Überwiegt die Freude, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt? Oder schlagen sentimentale Gefühle durch?
THOMAS GÖTZ: Sie schlagen durch, aber die Freude überwiegt.

Warum?
Ich hatte immer Sieben-Jahres-Rhythmen, wo sich dann etwas Neues getan hat. Jetzt war es ein Zwölf-Jahres-Rhythmus. Es ist überfällig, dass etwas Neues geschieht.

Was genau?
Es ist ein Zugewinn an Freiheit, was die Verfügbarkeit der Zeit anbelangt. Ich will die Verlassenschaft der Eltern ordnen, die auch meine eigene ist. Auch plane ich ein selbstgemachtes Buch über meine Tante, die eine sehr gute Künstlerin war, aber mit 23 Jahren gestorben ist.

Thomas Götz (r.) mit Chefredakteur Hubert Patterer bei der Vorbereitung auf ein Interview in der Hofburg
© Akos Burg

War es immer dein Herzenswunsch, Journalist zu werden, oder bist du in diesen Beruf hineingekippt?
Ich bin hineingekippt worden. Ich hatte überhaupt keinen Plan, war vollkommen ratlos. Es war Hans Winkler, der mich gefragt hat, ob ich nicht anfangen will, weil die Kleine Zeitung den 17-Uhr-Andruck eingeführt hat und man auf Anhieb vier Leute angestellt hat. Ich habe von der Pike auf begonnen. Das Schreiben war mir nicht in die Wiege gelegt worden. Ich habe auf Deutsch-Aufsätze immer wieder "Nicht genügend" geschrieben.

Du bist also Journalist wider Willen?
Es hat auch sehr lange gedauert, bis ich in die Gänge gekommen bin. Günther Kogler, der damals mein Vorgesetzter in der Innenpolitik war, hat mir gesagt, dass man bei jedem Einspalter mit der Ortsbezeichnung Graz oder Wien beginnen muss. Ich habe Wochen gebraucht, bis ich das gemacht habe. 

Deine Passion ist die Musik. Wärst du lieber Musiker geworden?
Das ist nie über Fantasievorstellungen hinausgegangen. Dirigent war immer so ein Traumbild, aber ich habe nichts dazu getan, es zu verwirklichen, denn da gehört extreme Willenskraft dazu, auch Fleiß, Einsatz und Risikobereitschaft. Die Gefahr, dass man dann bei Baden in Wien Operetten dirigiert, ist relativ groß.  

Als stellvertretender Chefredakteur ist man bisweilen auch Chef eines großen Orchesters, mit 200 oder mehr Leuten. Eigentlich dirigierst du ein größeres Orchester als Karajan und Gergijew?
Das stimmt, aber die Klänge sind nicht so schön.

Woran liegt das? Am Orchester oder am Dirigenten?
Journalisten sind meistens extreme Individualisten. Ein Orchester muss ein kompakter Klangkörper sein, jeder einzelne muss sich unterordnen. Ein Orchester hat eine ziemlich autoritäre Struktur. Beim Journalismus bedarf es einer idealen Mischung aus Führung und Freiraum. Bei der Kleinen Zeitung war das immer in sehr ausgeprägtem Maß da. Ich habe auch andere Zeitungen erlebt, wo das unangenehmer war.

Weil es autoritärer war?
Ja, sicher. Die Presse unter Andreas Unterberger wurde ausgesprochen autoritär geführt, ich bin dann von dort weggegangen.  

Du warst in Prag, Rom, Berlin, Wien, jetzt wieder Graz. Wo war es journalistisch besonders spannend?
Eigentlich in Berlin, weil das eine Redaktion war, die halb aus Ostdeutschen, halb aus Westdeutschen zusammengesetzt war. An dieser Bruchlinie zu sitzen, war höchst aufschlussreich. Die interessanteste Beobachtung war, dass die "Ossis" mit uns mehr gemeinsam haben als die "Wessis", von der Mentalität her.

Was meinst du genau? Gemütlichkeit, Schlendrian, Lebensfreude?
Eher die Doppeldeutigkeit der Sprache, die man sich in einer Diktatur angewöhnt, dass man die Dinge mit Anspielungen und in ironischer Brechung sagt, weil die direkte Konfrontation gefährlich ist. Bei den Ostdeutschen gibt es einen ganz eigenen, doppelbödigen Humor, der unserem nahe ist. Vielleicht haben wir das in der Monarchie unter Metternich gelernt. 

Du warst auch in Rom. Welche Geheimnisse hast du dem Vatikan entlocken können, die du nie geschrieben hast, die du uns jetzt vertraulich erzählen kannst?
Der Vatikan ist eher ein Feindbild, wenn man als österreichischer Katholik oder Journalist hinunterkommt. In Österreich wird das – ähnlich wie die EU – als ein ferner Moloch gesehen, der uns fremdbestimmen will, bürokratisch und lebensfern ist. Ich habe bald erkannt, dass das ein sehr kleiner Apparat ist, der erstaunlich offener und weltzugewandter ist als die italienische Politik. Italien ist ein selbstbezogenes Land. Der Vatikan muss bei jeder Entscheidung die ganze Welt in ihrer Unterschiedlichkeit mitbedenken. Ich denke etwa an den Zölibat. Bei uns könnte man ihn sofort abschaffen. Das habe ich lernen müssen, wir haben hier in Österreich eine Frosch-Perspektive.

Thomas Götz 2006 in der Kleine-Redaktion
© ATELIER HELGE O. SOMMER

Hat sich der Journalismus zum Besseren oder zum Schlechteren entwickelt?
Die Arbeits- und Recherchemöglichkeiten haben sich deutlich verbessert. Die technischen Voraussetzungen sind schwer zu toppen. Was problematisch ist, ist, dass wir durch die zwei Geschwindigkeiten, die Echtzeit, also Online, und das Langfristige, also Print, eine Verdopplung der Arbeit erlebt haben. Da sind wir immer noch auf der Suche, wie sich das ausbalancieren lässt. Wir sind ein Echtzeit-Medium geworden, aber es sind im Vergleich zum Mehraufwand nicht sehr viel mehr Leute im Einsatz.

Die Kurzatmigkeit des Journalismus ist ein Nachteil.
Darin sehe ich eine Gefahr. Die Kurzatmigkeit ist bei einem Echtzeit-Medium unvermeidlich, aber dass man dann umschaltet, erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Zweispurig am Tag zu fahren, ist sehr kräftezehrend. Ich bin jetzt 65 und ich merke das schon. "No job for old men."

Das wäre ein guter Titel. Hat Print eine Zukunft, oder wird es nur noch ein Nischenprodukt für ein paar Tausend Leser sein?
Wenn ich daran denke, wie viele Prognosen sich in den letzten 30 Jahren als unsinnig erwiesen haben, zögere ich mit der Antwort. Ich glaube, dass es einen "Backlash" geben wird, eine "digital fatigue", vielleicht auch bei den Jüngeren. Bei anderen Phänomenen, wie beispielsweise der Musik, ist die Rückkehr schon zu bemerken. Mir fällt die Geschichte vom "Kleinen Prinzen" ein, der einen Händler trifft, der eine Pille erfunden hat, damit man nicht mehr zum Brunnen gehen muss, um etwas zu trinken. Dann wird er gefragt: "Was tätest du mit der Zeit, die du dir ersparst?" Und seine Antwort lautete: "Ganz langsam zum Brunnen gehen, um Wasser zu holen." Die Frage ist, ob man durch die Einsparung nicht mehr an Lebensqualität, Geschmack oder Freude verliert, als man an Zeit gewinnt. 

Wenn du die Zeitung liest, wo fängst du da an? 
Ganz fad, vorne.

Was liest du nie?
Beim Sport halte ich mich nie sehr lange auf.

Wenn du in Pension gehst, welche Zeitungen wirst du weiterhin abonnieren?
Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die Kleine Zeitung. Wir haben noch den "Standard", den "Falter", die "Emma" abonniert, die eine wirklich interessante Zeitschrift ist. Die hat meine Frau ins Haus gebracht.

Kleine Zeitung im Print oder als E-Paper?
Eher als E-Paper, denn wenn man wegfährt, müsste man die gedruckte Version abbestellen.

Und die Kleine-Zeitung-App?
Ich finde die App sehr praktisch.

Das heißt, du bleibst der Kleinen Zeitung treu?

So ist es.