Am 15. März jährte sich der Aufstand in Syrien zum zehnten Mal. Der Konflikt dauert immer noch an, die Situation in Syrien und der Region ist nach wie vor äußerst kritisch, wobei die Folgen der Coronakrise und die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in der gesamten Region im letzten Jahr die katastrophale humanitäre Situation innerhalb Syriens und die Bedingungen für syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern weiter verschärfen.

Um auf die kritische humanitäre Lage in Syrien und die Folgen der Pandemie für die Region einzugehen, richtet die Europäische Union heute und morgen erneut eine Brüsseler Syrienkonferenz aus. Die Konferenz soll die Möglichkeit zum Dialog zwischen der Zivilgesellschaft, den Aufnahmeländern von Geflüchteten aus Syrien, der EU und den Vereinten Nationen bieten und gleichzeitig finanzielle Unterstützung für Syrerinnen und Syrer und ihre Aufnahmegemeinschaften mobilisieren.

Der UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock hofft auf finanzielle Zusagen der Geberländer auf der Syrien-Hilfskonferenz, die heute und morgen coronabedingt nur online stattfinden kann. Das erklärt er im Interview mit der Kleinen Zeitung.

Wie viele Menschen in Syrien und der Region brauchen humanitäre Hilfe?
Mark Lowcock: Insgesamt benötigen rund 24 Millionen Menschen in Syrien und der Region Unterstützung, das sind vier Millionen Kinder, Frauen und Männer mehr als noch vor einem Jahr. Niemals seit Beginn des Syrien-Konflikts vor zehn Jahren waren so viele Menschen auf Hilfe angewiesen. Das Elend wächst in dramatischer Weise. Heute leiden die Menschen nicht mehr so stark unter der Gewalt, aber sie hungern und sind von Krankheiten wie Covid-19 befallen. Neun von zehn Menschen in Syrien fristen ein Leben unterhalb der Armutsgrenze. Die syrischen Flüchtlinge in der Region dürfen oft nicht arbeiten oder es gibt keine Arbeit.

Was brauchen die Menschen am dringendsten?
Die Menschen brauchen die wesentlichen Güter, um zu überleben. Lebensmittel, Wasser, sanitäre Einrichtungen, Medikamente, Unterkünfte. Die Kinder brauchen Schulunterricht.

Wie viel Geld veranschlagen Sie für die humanitäre Hilfe in und um Syrien?
Wir kalkulieren für das Jahr 2021 einen Betrag von mehr als zehn Milliarden US-Dollar, um die humanitäre Hilfe zu finanzieren. Davon sollen 4,2 Milliarden US-Dollar den Menschen in Syrien zugutekommen. Rund 5,8 Milliarden US-Dollar sind bestimmt für die syrischen Flüchtlinge in der Region und die Menschen, die ihnen helfen.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Geberländer auf der Syrien-Konferenz die benötigte Summe bereitstellen?
Da müssen wir abwarten, es wird auf jeden Fall sehr schwierig. Im vergangenen Jahr brauchten wir neun Milliarden US-Dollar. Die Geber überwiesen uns 5,5 Milliarden US-Dollar.

Auf welche Länder setzen sie ihre Hoffnungen?
Die Europäische Union, die USA und Deutschland werden sicherlich einen ordentlichen finanziellen Beitrag leisten, um die Not der Menschen in Syrien und der Region zu lindern. Zumal auf die Hilfe der Deutschen können wir uns verlassen. Besorgt bin ich allerdings über Großbritannien. Die britische Regierung hat drastisch bei der humanitären Hilfe für das Ausland gekürzt. Zudem bin ich besorgt über die nachlassende Spendenbereitschaft einiger arabischer Länder.

Hat Syriens Regierung unter Machthaber Baschar al-Assad jemals Hilfe für die Millionen geflohenen Syrer angeboten?
Nein.

Wie wollen Sie die Geber in der Corona-Krise überzeugen, Gelder für die Syrer bereitzustellen?
Hilfe für die Syrer ist in unser aller Interesse. Im Jahr 2014 erhielten die UN und ihre Partner keine ausreichenden finanziellen Mittel, um die syrischen Flüchtlinge zu versorgen. Ein Jahr später, 2015, erlebten wir den großen Exodus der Syrer nach Europa. Verzweifelte Menschen ergreifen verzweifelte Maßnahmen.

UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock
UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock © AFP