Der grausame Angriff erfolgte gegen 10.30 Uhr, zu einem Zeitpunkt als sich Hunderte Flüchtlinge am Bahnhof des ostukrainischen Kramatorsk versammelt hatten: Laut ukrainischen Angaben wurden bei dem Raketenangriff mindestens 50 Menschen am Freitag getötet. Russland wies jegliche Verantwortung zurück und beschuldigte die Ukraine der Attacke.

Nach dem Raketeneinschlag herrschte vor dem hübschen Bahnhof mit seinem rot-weißen Backsteingiebel Totenstille. Ein Blick auf den Vorplatz ließ das Ausmaß der Tragödie erahnen: große Blutlachen, Glasscherben, verstreutes Gepäck und ein in Blut getränkter Plüschhase bedeckten den Boden. Unter einer Wartebank lugte ein abgerissener Fuß in einem Turnschuh hervor. Auch die Überreste einer großen Rakete mit der russischen Aufschrift "Für unsere Kinder" lagen auf dem Platz.

Leichen überall

"Ich war am Bahnhof. Ich habe eine zweifache Explosion gehört und bin zu einer Wand gerannt, um mich zu schützen", berichtete eine Frau, die unter den verlassenen Habseligkeiten auf dem Boden nach ihrem Pass suchte. "Ich sah blutüberströmte Menschen in den Bahnhof kommen, und überall lagen Leichen auf dem Boden. Ich weiß nicht, ob sie nur verletzt oder tot waren." Zwischen den Trümmern lief ein Polizist umher und sammelte blutverschmierte Handys ein, von denen eines immer wieder ins Leere klingelte. Die teils zerfetzten Leichen wurden in einer Ecke des Vorplatzes vor den kleinen Läden abgelegt, in denen Reisende normalerweise Getränke oder Snacks kaufen.

Der Bahnhof von Kramatorsk im Donbass war seit Tagen von tausenden Menschen für die Flucht Richtung Westen genutzt worden. Die ukrainischen Behörden waren in den vergangenen Tagen nicht müde geworden, die Menschen eindringlich zum Verlassen der Ostukraine aufzufordern. Seit Russland angekündigt hat, seine militärischen Bemühungen auf die "Befreiung" des Donbass zu konzentrieren, leben die Bewohner in Angst vor einer Großoffensive. Vor dem Krieg wohnten mehr als 150.000 Menschen in Kramatorsk. Die Stadt wird nun in die Zange genommen von der russischen Armee, die vor kurzem die Stadt Isjum im Nordwesten eingenommen hat.

Auch im etwa 80 Kilometer entfernten Sewerodonezk ist der Krieg angekommen. Granaten explodieren in der Ferne, Gebäude brennen. Eine alte Frau wartet auf den Bus, der sie aus der Stadt bringen soll, auf ihrem Schoß eine Katze. "Ich möchte nicht gehen, aber Sie sehen ja all die Bombardierungen", sagt sie. "Jetzt sind wir heimatlos." Sie ist einer von dutzenden älteren Menschen, die an diesem Tag dem Aufruf zur Evakuierung gefolgt sind. Die Busse bringen die Menschen aus Sewerodonezk zu einem kleinen Bahnhof außerhalb der Stadt. Von dort reisen sie nach Slawjansk, von wo aus ein Zug sie weiter nach Westen bringen soll.

Rette, wer sich kann

Sewerodonezk galt einst als Juwel der Bergbauregion Donbass und als sowjetische Vorzeigestadt. Vor dem Krieg wohnten hier rund 100.000 Menschen. Auf den Bänken vor dem Kulturpalast, ein Überbleibsel aus dem Kommunismus, haben sich rund 50 Menschen versammelt. Das imposante Gebäude ist noch intakt, zahlreiche Fenster jedoch sind zerbrochen. Als der Bus ankommt, drängen sich die Menschen mit ihren Koffern an den Türen. Der Fahrer versucht die Menschen zu beruhigen: "Niemand wird zurückgelassen, keine Sorge." Frauen und Kinder wurden bereits mit einem früheren Bus in Sicherheit gebracht.

In den umliegenden Gebäuden kauern ukrainische Soldaten und bereiten sich auf Straßenkämpfe vor. Eine Reihe von schweren Einschlägen in der Nähe ist zu hören. Dann das Geräusch ukrainischer Artillerie. Die Kampfpause im Stadtzentrum ist vorbei. Die russischen Truppen werden zurückschlagen. Es ist Zeit zu verschwinden.