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PorträtEine SPÖ-Chefin ohne Hausmacht

Erstmals seit 130 Jahr steht eine Frau der Bundes-SPÖ vor. Pamela Rendi-Wagner wird heute vom roten Präsidium als neue Parteichefin eingesetzt. Hausmacht hat sie keine.

Rendi-Wagner
Rendi-Wagner © APA/GEORG HOCHMUTH
 

Pamela Rendi-Wagner war nicht einmal die zweite Wahl. Als am Dienstag das Gerücht die Runde machte, Christian Kern würde von seinem Amt als SPÖ-Chef zurücktreten, wurde sofort darüber spekuliert, wer ihm denn folgen könnte. Im Umfeld der einflussreichen roten Granden wurden alle möglichen Namen genannt, nur einer wurde kategorisch ausgeschlossen: Rendi-Wagner – und zwar nicht wegen ihrer nachweislichen Kompetenzen, ihrer bunten Vita, ihrer ministeriellen Leistungsbilanz oder weil sie eine Frau ist.

Der Grund war ein simpler: Die 47-jährige Wienerin trat erst im Mai 2017, einen Tag vor ihrer Ernennung, der Partei bei und hatte sich nicht in der roten Funktionärsbewegung hochgedient. Nicht nur fehlt der Stallgeruch, sie hat auch keine Hausmacht.

Pamela Rendi-Wagner im Porträt

 

Doch es sollte anders kommen: Schon am Mittwoch sagten die beiden beliebten Landeschefs Peter Kaiser und Hans-Peter Doskozil ab, auch ÖGB-Chef Wolfgang Katzian stand nicht zur Verfügung. Bis zuletzt hoffte man, die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures umstimmen zu können. Nachdem Bures gestern definitiv abgesagt hatte, ging es Schlag auf Schlag. Im Laufe des Nachmittags meldeten sich die einzelnen Landesorganisationen kaskadenartig zu Wort und stellt sich hinter der ehemaligen Tropenmedizinerin. Am längsten dauerte die Entscheidung bei den Wienern: Rendi-Wagner zählt eher zum linken Parteiflügel. Zuletzt gaben die roten Gewerkschafter ihre Zustimmung.

Neun Männer, eine Frau: Die SPÖ-Chefs seit 1945

Adolf Schärf

Schärf übernahm die SPÖ unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 und blieb bis zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten 1957 Parteichef. Im Bild: Adolf Schärf, flankiert von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow.

Bruno Pittermann

Bruno Pittermann führte die Partei ein Jahrzehnt lang - von 1957 bis 1967.

APA (Votava)

Bruno Kreisky

Der "Sonnenkönig" konnte erstmals für die SPÖ das Kanzleramt erobern. Bruno Kreisky war von 1967 bis 1983 Parteivorsitzender. Im Bild mit dem späteren Bundespräsidenten Heinz Fischer.

Fred Sinowatz

Nach dem Rücktritt von Kreisky übernahm Fred Sinowatz 1983 das Kanzleramt und den Parteivorsitz. Als Kanzler wurde er zwar 1986 von Franz Vranitzky abgelöst, an der Spitze der Partei verblieb er aber noch bis 1988.

Franz Vranitzky

1986 löste Vranitzky Sinowatz als Kanzler ab, 1988 wurde er auch Parteichef. Wegen Jörg Haider ließ er die Koalition mit der FPÖ platzen und nahm sich die ÖVP als Regierungspartner. Ende 1996 trat er als Kanzler und SPÖ-Vorsitzender zurück.

Viktor Klima

Zunächst Finanzminister unter Vranitzky, löste Viktor Klima diesen Anfang 1997 als Parteichef und Kanzler ab. Im Jahr 2000 verlor er nach zähen Koalitionsverhandlungen das Kanzleramt, weil der Partner ÖVP absprang und sich mit der FPÖ auf eine Regierung einigte.

Alfred Gusenbauer

Sechs Jahre musste Alfred Gusenbauer in der Opposition ausharren, ehe es ihm im Jänner 2007 gelang, wieder eine Koalition mit der ÖVP zu schmieden. Er kam aber rasch parteiintern unter Druck und musste schon im Juni 2008 sein Amt wieder abgeben.

Werner Faymann

Werner Faymann übernahm 2008 von Alfred Gusenbauer das Kanzleramt und die Parteiführung und hielt sich bis 2016.

Christian Kern

Der frühere ÖBB-Chef wollte 2016 frischen Wind in die Partei und in die mühsame Koalition mit der ÖVP bringen. Im Dezember 2018 musste er das Kanzleramt an Sebastian Kurz von der ÖVP abgeben, die sich nach der Nationalratswahl rasch mit der FPÖ auf eine Koalition verständigt hatte. Mit der Rolle des Oppositionsführers konnte er sich nicht anfreunden. Jetzt will er Spitzenkandidat der SPÖ bei den EU-Wahlen werden - und als Parteichef zurücktreten.

Pamela Rendi-Wagner

Mit der Tropenmedizinerin und früheren Gesundheitsministerin wird nun zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der SPÖ stehen.

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Mit der Kür der ehemaligen Gesundheitsministerin hat der scheidende Parteichef Christian Kern seine Wunschnachfolgerin durchgesetzt. Erstmals seit 130 Jahren steht eine Frau an der Spitze der Sozialdemokratie, von den österreichischen Parlamentsparteien war nur die Bundes-ÖVP noch nie in weiblicher Hand. Der FPÖ standen Susanne Riess und Ursula Haubner vor, den Grünen Eva Glawischnig, Madelaine Petrovic und Freda Meissner-Blau, den Neos Beate Meinl-Reisinger.
Nach der heutigen Kür im Parteipräsidium muss sie am Dienstag vom Vorstand bestätigt werden, im November stellt sie sich am Parteitag der Wahl.


Dass die Wahl auf Rendi-Wagner fiel, überrascht insofern, weil die umgängliche stets freundliche Ex-Ministerin kaum als Parteipolitikerin in Erscheinung getreten ist. Sie hat zwar im Wahlkampf Kern oft begleitet, auch hat sie sich im Parlament oder bei TV-Debatten wiederholt im parteipolitischen Infight mit der Regierung zu Wort gemeldet. Knallharte Oppositionspolitik und dröge Parteiarbeit sind nicht ihre Welt.
Rendi-Wagner ist um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Kern hatte nach dem Wechsel in die Politik mit seiner Eloquenz, seiner Weltläufigkeit und seiner intellektuellen Brillanz der SPÖ einen Aufschwung beschert, die Partei stellte freilich den Kanzler. Derzeit sitzt die SPÖ auf der harten, undankbaren Oppositionsbank. Der Partei weht ein eisiger Wind ins Gesicht – eine schwierige Gemengelage.

Kommentare (8)

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ZENZ1950
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Wunderwuzzi

Lassen wir doch die Frau Doktor Rendi-Wagner einmal arbeiten, Herr Kurz ist auch nicht über Nacht ein Wunderwuzzi geworden, zumindest hat sie, gegenüber anderer Politiker ein Studium abgeschlossen!

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duerni
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"Lassen wir doch Frau Doktor .....

......... Rendi-Wagner einmal arbeiten, ....... zumindest hat sie, gegenüber anderer Politiker ein Studium abgeschlossen!"
Das hat Herr Kern auch und ist trotzdem - weder über Nacht noch überhaupt - ein Wunderwuzzi geworden.
Amerikas berühmter Präsident Abraham Lincoln hat sogar nie eine Schule besucht!
Ein abgeschlossenes Studium ist keine Garantie für Erfolg - den muss sich JEDE/R erarbeiten.

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Lupoo
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Blödsinn !

Lincoln ist sehr wohl zur Schule gegangen !

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duerni
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Wird Dr. Rendi-Wagner....

.... "Übergangs-Vorsitzende" der SPÖ? Als Ärztin wird sie eine Diagnose des "Gesundheitszustandes" dieser Partei erstellen. Wenn sie trotzdem diesen Job übernimmt gebührt ihr Hochachtung. Mir vorzustellen, sie hätte Visionen, wie die ehemalige Partei der Arbeitnehmer neu aufzustellen ist, um wieder an die Spitze zu kommen, fällt mir schwer. Bis zu den nächsten Wahlen müssen sich die Sozialisten neu erfinden, wenn sie zum allgemeinen "Rechtsdrall" in Europa eine Alternative bilden wollen. Als Kanzlerkandidatin kann ich mir Frau Wagner nicht vorstellen - und die "Ursozialisten" sicher auch nicht.

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vanhelsing
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Die Sorgen des Alltags?

Mit dem Einkommen als Ministerin und eines Diplomaten halten sich die Sorgen in Grenzen!!

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jg4186
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Sehr gute Wahl

Ohne Hausmacht - warum immer das Negative zuerst?
Was man biesher über Frau Rendi-Wagner weiß - eine gute Wahl. Sie ist Ehefrau und Mutter - steht also mit beiden Beinen im Leben, kennt Freud und Leid der Österreicherin, die Sorgen dea Alltags. Sie hat eine beachtliche berufliche Karriere hingelegt - Kompliment und Hochachtung.
Sie hat privat und beruflich Erfahrung - beides trifft auf BK Sebastian nicht zu.
Auch als Ministerin ist sie sehr positiv aufgefallen.
Alles Gute, Frau Dr. Rendi-Wagner!

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selbstdenker70
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...

"Knallharte Oppositionspolitik und dröge Parteiarbeit sind nicht ihre Welt"...die besten Voraussetzungen für einen Chef der größten Oppositionspartei...das kommt dabei raus wenn man husch wusch einen Chef suchen muss, und innerhalb von 24 Stunden bereits 3 abgesagt haben. Warum man sich hier nicht ein paar Wochen Zeit lässt (weils eh schon wurscht is), und einmal tief in die Basis hineinschaut und hört, versteht niemand. Was ein Kaiser oder ein Schickhofer von sich geben ist vollkommen egal. Die haben fast die selben Lobeshymnen auf Kern gesungen.

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Lupoo
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Sie sollten

zwischen "selbst" und "denker" ein "NICHT" einfügen !

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