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Wien.memoDamals und heute - ein Schuljahr im Schnelldurchlauf

Heute öffnen wieder die Schulen. Nach den Semesterferien kehren die Schüler im Schichtbetrieb in die Klasse zurück. Wie lange diese neue Normalität anhält, bleibt offen. Wie ein Großvater seinen Enkel zuversichtlich stimmt – unter Verweis auf seine eigenen Erfahrungen mit zwei Schuljahren, die im Schnelldurchlauf zu absolvieren waren.

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Heute ist Zeugnistag. Keine Sorge, Ihnen ist nicht der falsche Newsletter zugeschickt worden. Der bereits dritte Lockdown seit Ausbruch von Corona bringt es mit sich, dass der Hälfte der Wiener Schüler zu Beginn des Sommersemesters die Schulnachricht übergeben wird, die andere erhält sie am Mittwoch, wenn die B-Schicht an der Reihe ist – vorausgesetzt, die Kinder und Jugendlichen unterziehen sich einem Nasenbohrtest.

Warum sich die Lehrer nicht mit den Schülern gleich mittesten lassen können, sondern sich mit großem Aufwand in ein Testzentrum begeben müssen, bleibt schleierhaft. Noch dazu bringt der einfach zu handhabende Test einen Fun-Faktor mit sich, die Abwicklung gleicht der Vorstufe zum Chemiebaukasten, der einmal unter dem Christbaum lag. 

Wer hätte vor mehr als einem Jahr gedacht, dass Österreichs Kinder und Jugendliche dem Tag entgegenfiebern, an dem sie wieder ein Schulgebäude betreten dürfen? Endlich Schule statt nie mehr Schule. Die Debatte über die Zumutungen des schulischen  Lockdowns klammert eine Gruppe regelmäßig aus: die Oberstufe. Nun stellt das Homeschooling für Volksschule und Unterstufen eine größere Herausforderung dar. Für 16- bis 18-Jährige ist der Lockdown mit ganz anderen Entbehrungen verbunden: keine Tanzschule, kein Maturaball, keine Party, kein Ausgehen, kein Auslandsaufenthalt in England, Frankreich oder Spanien. Ganz zu schweigen von der Angst vor der Matura mangels intensiver Vorbereitungen. 

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Seit dem Lockdown Mitte März verbrachten die Schüler der Oberstufe gerade einmal 50 Tage im Klassenzimmer, an mehr als 110 Tagen war man im Distance Learning. Mein Sohn, der in die siebente Klasse geht, betrat am 23. Oktober zum letzten Mal das  Schulgebäude – von zwei Schularbeiten abgesehen. Auch seine Klassenkollegen sorgen sich zunehmend, wie sie im kommenden Jahr die Matura schaffen werden. In Normalzeiten hat man in Österreich an 185 Tagen regulären Unterricht. 

Zuspruch erhielt er kürzlich von meinem 91-jährigen Vater, der ihn an seinen Schulalltag vor mehr als 75 Jahre erinnerte. Damals hatte ein Größenwahnsinniger, ein Herr Hitler, ganz Europa mit Krieg, Leid, Gewalt und Terror überzogen. Im September 1944 kam mein Vater, damals 15jährig, in die sechste Klasse, schon in den ersten Wochen wurde der Unterricht in Graz von Fliegeralarm, Brandschutzübungen, Aufräumarbeiten in bombenzerstörten Vierteln unterbrochen. Im Oktober wurde die Klasse zum Bau des Südostwalls nach Radkersburg abkommandiert, bei der Rückfahrt erlebten sie den ersten großen Luftangriff auf Graz. „Um Mitternacht durften wir den Waggons entsteigen. Heimweg zu Fuß durch die dunkle Nacht. Bange Frage: Steht das Haus noch? Leben sie noch? Erlösung an der letzten Straßenecke. Es steht noch, sie leben“, erinnert sich mein Vater heute, seine Erlebnisse hat er auf knapp zwei Seiten für seinen Enkel zusammengefasst. 

Im Dezember dann das letzte Zeugnis im NS-Regime. Im Februar neuer Einsatz im Stellungsbau, im März Einzug zum Volkssturm, das war’s mit dem Schuljahr. Am 8./9. Mai kapitulierte Deutschland. „Wer bisher überlebt hat, hat Glück gehabt. Gnädiges Schicksal.“ 

Im September 1945 wurde die 6. Klasse im Schnelldurchlauf nachgeholt, mit neuen Lehrern, neuem Lehrstoff, mit Fächern, die unter den Nazis verboten waren: österreichische Geschichte, deutsche Literatur, Religion. Keine Musik, kein Turnen, kein Zeichnen. Jahreszeugnis zu Weihnachten. Die 7. Klasse begann im Jänner und endete im Juli 1946 – neuerlich im Schnelldurchlauf. Matura im Juli 1947. „Wir kommen durch, wir haben es geschafft. Ein neues Leben beginnt“, enden die Aufzeichnungen. 

Leider weiß niemand, was das heurige Jahr noch mit sich bringt, ob die Lockerungen nicht schnurstracks in den 4. Lockdown führen. Glaubt man den führenden Virologen in Deutschland, schlägt die Mutation um Ostern herum zu und grassiert unter den 40-, 50-, 60-Jährigen, die dann immer noch ohne Impfung sind. Ein Licht am Ende des Tunnels ist nicht in Sicht.

Nicht einfach, mit solchen Aussichten den jungen Menschen Zuversicht einzuflößen. Wir kennen nicht den genauen Zeitpunkt, ob heuer, 2022 oder später, aber auch Corona hat ein Ablaufdatum.

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