Nach Hafen-ExplosionSchüsse und Explosionen: Mindestens fünf Tote bei Protesten in Beirut

Hisbollah: Bewaffnete zielten auf Köpfe von Demonstranten - Protest gegen Richter, der zu Hafen-Explosion von 2020 ermittelt.

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© APA/AFP
 

Im Libanon ist der Konflikt über die juristische Aufarbeitung der verheerenden Hafen-Explosion in Beirut in tödliche Straßengewalt umgeschlagen. Mindestens fünf Menschen wurden nach Angaben des Innenministeriums am Donnerstag getötet. Militärkreisen zufolge brach in der Hauptstadt ein offenes Feuergefecht aus, als Anhänger der schiitischen Hisbollah-Miliz auf dem Weg zu einer Protestkundgebung von einem Christen-Viertel aus unter Beschuss genommen wurden.

Über Stunden hinweg waren Schüsse und mehrere Explosionen zu hören, wie Reuters-Mitarbeiter berichteten. Die Armee rückte schließlich mit einem Großaufgebot an und drohte, auf jeden Bewaffneten, der sich auf der Straße befinde, zu schießen. Ministerpräsident Najib Mikati rief unterdessen zur Ruhe auf.

Die Hisbollah-Anhänger waren auf dem Weg zum Justizpalast, als die Gewalt ausbrach. Sie wollten dort eine Absetzung des Richters fordern, der mit dem Fall der Hafen-Explosion vom August 2020 betraut ist. Als die Menge jedoch den Verkehrsknotenpunkt, der christliche und schiitische Stadtviertel voneinander trennt, erreichte, fielen Militärkreisen zufolge zunächst Schüsse aus dem Christen-Viertel Ain el-Remmaneh. Schließlich sei daraus ein Schusswechsel geworden. Nach Angaben der Hisbollah eröffneten bewaffnete Gruppen von Dächern aus das Feuer auf die Demonstranten. Es sei auf Köpfe gezielt worden.

Der Hisbollah-TV-Sender Al-Manar berichtete, "zwei Märtyrer" und mehrere Verletzte seien in ein Krankenhaus in einem schiitischen Vorort gebracht worden. Somit dürfte es sich bei den Opfern um Schiiten gehandelt haben. Militärkreisen zufolge war eine Frau unter den Getöteten. Sie sei in ihrer Wohnung an einer Schussverletzung gestorben.

Die politischen Spannungen im Zusammenhang mit den Ermittlungen rund um die Hafen-Explosion, bei der im vergangenen Jahr 200 Menschen ums Leben gekommen und unzählige Hafen- und Wohngebäude zerstört worden waren, hatten sich zuletzt immer weiter hochgeschaukelt. Die irannahe Hisbollah, von der selbst keine Mitglieder Ziel der Untersuchung sind, wirft Richter Tarek Bitar vor, befangen zu sein und nur bestimmte Personen ins Visier zu nehmen. Bitar will eine Reihe hochrangiger Politiker und Sicherheitsbeamter, darunter auch wichtige Verbündete der Hisbollah, befragen. Sie werden verdächtigt, durch fahrlässiges Verhalten die durch Unmengen an gelagertem Ammoniumnitrat verursachte Explosion ermöglicht zu haben. Alle Betroffenen haben ein Fehlverhalten ihrerseits bestritten. Eine Klage gegen Bitar wiederum wurde am Donnerstag von einem Gericht abgewiesen, wie aus Justizdokumenten hervorging. Er darf damit seine Ermittlungen fortsetzen.

Der Konflikt hat ein solches Ausmaß angenommen, dass er auch zunehmend die Aufmerksamkeit der gerade erst neu angetretenen Regierung bindet. Die allerdings hätte allein schon genug zu tun mit der schweren Wirtschaftskrise, die das Land fest im Griff hat.

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