelkeit und Erbrechen keine signifikanten Unterschiede im Vergleich zu Placebo feststellen", heißt es in dem "Cannabis-Report".

Das "Fazit" der deutschen Fachleute: "Wunder sind von Cannabis in den verschiedenen Indikationen offensichtlich nicht zu erwarten." Am häufigsten verschrieben wurde Cannabis in Deutschland im ersten Jahr der Geltung des neuen Gesetzes in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und im Saarland. Bundesweit waren es 123 Verordnungen pro 100.000 Versicherte der Techniker Krankenkasse. Rund 60 Prozent der Verordnungen wurden auch genehmigt. Die Kosten waren im Vergleich zu vielen herkömmlichen Arzneimitteln hoch. "Auf Kostenseite sprechen wir über Nettoausgaben von etwa 2,3 Millionen Euro für die Therapie im Jahr 2017", stellte die deutsche Krankenversicherung fest. Bei rund 2.900 Anträgen waren das durchschnittlich fast 800 Euro pro Antrag.

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