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100 Jahre Frauenwahlrecht100 Jahre und weit weg von halbe-halbe

Am 12. November 1918 wurde mit der Ersten Republik das Frauenwahlrecht aus der Taufe gehoben. Es wurde hart erkämpft und bis heute wird den Frauen nichts geschenkt.

100 Jahre Frauenwahlrecht 2018
Die Kärntner Tabakarbeiterin Maria Tusch war eine der acht ersten Frauen im Parlament (dritte Reihe links). © Österreichische Nationalbibliothek
 

Adelheid Popp war eine von acht Frauen, sieben Sozialdemokratinnen und eine Christlichsoziale, die am 4. März 1919 in die Nationalversammlung einzogen.

  • Anna Boschek (Heimarbeiterin, Fabrikarbeiterin, Vorsitzende der sozialdemokratischen Frauen in der Gewerkschaft)
  • Emmy Freundlich (Journalistin, später Direktorin im Bundesministerium für Volksernährung - damals die höchstrangige Frau im Beamtenwesen)
  • Adelheid Popp (Fabriksarbeiterin, Begründerin der proletarischen Frauenbewegung, Journalistin und Herausgeberin der Arbeiterinnenzeitung)
  • Gabriele Proft (Hausgehilfin und Heimarbeiterin, 1945 - 1959 stellvertretende Parteivorsitzende der SPÖ)
  • Therese Schlesinger (Journalistin und Herausgeberin des Wochenblattes "Die Wählerin")
  • Amalie Seidel (Dienstmädchen, Gründerin des Wiener Jugendhilfswerks)
  • Maria Tusch (SP, Tabakarbeiterin aus Klagenfurt, Obfrau der Tabakarbeiterschaft)
  • Hildegard Burjan (Christlichsoziale, Gründerin des Verbandes der christlichen Heimarbeiterinnen)

Vor genau 100 Jahren, am 12. November 1918, wurde mit der Ersten Republik das Frauenwahlrecht aus der Taufe gehoben. Popp war eine der ersten, und sie blieb 14 Jahre. „Vorwärts! Aufwärts!“ So endet ihr Buch aus dem Jahr 1929, „Der Weg zur Höhe“. „Die Frau geht ihren Weg immer weiter aufwärts, sie geht ihn heute Seite an Seite mit dem Manne. Mit Riesenschritten holt sie nach, was sie in vergangenen Jahrhunderten ohne ihre Schuld versäumt hat!“, schrieb Popp.

Fünf Prozent aller Abgeordneten waren im Jahr 1919 weiblich. Mit dem „Aufwärts“ sollte es länger dauern, als die Pionierinnen dachten. Erst 1986, fast sieben Jahrzehnte später, wurde die Zehn-Prozent-Marke überschritten. Heute sind es 35,5 Prozent.

Der langsame Marsch durch die Institutionen

Die Bilanz 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts ist mager:

  • 7,7 Prozent der Bürgermeister in ganz Österreich sind weiblich.
  • 32,5 Prozent der Landtagsabgeordneten sind weiblich, die Steiermark stellt die einzige Landtagspräsidentin.
  • 36 Prozent der Landesregierungsmitglieder sind weiblich, Niederösterreich stellt derzeit die einzige Landeshauptfrau.
  • 35,7 Prozent der Bundesregierungsmitglieder, 35,5 Prozent der Nationalratsabgeordneten und 36,1 Prozent der Bundesräte sind weiblich.

Die ersten Wahlen, bei denen das neue Frauenwahlrecht zum Tragen kam, waren die Wiener Gemeinderatswahlen. Adelheid Popp, fünf ihrer sozialdemokratischen Kolleginnen und die Christlichsoziale Hildegard Burjan zogen 1918 auch in den provisorischen Wiener Gemeinderat ein. Bis auf eine kamen die ersten Frauen im Parlament alle aus Wien. Und bis heute haben es Frauen auf regionaler politischer Ebene schwer: Nur 7,7 Prozent der Bürgermeister sind im Jahr 2018 weiblich.

Frauenförderprogramme wie der Kärntner Politikerinnen-Lehrgang, Projekte des steirischen „Frauen-Calls“ oder der Lehrgang „Frauen führen und gestalten“ von Felin sollen Frauen Mut machen. „Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen könnte“, formulierte einst SPD-Politikerin Käte Strobel.
Immerhin: In der Schweiz dauerte schon der Kampf ums Wahlrecht bis zum Jahr 1971! Die britischen Suffragetten waren die Vorreiterinnen im Kampf um die Mitbeteiligung der Frauen.

Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen könnte

Käte Strobel, SPD-Gesundheitsministerin (1966 - 1972)

Suffrage“ ist das englische Wort für Wahlrecht. Sie waren brillante Rednerinnen. Sie warfen Steine. Sie gingen dafür ins Gefängnis.
In Österreich waren es Fabriksarbeiterinnen wie Adelheid Popp, die „Heimarbeiterinnenmutter“ Hildegard Burjan und Industriellengattin Marianne Hainisch, die für das Frauenwahlrecht kämpften. „Die Abhängigkeit der Frau war in den besitzenden Klassen immer am ausgeprägtesten“, konstatierte später Simone de Beauvoir. Wohl auch deshalb waren die bürgerlichen Frauen die ersten, die sich auch gegen die Männer richteten, um ihre Rechte durchzusetzen. Die Sozialdemokratinnen schwenkten erst um, als sie lernen mussten, dass sie im Kampf um die gemeinsame Sache die Zweiten blieben.

Für die soziale Absicherung von Hausgehilfinnen und Heimarbeiterinnen wurde in der Ersten Republik viel erreicht. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit wurde erst viel später verankert. Von echter Lohngerechtigkeit sind wir noch Lichtjahre entfernt.

Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.

Rosa Luxemburg, Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschlands 1919
 

Das Frauenvolksbegehren machte das auch jungen Frauen wieder bewusst. „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht“, formulierte einst Marxistin Rosa Luxemburg.

Pionierinnen in den Ländern

Waltraud Klasnic: Retterin in der Not

Waltraud Klasnic (ÖVP) war die erste Landeshauptfrau – sie sprang im Jänner 1996 in die Bresche, als Josef Krainer den Chefsessel in der Steiermark abgeben und Wunschnachfolger Gerhard Hirschmann passen musste. Es war ein geniales Dreigespann mit den beiden Landesräten Hirschmann und Herbert Paierl, bis einander die beiden Rivalen zerfleischten und Klasnic im Jahr 2005 die Wahl gegen Franz Voves (SPÖ) verlor.

 

Gabriele Burgstaller: Linke Hoffnung

Als linke Hoffnung wurde Gabi Burgstaller 2004 in Salzburg ins Amt der Landeshauptfrau gewählt – ihr gelang es, die seit 1945 schwarze Mehrheit im Land zu drehen. Immer wieder machte sie durch Kommentare auch zur Bundespolitik von sich reden. Der Salzburger Spekulationsskandal mit Swap-Geschäften kostete sie das Amt. Nach herben Verlusten bei der Wahl im Jahr 2013 verlor die SPÖ die Mehrheit wieder an die ÖVP.

 

Johanna Mikl-Leitner: Eiserne Lady

Als „eiserne Lady“ im Amt des Innenministeriums hatte sich Johanna Mikl-Leitner weit über Niederösterreich hinaus einen Namen gemacht. Zum Dank für jahrzehntelange treue Dienste für Erwin Pröll holte sie dieser im März 2017 zurück ins Land. Mikl-Leitner gelang es schon während des Wahlkampfes, den Imagewandel zur Landesmutter zu vollziehen: streng, aber gütig – und mit allen Pröll-Wässern gewaschen.

Buchtipp: 

100 Jahre Frauenwahlrecht – und? Gleichberechtigung – Realität und Perspektive. Herausgeber Waltraud Klasnic und Herwig Hösele geben Einblicke

 

 

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