GastbeitragWie Ex-Neos-Chef Strolz die Kurz-Tragödie vorhersah

Persönlich wünsche er Sebastian Kurz alles Gute, gerade auch als werdender Vater, sagt Matthias Strolz. Politisch werde er sich auch als Klubobmann nicht halten können. Strolz beruft sich auf eine "vorhersehbare Tragödie", die er der ÖVP bereits 2017 in einem Blogbeitrag vorhergesagt habe.

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Matthias Strolz war Gründer und von 2012 bis 2018 Vorsitzender der Neos. Blogeintrag von Matthias Strolz vom 14. Mai 2017, an jenem Tag, an dem Sebastian Kurz als neuer Chef der ÖVP ausgelobt wurde.

Erneuerung ja, aber wie?

Heute ist ein bedeutsamer Tag für unser Land. Am Abend werden von einem politischen Mitbewerber voraussichtlich Weichen gestellt, die ein Ende der bisherigen Logik der Zweiten Republik markieren. Das Ende der Volkspartei als staatstragende Partei wird damit schneller kommen, als ich es erwartet habe.

Als Bürger – und selbst als Mitbewerber – habe ich auf eine nachhaltige Rundum-Erneuerung der Volkspartei gehofft. Die Sozialdemokratie braucht diese übrigens ebenso. Denn die Demokratie braucht vitale Parteien und Parlamentskräfte. Warum also kritisiere ich das, was sich hier anbahnt?

Auch wenn es wohl einige Zeit dauern wird, bis es offensichtlich wird: Ich halte die (voraussichtlichen) Entscheidungen der VP-Spitzen für falsch – für unser Land, für die Volkspartei und auch für Kurz persönlich.

9 ½ Einträge ins #Geschichtsbuch aus 9 Perspektiven, warum der autoritäre Kurz-Ansatz mittelfristig nicht funktionieren wird und schlecht für unser Land ist.

1) Als Bürger: Weil wir in Österreich keinen Westentaschen-Orban brauchen.

2) Als Analytiker: Weil er es als Verschnitt von Haider 1986, Grasser 2006 & Stronach 2013 anlegt. Früher oder später sind alle drei gescheitert.

3) Als Beobachter: Weil die Intrigen und Hinterhältigkeit beim Wegmobben von Reinhold Mitterlehner auf Kurz zurückfallen werden.

4) Als Demokrat: Weil Parteien in Demokratien ein Mindestmaß an innerparteilicher Demokratie brauchen, um anschlussfähig für die Demokratie zu sein.

5) Als multipler Gründer: Weil positive Gemeinsamkeit in partizipativen Organisationen durch konstruktives Miteinander und nicht durch Erpressung entsteht.

6) Als Vater: Weil Kinder, die ihre Mutter erpressen, in destruktiven Verstrickungen gefangen sind. Sie sind das Gegenteil von abgenabelt und frei.

7) Als Systemiker: Weil sich die Wucht der Geringschätzung und Aggression gegen die eigene Organisation eines Tages im selben Ausmaß gegen den Aggressor entladen wird.

8) Als Organisationsentwickler: Weil die ÖVP nach dem Kurz-Hype gleichsam tot sein wird. Schade für Österreich, weil sie auch viele historische Verdienste hat.

9) Als Mitbewerber: Weil Österreich eine erneuerte ÖVP bräuchte, keine abgeschaffte. Eine echte Erneuerung hätte Potenzial – für Koalitionen, Land und Menschen.

9 ½: Wer im Leben von einem Extrem ins andere Extrem kippt, dem fehlt meist die Erdung. Die Umstellung von “dezentral-bündisch” auf “autoritär-zentralistisch” ist eine Operation am offenen Herzen der Volkspartei, vollzogen mit Hammer und Küchenmesser. Ich wünsche der ÖVP und Kurz trotzdem alles Gute. Für Österreich hoffe ich, ich möge mich irren. Weil sonst der Schaden für das Land groß sein wird.

Jedenfalls gilt: Mit heute ist Sebastian Kurz Politiker geworden. Das ändert für ihn das Spiel gewaltig. Ich habe Respekt für seine Entschlossenheit, auch wenn ich seine Methoden für nicht okay und seine Haltung sowie seinen gewählten Ansatz für falsch erachte. Wenn er ernsthaft und ehrlich eine neue politische Bewegung gründen wollte, muss er aus der Partei heraustreten. So wird er – auch wenn anfänglich der Hype groß sein wird – eine Säule der Zweiten Republik ziemlich demolieren, ohne dass nach seinem Abgang etwas Tragfähiges vorhanden sein wird.

Kurz wird hier persönlich sicherlich eine andere Sicht der Dinge haben. Als Mitbewerber freue ich mich auf eine kritische Auseinandersetzung in der Wahlarena. Hoffentlich in einem fairen Ringen um die besten Ideen und Lösungen für unser Land.

 

Kommentare (43)
paulrandig
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Papierln trifft es am ehesten.

Ich erinnere nur an Mascheks "Schere, Stein, Papier"...

Limousin
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Beeindruckend

Sagenhaft welch weitsichtige Menschen NICHT mehr politisch tätig sind. Traurig…

wiwo64
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Es gibt ein Vido von Jahn Bömermann über Kurz

Einfach als Suchopption in Google eingeben und es ist auf Youtube zu finden. Dauert zwar ca 28 Minuten und stammt mit Erstausstrahlung vom MAI 2021!!!!!!!
Bitte immer das Datum der Ausstrahlung im Hinterkopf behalten wenn man es anschaut.
Eigentlich ist es erschreckend, was ein"Satiriker" aus Deutschland im Mai bereits wusste.
Vie Spaß und Geänsehaut beim Anschauen.

Mila9
100
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Strolz

Herr Strolz ist genauso jemand, der sich wahnsinnig wichtig nimmt. Sein Auftritt ist nicht nur immer sehr belehrend, sondern auch inhaltsleer. Er hat als Politiker immer so agiert wie ein Politikberater, aber nicht Politikgestalter. Warum immer Hinterbänkler zu Wort kommen, ist mir schleifhaft. Für die Analyse braucht man ihn echt nicht - sondern es braucht Menschen, die sich darüber Gedanken machen, wie die Politik in Österreich neu organisiert wird. Ich halte ehrlicherweise auch nichts von den U-Ausschüssen im Parlament. Diese Ausschüsse spielen Gericht und nehmen der Justiz die Zeit zum Ermitteln. Diese Ausschüsse dienen nur dazu, dass man den politischen Gegner kaputt macht und verschlingen viel Geld für null Ergebnisse! Dieses Instrument gehört DRINGEND abgeschafft. Ursprünglich war dieses Instrument anders angedacht und nicht als Paralellschiene zu Justiz.

shorty
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Das ist keine Analyse

Haben Sie das Datum nicht gecheckt? Das war eine Prophezeiung.

mobile49
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@Mila9

du hast in deiner beschreibung den kurzen namen verwechselt

ironie off

Limousin
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keine Gedanken machen?

also wenn ich jemanden suchen will, der sich über die Politik in Österreich KEINE Gedanken macht, würde mir der Mathias Strolz nicht einfallen
und einem vier Jahre alten Blog, der sich im wesentlichen und durchgehend als richtige Prognose herausstellt, als inhaltsleer und belehrend zu bezeichnen, geht's noch??? Wahrscheinlich hat Frau/Herr Mila9 das Entstehungsdatum nicht gecheckt...? ;-)

blackpanther
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Gratulation

Herr Strolz, messerscharf analysiert und JEDER Punkt eingetroffen.

RonaldMessics
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Treffsicher..

...und alles ist eingetroffen.
Vergleicht mal die Diskussionen, außer das Gestammel der AfD und Linken, mit den unsrigen Diskussionen, außer das oft direkt schon bösartige eines Kickl und einiger FPÖler, dann wird einem bewusst, wie mangelhaft zu viele Politiker politisch analytisch denken. Sie gehrochen, aber sie sie haben zu oft nicht die Fähigkeit zu akzeptieren, dass die kritischen Elemente von Menschen außerhalb einer Partei zu beachten sind.
Die Sendung von Markus Lanz vom 12.10.2021 ist sehr beachtenswert.
>
Ich hege auch den Verdacht, dass die richtigen ÖVPler ahnten was passieren könnte. Deshalb waren sie auch dafür, dass er grundsätzlich mit dem Parteinahmen DIE TÜRKISEN seinen Weg einschlug. So könnten sie sich wider von diesem Namen trennen und wieder ÖVP im Vordergrund stehen.
Ob es nutzt, weiß ich nicht, weil das Gedächtnis des Wählers zu schnell vergisst.

Elli123
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Im Nachhinein

Haben es alle gewusst.

Lepus52
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Falsch,

manche kapieren es nie@

andshal
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wer lesen kann ist klar im vorteil

Blogeintrag von Matthias Strolz vom 14. Mai 2017 ...

rouge
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Strolz

hat es aber vorausgesagt

dude
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Da steigt einem ja die Gänsehaut auf beim Lesen!

Jedes Wort stimmt!
Und dies nicht im Nachhinein aus dem Munde eines "Muppets auf dem Balkon sitzend" sondern im Vorhinein analysiert und vorhergesagt!
Kompliment Herr Strolz!

Lepus52
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Stolz Matthias wusste, was er schrieb.

Es war ja deutlich sichtbar. Es war auch bei Haider sichtbar, manche sehen das heute noch nicht. Diese kognitive Dissonanz ist so massiv, dass es auch nach mehr als 10 Jahren nach seiner Selbstaufgabe noch Leute gibt, die ihn verteidigen. Man will es einfach nicht wahrhaben.

kopfx
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Ich denke

.. mit Mathias Stolz wären die Neos auch weiter und habe es auch für Schade empfunden als er von der Politik ausgeschieden ist.

gori
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Chapeau Hr. Strolz

Unglaublich, da stimmt ja jeder Punkt.

oafoch
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Hut ab

Ich ziehe meinen, imaginären, Hut vor der analystischen Intelligenz und politischen Weitsichtigkeit von Hr. Strolz. Alles korrekt und treffend.

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