Es ist die bekannteste Akademie in Deutschland, zugleich jene mit dem meisten Prestige. Zwei Jahre dürfen ausgewählte musikalische Nachwuchstalente an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker mitspielen und Kammerkonzerte geben. Die Besten der Besten schaffen im Anschluss die Aufnahme in eines der besten (und teuersten) Orchester der Welt. Eine, der das gelingen könnte, ist Johanna Pichlmair. Die 25-Jährige wuchs in Oberzeiring auf, lebt heute in Berlin. Schon als Jugendliche reiste sie durch die Welt, gab Konzerte, wurde mit renommierten Auszeichnungen und Stipendien bedacht. Vom Pölstal in den Musikolymp – ein weiter Weg.

Die Geige zählt zu den schwersten Instrumenten. Wie früh haben Sie mit dem Spielen begonnen?
JOHANNA PICHLMAIR: Ich habe mit sechs Jahren angefangen, ab zehn oder elf wurde es dann intensiver, ich wurde richtig gut für mein Alter. Und es gab nicht viele andere Sachen, die mich im gleichen Ausmaß interessiert hätten. Ich wollte nie etwas anderes machen.
Also kein Druck von den Eltern?
PICHLMAIR: Nein, das war bei mir nie der Fall. In meiner Familie gibt es keine Musiker. Meinen Eltern war nur wichtig, dass ich das, was ich mache, auch gut mache. Zwang gab es nie. Der Antrieb kam eher von meiner Lehrerin, mit der ich noch heute Kontakt habe. Alle dachten damals: Diese Frau muss mit der Peitsche kommen, sonst wären diese Erfolge nicht möglich. Aber in Wirklichkeit übten ihre Schüler freiwillig! Sie war streng, aber gleichzeitig wahnsinnig motivierend und aufbauend. Es geht auch ohne Knechtschaft (lacht).
Aber kommt nicht spätestens in der Jugend der Tag, an den einem alles andere mehr interessiert als die Musik?
PICHLMAIR: Meine Mutter sagte damals, du musst nicht weitermachen, wenn du nicht willst. Da bin ich richtig böse geworden, ich war 14 und wollte es unbedingt. Und ich muss dazu sagen, bei uns am Land herrschen ja optimale Bedingungen. Man hat wenig Ablenkung und kann sich gut auf eine Sache konzentrieren.
Wann kam der Zeitpunkt, an dem Sie merkten, dass Sie den Durchbruch schaffen können?
PICHLMAIR: Ich habe nie darüber nachgedacht und immer selbstverständlich angenommen, dass ich es schaffen kann. Natürlich ist das naiv. Erst als ich nach Berlin kam wurde mir bewusst, wir riesig eigentlich die Konkurrenz ist.
Stichwort Berlin – Zufall oder geplant?
PICHLMAIR: Nach der Matura war ich ein Jahr lang in Salzburg, dort wurde mir Berlin empfohlen. Die Philharmonie ist dort die Adresse Nummer eins, und es ist ein großes Glück, dort mitzuspielen. Beim Probespiel der Akademie wird innerhalb weniger Minuten entschieden wer aufgenommen wird, da braucht man gute Nerven.
Läuft man als Musiker nicht Gefahr, irgendwann ohne Einkommen dazustehen?
PICHLMAIR: Es ist sehr ratsam, sich eine feste Stelle zu suchen. Viele Musiker halten Routine und Beständigkeit nicht aus, ich persönlich finde es sehr positiv. Es gibt am Markt riesige Konkurrenz, auch in der Klassik muss man sich vermarkten wie ein Popstar, um überhaupt aufzufallen. Viele sehen ja aus wie Models, und das Aussehen zählt auch – oft mehr als der Inhalt. Es gibt viele Talente, die große Preise gewonnen haben und jetzt an irgendeiner kleinen Musikschule unterrichten. Auch das kann passieren. Man darf nicht naiv sein und glauben, es fliegt einem alles zu, nur weil man schön spielt.
Wie lebt es sich in Berlin?
PICHLMAIR: Eine schwere Frage. Der Unterschied zwischen Oberzeiring und Salzburg war jedenfalls viel geringer als der zwischen Salzburg und Berlin. Es gibt positive wie negative Seiten, an viele Dinge habe ich mich schwer gewöhnt, und wenn es nur die Obdachlosen sind. Man lernt irgendwann, damit zu leben, dabei ist das nichts, was ich lernen möchte. Die Anonymität einer Großstadt bedeutet Freiheit, aber auch Kälte. Offenheit und Herzlichkeit zeichnet uns Österreicher aus.
Wie reagiert man in Ihrem Heimatort auf Ihre Karriere?
PICHLMAIR: Die einen waren sich gar nicht sicher, ob man Geige überhaupt studieren kann, die anderen fanden es toll – naja, oder zumindest speziell. Das war aber auch innerhalb der Familie so, und es ist okay. Wenn ich zu Hause ein Konzert gebe, habe ich den Eindruck, dass sich alle Leute mit mir freuen und das ist ein wunderbares Gefühl.
Wie oft sind Sie noch in der alten Heimat anzutreffen?
PICHLMAIR: Ich bin wenig da, nur jetzt, um mich auf die Saison vorzubereiten. Im Sommer ist es auf dem Land einfach angenehmer und ruhiger. Insgesamt komme ich vielleicht zweimal im Jahr heim. Komischerweise fehlt mir der Dialekt am meisten, die Sprache und die Mentalität.
Öffentlich wahrgenommen werden Musiker vor allem bei Konzerten. Wie viel Arbeit steckt hinter diesen Auftritten?
PICHLMAIR: Sehr viel, vor jedem Konzert muss man proben und die Stücke lernen, sich die Sachen irgendwie in den Kopf hauen. Es braucht eine Mischung aus Feinmotorik, Konzentration und Merkfähigkeit, man muss logisch vorgehen. Auch die Koordination zwischen links und rechts ist schwierig. Aber die eigentliche Kunst ist, das Publikum anzusprechen. Ausdruck und Emotionalität sind entscheidende Parameter für ein gelungenes Konzert. Man kann dabei nur ausdrücken, was man selbst fühlt.
Geht sich heuer ein Urlaub aus?
PICHLMAIR: Dieses Jahr habe ich keinen wirklichen Urlaub, es stehen im Herbst viele Konzerte an, für die ich Programme einstudieren muss. Die Rückkehr ins Murtal ist aber trotzdem sehr angenehm und erholsam.