Maikäfer, flieg. Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist in Pulverland, Pulverland ist abgebrannt. Maikäfer, flieg.

Es ist ein uraltes Kinderlied, das 71 Jahre nach Kriegsende noch immer nicht vergessen ist. Ein Lied, das verstört, weil die sanfte Wiegenlied-Melodie nicht zu den grausam nüchternen Kriegsbeschreibungen passt.

"Maikäfer, flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich" hat Christine Nöstlinger 1973 ihren autobiografischen Roman benannt. Darin erleben Leser mit der neunjährigen Christine das Schicksalsjahr 1945, das Hungern, den Einfall der Russen, wie unzweideutig Krieg ist - und das Ende des Naziregimes. Kindliche Naivität prallt auf erwachsene Abgeklärtheit, Streichespielen in Trümmerbauten auf Zittern im Luftschutzkeller. Nöstlinger hat diese Zeit, als das Land in Schutt und Asche lag, einmal als "die aufregendsten, spannendsten und vielleicht sogar schönsten Wochen" ihrer Kindheit bezeichnet.

 

Filmemacherin Mirjam Unger hat den Roman nun fürs Kino adaptiert. Beim Filmfestival Diagonale in Graz wird "Maikäfer flieg" am Dienstag uraufgeführt - bis 13. März darf sich Graz mit einem umfassenden Programm dann Filmhauptstadt Österreichs nennen.

Nöstlingers sanftes Lob

Die Autorin, der Regisseurin Mirjam Unger bei mehreren Treffen stundenlang zuhörte, hat den Film bereits gesehen. "Sie hat gesagt, sie hat sich Fürchterliches erwartet, weil Filme über ihre Bücher nie dem entsprechen, was sie gemeint hat. Dieser Film sei viel besser als erwartet", erzählt Unger bei einer Melange im Café Ritter in Wien. Nachsatz: "Wir kennen Christine Nöstlinger. Sie ist keine, die in Euphorie badet."

Dass die 45-jährige Wienerin just auf dieses Buch gestoßen ist, war Zufall. Sie nennt es Intuition. Ihr Mann, Gerald Votava (er verkörpert im Film Christines Vater), spielte gerade mit Ursula Strauss (sie spielt Christls Mutter) gerade in der Elektronikoper "Iba de gaunz oamen Leit" nach einem Gedichtband von Nöstlinger im Rabenhoftheater. Unger beschloss, wieder einmal ein Buch von ihr zu entdecken. Dieses war das erste, das sie aus dem Regal nahm. Sie begann zu lesen, konnte nicht mehr aufhören. "Die Lebendigkeit der Darstellung der Ereignisse von damals" beeindruckte sie.

Perspektivenwechsel

"Ich hatte nicht das Gefühl, im Geschichtsunterricht zu sein oder Österreich II zu schauen, sondern erlebte den Krieg aus der Perspektive der Zivilbevölkerung und vor allem aus Sicht der Kinder", schwärmt Unger, "und weil Nöstlinger eine fantastische Autorin ist, hat sie die Schilderungen auch mit ihrem so großartigen Humor angereichert." Das Tragikomische mache das Erzählte so menschlich. Auch ihrer Mutter, 1940 geboren, hörte Unger fasziniert zu, wenn sie vom Krieg erzählte - etwa, wie sie mit zwei Jahren bei Bombenangriffen im Gitterbett vergessen wurde.

 

Lino und Zita Gaier sind im echten Leben Geschwister, im Film Freunde
© Filmladen

Während der Dreharbeiten im letzten Sommer holte die Realpolitik die Kriegsschilderungen von einst ein. "Auf einmal haben sich die Bilder von früher und heute übereinandergeschoben." Und knifflige Fragen, wie man denn den Kinderdarstellern beibringen könnte, wie sich Hunger anfühlt, waren angesichts der Flüchtlingsströme erklärbar.

Für Unger ist die Aussage "auf Augenhöhe" keine hohle Phrase, sondern im Umgang mit Kindern Grundhaltung. "Ich sage immer: Es ist ein Film für alle. Ein Publikumsfilm von und über Menschen." Ihr Traum: dass sich die Generationen damit auseinandersetzen, die Großeltern vielleicht mit den Enkerln gemeinsam (ab 11. März) ins Kino gehen. "Es gibt viele Leute, die das noch miterlebt haben. Aber wir wollen unbedingt auch mit den Jüngeren kommunizieren." Denn: "Wir wollen diese Generation ernst nehmen." Und das eint sie mit Christine Nöstlinger.