Balkan-TagebuchBlitzlichter eines Zerfalls: Wie ein ehemaliger Reporter die Jugoslawienkriege erlebte

Gerhard Seifried berichtete am 25. Juni 1991 für den ORF aus Laibach über die slowenischen Unabhängigkeitsfeiern. Unmittelbar danach rollten die Panzer und der Krieg brach aus.

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Slovenia's Independence
In einem slowenischen Maisfeld liegen die Überreste eines Panzers der Jugoslawischen Volksarmee © Sygma via Getty Images
 

Der Krieg kam über Nacht

Österreich ging zu Bett, Slowenien feierte. Es war die Nacht zum 26. Juni 1991. Slowenien feierte in einer lauen Frühsommernacht überschwänglich die soeben erklärte Unabhängigkeit. Eine pralle Party, es wurde getanzt, gesungen und gelacht, Bier und Wein flossen in Strömen. Doch bereits während des Festaktes vor dem Laibacher Parlamentsgebäude waren zwei Kampfjets darüber hinweggedonnert. Kein gutes Zeichen.

Es muss knapp nach Mitternacht gewesen sein, als die Panzer die Kaserne der Jugoslawischen Volksarmee in Vrhnika verließen. Ihr Ziel: der Flughafen Brnik im Norden von Laibach. Sie walzten alles nieder, was sich in den Weg stellte.

Um drei Uhr früh sprach es sich herum: Die Panzer kommen! Unser Renault 4 war ein wendiges Auto: am Steuer der Kameraassistent, am Nebensitz mein slowenischer Kameramann Lenko Vidmar. Kreuz und quer ging es durch die Laibacher Nacht, vorbei an Straßenblockaden aus Lkw und Privatfahrzeugen, auf Schleichwegen Richtung Autobahn. Wenn du im Morgengrauen neben einer Panzerkolonne dahinfährst in einem klapprigen Renault 4, fühlst du dich wie in einem Film, in dem du nicht mitspielen willst. Das Bild bleibt im Kopf, der Dieselgestank in der Nase. Der Kameramann filmte, was das Zeug hielt, die Soldaten ignorierten uns. Noch wurde nicht geschossen. Als Österreich erwachte, hatte der Krieg begonnen. Ich erzählte darüber in frühmorgendlichen Radio und Fernsehbeiträgen.

Böse Worte, böse Taten

Manchmal nehmen wir Dinge nicht so ernst, wie wir sollten. Dazu gehören rohe Worte. Sie sind die Saat, die aufgeht, irgendwann. „Wir sind Ustaschi, wir wollen das Blut der Serben.“ Immer wiederholte sich der blutrünstige Refrain. Es war der 18. Mai 1991, als Dinamo Zagreb Roter Stern Belgrad mit 3:2 besiegte. Ich war beim Spiel und später in jener Straßenbahn, in der kroatische Fußballfans siegestrunken sangen. Böse Worte, Vorboten böser Taten. Serbisches und kroatisches Blut ist später in Strömen geflossen. Gewalt in der Sprache führt zu physischer Gewalt. Das galt damals und es gilt auch heute.

Das rote Telefon

1991 bis 2021: In der journalistischen Arbeitsrealität ein Zeitsprung wie vom Mittelalter in die Neuzeit! 1991: kein Internet, kein Handy. E-Mail? Was ist das? Ein rotes Telefon der Marke Iskra ATA 30 war die slowenische Nabelschnur zur Außenwelt. Das gute Stück stammte aus der Designabteilung von Iskra, zu deutsch der Funke. In den Siebzigerjahren das größte jugoslawische Unternehmen für Elektrotechnik, Telekommunikation, Elektronik und Automationslösungen ist Iskra bis heute ein erfolgreiches Aushängeschild der slowenischen Wirtschaft. Den ersten Livebericht über den Krieg in Slowenien setzte ich am frühen Morgen des 26. Juni 1991 ab. Mittels eines feuerroten Iskra-Telefons in einem Textilgeschäft in der „Celovška cesta“, der Klagenfurter Straße in Laibach.

Das Ende der Jugoslawen

Die „slowenischen Jugoslawen“, es gibt sie nicht mehr. Ebenso wenig wie die kroatischen, serbischen oder mazedonischen Jugoslawen. Das alte Jugoslawien, symbolisiert durch viele Ethnien und Staatschef Josip Broz Tito, es ist Geschichte. Mit dem Zerfall Jugoslawiens wurden slowenische Jugoslawen wie mein Freund Ivo Štrakl heimatlos. Für ihn eine bittersüße Erfahrung: auf der Habenseite die neu gewonnene slowenische Identität mit Freiheitskampf, Unabhängigkeit, Anerkennung. Mit der Aussicht, dass das, was die fleißigen Slowenen erwirtschafteten, nicht mehr in zentralstaatlichen Kanälen versickerte! Doch andererseits der Verlust all dessen, was Reiz und Schönheit Jugoslawiens ausmachte. Plötzlich nicht mehr ohne Reisepass nach Zagreb oder Sarajevo fahren können?

Ivo stammte aus dem Belgrader Stadtbezirk Zemun und übersiedelte später nach Laibach. Er lebte mit seiner Familie im legendären Nebotičnik (Wolkenkratzer) mitten in der Stadt. Als dieser 1933 errichtet wurde, war er das höchste Gebäude auf dem Balkan und das neunthöchste in Europa. In den Neunzigerjahren betrieb Ivo eine Filmproduktionsfirma in Klagenfurt. Viele seiner exzellenten Kameraleute waren Slowenen. Der ORF mietete die Teams nach Bedarf an.

Ivo hatte in Laibach, in Slowenien und in ganz Jugoslawien Heimvorteil. Er kannte alles und jeden. Ein TV-Interview mit dem damaligen jugoslawischen Ministerpräsidenten Ante Marković in Belgrad? Kein Problem. Zugang zu Regierungschefs der Teilrepubliken, zu Franjo Tuđman, Alija Izetbegović und dem Slowenen Milan Kučan? Jederzeit. Die besten Ćevapčići in Sarajevo? Ivo wusste Bescheid. Er war Türöffner, seit Langem ruht er auf dem Friedhof in Laibach. Mit einem Bein stand er im alten Jugoslawien, mit dem anderen im jungen Slowenien.

Regisseur des eigenen Todes

Am 29. November 2017 zog Slobodan Praljak vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ein kleines Fläschchen hervor, nahm einen Schluck und starb. Selbstmord auf offener Bühne. Herzversagen, ausgelöst durch das Gift Zyankali. Im November 1993 soll er den Befehl zur Zerstörung der berühmten Brücke von Mostar, „Stari most“, gegeben haben. Er hatte dies vor Gericht bestritten, von dem er wegen Kriegsverbrechen zu 20 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war.

Auf dem Balkan werden seit jeher unglaubliche Geschichten geschrieben. Slobodan Praljak war kein Militarist, sondern Filmregisseur. Davor hatte er Elektrotechnik, Philosophie und Theaterwissenschaft studiert. Ein kultivierter Typ, der gut Deutsch sprach, weil er als Student auf Baustellen in Deutschland gearbeitet hatte. Als ich ihn im Jahr 1991 zufällig im bosnischen Niemandsland traf, hatte er erst kurz zuvor die kroatische Uniform angelegt. Wir unterhielten uns bei Käse, Speck und Bier. Im Interview sprach er von der Pflicht, die Heimat zu verteidigen.

Besondere Umstände sind es, die oft dramatische Auswirkungen auf scheinbar vorgezeichnete Lebenswege haben. Wir alle haben die Pflicht, unsere Demokratie zu hegen und zu pflegen. Sie wird zu wenig geschätzt, weil sie wie selbstverständlich da ist. Wie Trinkwasser, das aus der Leitung fließt.

Gerhard Seifried
Gerhard Seifried Foto © (c) Kleine Zeitung Helmuth Weichselbraun

Zum Autor

ORF-Reporter Gerhard Seifried lieferte 1991 mit seinem Kamerateam die ersten Bilder vom Kriegsausbruch für das österreichische TV-Publikum. Für „Zeit im Bild“ und Radio berichtete er über den „Zehntagekrieg“ in Slowenien, danach von den Kriegsschauplätzen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina.

Er verließ 1997 den ORF und war 13 Jahre lang Bürgermeister von Wolfsberg. Heute berät er als Executive Coach Manager und Politiker.

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