Brüssel von innenÜber das Kommen und Gehen in der "Bubble"

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© KK
 

­In Brüssel ist ein ständiges Kommen und Gehen, besonders im Sommer. Kaum ein Tag, an dem sich nicht jemand verabschiedet und aufbricht zu neuen Ufern (meist in ein anderes Land), kaum ein Tag, an dem sich – meistens auf Twitter – nicht jemand neu anmeldet in der „Brussels bubble“. Ein Teil der Kolleginnen und Kollegen anderer Medien, die ich in den letzten Jahren hier kennengelernt habe, ist schon wieder weg, dafür tauchen immer wieder neue Gesichter auf. Ähnlich ist das in den diplomatischen Einrichtungen und natürlich in allen Institutionen der EU, ist halt doch ein sehr internationaler Betrieb – goodbye, farewell, hello, welcome.
 
Nicht einmal Abschiedspartys gibt’s in Pandemiezeiten, dabei sind die meisten Lokale im EU-Viertel eh jetzt schon am Rande der Existenz. Viele, in denen es sonst den ganzen Tag über hoch hergegangen ist, haben noch zu oder gleich für immer. In den offenen bekommt man jederzeit einen Tisch, nicht selten steht ein Kellner wartend beim Eingang, hinter sich das menschenleere Lokal. Man hat kaum noch Lust, schnell auf einen Kaffee oder auf ein Bier am Abend zu gehen. Vor allem aber ist nach wie vor ein Großteil der EU-Bediensteten im Homeoffice und viele würden das am liebsten gleich so beibehalten. In Parlament, Kommission und Rat gibt es schon neue Arbeitszeitmodelle. Anzunehmen ist: je öfter ein EU-Beamter zu Hause bleibt, desto eher wird er seinen angestammten Büroarbeitsplatz verlieren. Und die Mittagsrestaurants ihre Lunch-Kunden.
 
Die Kommission hat längst schon erklärt, bis 2030 die Hälfte ihrer Gebäude in Brüssel zu schließen, das spart Geld und ist im Sinne des Green Deal – weniger Herumgefahre, weniger Staus, weniger Energiekosten. Verantwortlich dafür: der österreichische Budgetkommissar Johannes Hahn, der auch die Personalagenda in seinem Aufgabenbereich hat. Allein die Kommission ist auf rund 50 Gebäude aufgeteilt, aktuell kommt die Behörde damit in Brüssel auf etwa 780.000 Quadratmeter Bürofläche. 32.000 Mitarbeiter gibt es; die Zahl der leerstehenden Cafes und traurig dreinsehenden Kellner wird nicht kleiner werden.
 
Falls dann doch wieder physische Veranstaltungen stattfinden, ist das Zeitkorsett knapp und wenig Spielraum für Pausen. So wie am Dienstag das Sondertreffen der Innenminister – Anreise Vormittag, Ende gegen 17 Uhr, Rückflug mit der Abendmaschine. Zum Glück hatte Karl Nehammer kurz davor doch ein wenig Zeit zum Gedankenaustausch mit uns Journalisten, das ist ja schon eine ziemliche Seltenheit, weil es immer noch so wenig „richtige“ Treffen gibt. Austausch per Videokonferenz geht zwar auch, aber da hapert es meist mit den Gedanken. Die Ständige Vertretung hat uns beherbergt, Asyl gegeben sozusagen, und schon waren wir mittendrin im Thema. Österreich hat sich ja in der Afghanistanfrage klar positioniert, ganz rechts außen, würden manche sagen, aber wir sind in Gesellschaft. Die Slowenen, die Visegradstaaten mit Ungarn und Tschechien und einige andere, neuerdings auch wieder Dänemark, wollen nicht „die falschen Signale“ senden, was vermutlich die Afghanen, die in Todesangst auf der Flucht sind, nicht wirklich beeindrucken wird. Es wird dazu auch mit allerhand Statistik hantiert, welches Land wie viele Asylwerber aufgenommen hat und wer welche Quoten erfüllt – das werden wir uns einmal genauer anschauen müssen, hier scheint es allerhand Interpretationsspielraum zu geben. Dabei sind diese Statistiken ja gar nicht relevant, wenn es um Menschenleben geht.
 
Ich habe den Minister gefragt, ob man nicht unterscheiden könnte zwischen dem Asylwesen an sich (das zweifellos reformbedürftig ist) und der akut nötigen Hilfe für eine bestimmte Gruppe Menschen (Sie wissen schon: Richter, politisch Aktive, Journalisten usw.). Oder halt zumindest Frauen und Kinder. Nehammer verwies darauf, dass der Familienzuzug (gemeint sind die Männer) dann ja trotzdem zu gewähren sei und dass Österreich allein heuer bis Juli 2500 Asylanträge von Afghanen – 2100 Männer, 400 Frauen – bekommen habe, die über die „irreguläre Migration“ ins Land gekommen seien. Deshalb stelle sich vorerst die Resettlementfrage gar nicht erst. Darüber hinaus sei die Integration im Vergleich zu anderen Nationalitäten überaus schwierig und langwierig. Das ist nachvollziehbar; da könnte, dachte ich mir, ein Integrationsministerium helfen… habe den Gedanken dann aber aus unklaren Gründen wieder verworfen.
 
Am Rande des Gesprächs wurde noch einmal klar, welche Auswirkungen der völlig überstürzte Abzug der Amerikaner nun hat. Man möchte meinen, dass es schon längst zum Beispiel Listen der örtlichen Hilfskräfte gegeben haben müsste oder so etwas wie einen Evakuierungsplan. In Wirklichkeit waren die Flüge derart überstürzt und chaotisch, dass man bis heute noch nicht genau weiß, wer aller in den Flugzeugen saß. Bis zu 20.000 Menschen wurden mit US-Flugzeugen allein in die deutsche US-Airbase Ramstein ausgeflogen – ob sie von dort jemals in die USA weiterreisen können oder doch gleich in Europa bleiben werden, ist genauso unklar, wie alles andere.

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