Diplomatie-Premiere für Neuseelands "First Baby": Premierministerin Jacinda Ardern (38) hat ihre drei Monate alte Tochter Neve in die UN-Vollversammlung mitgebracht. Während Ardern bei einem Friedens-Gipfel im Vorfeld der UN-Generaldebatte eine Rede hielt, saß Ehemann Clarke Gayford mit dem Baby im Publikum.

Papa Clarke Gayford mit Tochter Neve
Papa Clarke Gayford mit Tochter Neve © APA/AFP/DON EMMERT

Per Kurznachrichtendienst Twitter veröffentlichte Gayford ein Foto vom UN-Zugangsausweis seiner kleinen Tochter, auf dem sie als "Neuseelands First Baby" bezeichnet wird. "Weil alle hier auf Twitter gefragt haben, wo Neves UN-Ausweis ist, haben die Mitarbeiter einen hervorgezaubert", schrieb Gayford. "Ich wünschte, ich hätte den verwirrten Ausdruck einiger japanischer Vertreter festhalten können, als sie gestern in einen UN-Konferenzraum kamen, in dem gerade die Windel gewechselt wurde."

© APA/AFP/DON EMMERT
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Jacinda Ardern im Porträt

Sie ist ungewöhnlich. Sie gewann tatsächlich eine Wahl mit der Erklärung, mehr Flüchtlinge ins Land holen zu wollen. Sie ist jung. Zumindest im Vergleich zu anderen Regierungschefs. Denn Jacinda Ardern war erst 37, als sie vorigen Oktober zur 40. Premierministerin Neuseelands vereidigt wurde. Davor war eine regelrechte „Jacinda-Mania“ ausgebrochen, und die bis dahin in den Seilen hängende Labour-Partei erlebte ein ungeahntes Revival in Neuseeland. Von ihrer Beliebtheit zeigt sich Ardern selbst überrascht: Sie sei ein „Politik-Nerd“ und habe sich immer in der zweiten Reihe gesehen. Die Regierungschefin mit dem sympathischen „Obama-Lächeln“ (so die „Times“) ist erst die zweite Regierungschefin der Welt, nach Pakistans Benazir Bhutto, die in der Amtszeit ein Baby bekommen hat. Das erste Kind der 37-Jährigen und ihres Lebensgefährten Clarke Gayford kam im Juni zur Welt. Nach sechs  Wochen Babypause ging es zurück ins Büro: „Ich werde nicht die erste Frau sein, die Multitasking machen muss.“

Auf ihrer im Frühjahr zu Ende gegangenen Europatour, vollgepackt mit Arbeitsbesuchen bei Frankreichs Präsident Macron, Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, Großbritanniens Premierministerin Theresa May etc., eroberte sie die Europäer im Sturm. Jacinda Ardern hat offenbar ein Gespür dafür, wie man Sympathiepunkte sammelt. Zum Dinner mit der Queen im Buckingham-Palast erschien die damals hochschwangere Regierungschefin in einem Kahu huruhuru, in einem Federmantel der Maori, dem indigenen Volk Neuseelands.

Schon im Wahlkampf im Vorjahr erregte die studierte Kommunikationswissenschaftlerin große Aufmerksamkeit in Debatten mit dem konservativen Regierungschef Bill English, der nach den Wahlen auf eine vierte Amtszeit gehofft hatte. „Meine Generation wurde von Ihrer Regierung im Regen stehen gelassen“, warf sie dem 55-Jährigen vor und punktete damit vor allem bei jüngeren Wählern des Landes.

Empört und zornig reagierte Jacinda Ardern, als sie im Vorjahr bei einer Talkshow gefragt wurde, ob sie plane, Kinder zu bekommen. „Es ist absolut nicht zu akzeptieren, dass Frauen im Jahr 2017 diese Frage an ihrem Arbeitsplatz beantworten müssen.“
Ardern legte eine steile Karriere hin. 1980 in Hamilton, 130 Kilometer südlich von Auckland, als Tochter einer Kellnerin und eines Polizisten geboren, trieb sie nach eigenen Angaben die Armut in ihrem Umfeld in die Politik. Sie engagierte sich schon früh in der Jugendorganisation der Labour-Partei. Nach ihrem Studium arbeitete sie für die neuseeländische Labour-Regierungschefin Helen Clark (1999-2008). Unter dem britischen Premierminister Tony Blair arbeitete sie auch bei der dortigen Labour Partei als Politikberaterin.

In ihrem eigenen Wahlkampf setzte sie vor allem auf soziale Gerechtigkeit in Bildungs-, Gesundheits- und Wohnungsfragen. Seit 26. Oktober ist sie Premierministerin Neuseelands, sie bildete eine Koalition aus Labour, der populistischen Anti-Einwanderungs-Partei New Zealand First (Neuseeland zuerst) und den Grünen.

In ihrer ersten Rede als Ministerpräsidentin kündigte Ardern eine Neuregelung an, damit Ausländer in Neuseeland keine bestehenden Immobilien mehr zu Spekulationszwecken kaufen können. Innerhalb der nächsten zehn Jahre sollen 100.000 neue Häuser zu günstigen Preisen gebaut werden. Und der Mindestlohn soll erhöht werden. Weiterer Schwerpunkt ihrer Koalition: der Kampf gegen Kinderarmut. Ardern gründete dazu ein eigenes Ministerium, das sie selbst übernahm. In Neuseeland leben offiziell 300.000 Kinder unter der Armutsgrenze.
Und dann die Sache mit der Umwelt. Neuseeland wirbt zwar touristisch mit dem Slogan „100 % pure“ (100 Prozent rein) und propagiert die saubere Luft im Land, unberührte Wälder und kristallklare Flüsse. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus.

Laut Massey-Universität in Wellington sind 43 Prozent aller Seen Neuseelands verschmutzt. Millionen Milchkühe auf dem Land, in den Städten der Zufluss von Urin und Kot in Bäche und Flüsse haben in einigen Gebieten das Ausmaß einer Umweltkatastrophe angenommen. „Derzeit gelten 29 Prozent unserer Flüsse und Seen als zum Schwimmen ungeeignet. Das ist etwas, das nicht zu dem Neuseeland passt, das wir sein wollen“, erklärte Jacinda Ardern in einem ARD-Interview.

Und auf die Frage der Journalistin, was es über unsere Welt aussage, dass Frauen im Jahr 2018 noch immer beteuern müssten, ihre Führungsposition und die Rolle als Mutter miteinander vereinbaren zu können, sagte sie: „,Es bedeutet wohl, dass noch einiges an Arbeit vor uns liegt.“

Der UN-Ausweis von Baby Neve