EssayPeter Strasser: Was Bildung wäre, wenn es sie gäbe

Betrachtungen eines Universitätsprofessors, der "aus dem Keller" kam.

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© Zeichnung: M. Krammer
 

Ich war einer, der aus der Kellerwohnung kam, „von unten“, wie man so leichthin sagt. Für mich ging es darum, zugelassen zu werden. Das klingt in manchen Ohren womöglich abstrakt. Aber es war für mich das Konkreteste. Ich war praktisch ausgeschlossen. Die Wohnungstüren derer, die zu ebener Erde wohnten, blieben mir verschlossen. Ich durfte nicht hoffen, einst die Luft jener zu atmen, die im ersten Stock wohnten oder noch höher, im Akademikerhimmel. Zugelassen zu werden, blieb bei mir untrennbar verschmolzen mit dem Gefühl, eingelassen zu werden.

Kommentare (1)
berta47
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Großartig

Peter Strasser ist gut verwurzelt und hat die Bodenhaftung nie verloren. Seine Gedanken sprechen mir aus der Seele und ich freue mich immer, wenn ein Beitrag von ihm erscheint.

Ich stehe solcher Sprache fremd gegenüber. Zwar kann ich sie, aus eingelernter Routine, entschlüsseln und repetieren. Doch solche Sprache weiß nichts mehr von meinen eigenen, ureigenen Angelegenheiten, zu denen die Angelegenheiten meines Geistes zählen, der sich nach dem Absoluten – hin zur Helligkeit des Wahren, Guten und Schönen – sehnt. Aber umdrehen und weggehen? Wohin denn?
Für mich hatte Bildung, das sehe ich nun deutlicher als einst, zu jener Zeit, wo gewisse bildungsfeindliche Entscheidungen, gewisse „Trends“ zur Vermassung des Geistes noch im Ungewissen verharrten und meine persönliche Lage aufstiegsorientiert war – für mich hatte Bildung stets wesentlich damit zu tun, dass über alle erlernbaren Tatsachen, über alle Erfolge in Theorie und Praxis hinweg, der Satz gültig blieb: „Es gibt was Besseres in der Welt ...“ Denn das In-der-Welt-Sein der Sternseherin Lise aus dem Gedicht von Matthias Claudius ist ein den Sternen zugewandtes.
Was also wäre Bildung? Belehrte Sehnsucht – die Sehnsucht, in den Dingen, vom Keller bis zum bestirnten Himmel, einen Abglanz jener Geistigkeit wiederzufinden, die uns beseelt, sobald wir uns zur Welt hin öffnen.