Immer wieder ist der Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt Schauplatz von Provokationen, Gewaltausbrüchen und nicht selten entflammt von hier aus ein (weitaus) größerer Konflikt. Seit einigen Wochen ist es wieder so weit: Beinahe täglich kommt es zu neuen Vorfällen, die Angst vor den Entwicklungen der kommenden Wochen steigt.

Der Tempelberg grenzt ans jüdische und das muslimische Viertel der Jerusalemer Altstadt, dahinter befindet sich der Stadtteil Silwan, in dem es immer wieder zu Konfrontationen zwischen der palästinensischen Bevölkerung und den jüdischen Siedlern bzw. den israelischen Sicherheitskräften kommt. Schon alleine aufgrund seiner geografischen Lage ist das Areal also ein Hotspot, ganz abgesehen von der religiösen Aufladung: Der Tempelberg ist die drittheiligste Stätte im Islam - von dem Platz aus, wo nun der Felsendom steht, soll Mohammed in den Himmel aufgefahren sein. Für Juden ist es gar der heiligste Ort, hier standen die beiden Jerusalemer Tempel und für Christen ist der Tempelberg so bedeutend, weil sich hier einige der wichtigsten Ereignisse im Leben Jesu zugetragen haben sollen.

Besuchsrecht für Juden, Verwaltung durch Muslime

Wer den Status quo rund um den Tempelberg nicht kennt, mag diesen als überraschend bezeichnen. Es war Moshe Dayan, der legendäre Verteidigungsminister Israels während des Sechstagekrieges, der 1967 die bis heute gültige Regelung festzulegen vermochte: Nicht-Muslime dürfen den Tempelberg zu bestimmten Zeiten besuchen, am Areal aber nicht beten. Muslimen obliegt die Verwaltung des Tempelbergs - diese wiederum wird von der Waqf-Behörde, die unter jordanischer Obhut steht, ausgeführt. Israel ist jedoch für die Sicherheit vor Ort zuständig und kann auch die Zugangsbeschränkungen verändern, wenn es die Sicherheitslage seiner Meinung nach erfordert.

Schon in der Vergangenheit beschränkte die israelische Regierung den Zugang für jüngere Muslime für eine bestimmte Zeitspanne, oft wird die Altersgrenze für den Zutritt mit 40, 45 oder 50 Jahren angesetzt. Spricht man mit Menschen im Umkreis des Tempelbergs, so wird man nicht selten mit der Sorge konfrontiert, dass gerade dies die Lage in den kommenden Wochen zur Eskalation bringen könnte - am Tempelberg, in Jerusalem, in der ganzen Region.

Nervosität bei Postkarten

Sogar Postkarten mit christlichen Symbolen rufen bei den Sicherheitskräften am Eingang Nervosität hervor. Wenn man die Frage, was man mit diesen hier tun wolle, wahrheitsgetreu damit beantwortet, dass die Karten einem gefallen haben und man sie zufällig zuvor gekauft hatte, schwenkt die Stimmung des Sicherheitsmannes: "Bitte unbedingt im Rucksack behalten und nicht am Tempelberg auspacken - zu Ihrer eigenen Sicherheit." Die Ruhe ist trügerisch, die Angst vor neuen Ausschreitungen am heiligen Hügel in der Jerusalemer Altstadt allgegenwärtig.

Beinahe täglich kommen Juden in kleineren Gruppen von etwa zehn bis 30 Personen auf den Tempelberg. Mitunter finden zur Provokation der muslimischen Anwesenden Gebetsaktivitäten statt, oft handelt es sich aber auch nur um einen Spaziergang, um das Zeigen von Präsenz. Um 10.30 Uhr müssen Nichtmuslime den Tempelberg verlassen, bevor sie ihn um 12.30 Uhr wieder für eine Stunde betreten dürfen. So sieht es der Status quo vor. Nicht selten kamen Juden in den vergangenen Tagen jedoch nur Momente vor Schließen des Tempelbergs herauf und blieben dementsprechend länger. Flankiert werden die Gruppen von schwer bewaffneten israelischen Polizisten.

Keine Akzeptanz

Ein Muslim am Tempelberg winkt, das Areal muss verlassen werden: "Die Zeit ist gekommen", sagt er sich hektisch wiederholend. Auf die Frage hin, warum er alle Nicht-Muslime vom Tempelberg schickt, er jedoch nicht, wie man ganz im Gegenteil annehmen würde, insbesondere die jüdischen Besucher darauf aufmerksam macht, verzieht er sein Gesicht: "Das sind Juden", sagt er in einer erschreckend abwertenden Art, wie man sie kaum wo anders je gehört hat. Verachtung paart sich mit Gleichgültigkeit. Man werde sie nicht akzeptieren, aber man lasse sich auch nicht provozieren.

Manchmal schwenken nationalistische Juden auf dem Gelände des Tempelbergs israelische Fahnen. Oft wird dazu die "haTikwa", die israelische Hymne gesungen. Manchmal aber auch "Jerusalem aus Gold" - ein Gesang, der sich bei den Israelis ab 1967 als Siegerlied im Sechstagekrieg ins Gedächtnis eingebrannt hat. Die Reaktionen der Muslime am Tempelberg überraschen aber. Trotz aufstachelnder Internetbotschaften mancher islamistischer Organisationen bleiben Gewaltausbrüche oder offen zur Schau gestellte Hasstiraden (noch) aus. Es scheint, als würde man die einzelnen Provokateure gar nicht ernst nehmen wollen.

Brandgefährliche Situationen

Anders sieht die Reaktion aus, wenn man den Besuch des Ministers für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, Anfang des Jahres am Tempelberg erwähnt. Auch wenn die Annahme, die zweite Intifada sei durch den Besuch des damaligen Oppositionspolitikers Ariel Sharon am Tempelberg im Jahre 2000 ausgelöst worden, nicht ganz unumstritten ist: Dass Ben-Gvir mit seinem Gang auf den Tempelberg eine brandgefährliche Situation provozierte, liegt auf der Hand. Das wissen die Muslime, das wissen aber auch die Juden, die derartige Aktionen zu großen Teilen ebenfalls nicht gut heißen wollen.

Unterstützer findet das Vorgehen Ben-Gvirs in größerer Zahl im angrenzenden jüdischen Viertel. Die Spannungen in der nächsten Umgebung des Tempelbergs erfahren seit den regierungskritischen Protesten daher eine weitere Komponente. Im jüdischen Viertel befinden sich auch Bildungseinrichtungen, die mitunter ultraorthodox geprägt sind. Als im Zuge einer Protestaktion gegen das Kabinett Netanyahu VI ein Demonstrationszug mit dutzenden israelischen Flaggen, aber eben auch mit einer großen Regenbogenfahne, kürzlich von der Klagemauer weg durch das jüdische Viertel zog, kam es zu tumultartigen Szenen: Ultraorthodoxe Schüler beschimpften die Demonstrierenden, das Sicherheitspersonal musste eingreifen. Die meisten orthodoxen Juden stehen Homosexualität ablehnend gegenüber, solche Botschaften will man hier nicht sehen. In dieser Gegend eruptieren nicht nur Konfrontationen zwischen Religionen und Ethnien, auch ideologisch-gesellschaftliche Verwerfungen zeigen sich.

Gezielte Provokationen

Spricht man jedoch mit weiteren Menschen rund um den Tempelberg, so hört man nur allzu oft dieselbe Einstellung: Viele aus der jüdischen Bevölkerung verurteilen gezielte Provokationen, wie jene Ben-Gvirs. Nicht wenige Muslime hätten kein Problem mit respektvoll betenden Juden am Tempelberg. Und die Regenbogenfahne fand zwar nicht überall applaudierenden Zuspruch, wirklich aggressiv zeigten sich aber nur einzelne Personen.

Insbesondere hier und im unmittelbaren Umkreis ist die Angst dahingehend, dass die Gewalt in den kommenden Wochen eskalieren könnte, trotzdem groß. Der Grund liegt mit Blick auf den Kalender auf der Hand: Der muslimische Fastenmonat Ramadan fällt in diesem Jahr mit dem jüdischen Pessach-Fest zusammen, zu dem Juden bereits vor mehr als zwei Jahrtausenden zum Tempelberg pilgerten. Immer wieder gibt es auch Aufrufe von islamistischen Gruppen, zum Tempelberg zu kommen und ihn zu schützen - das dürfte sich rund um die Feiertage noch verstärken. Schon in den vergangenen beiden Jahren kam es während des Ramadans vermehrt zu Gewaltausbrüchen - und das noch ohne ultrarechter israelischer Regierung im Amt.

Angespannte Sicherheitslage

In die letzten Tage des Ramadans fällt auch "Lailat al-Qadr", die Nacht der Koran-Offenbarung, in der es traditionell tausende Muslime zum Tempelberg zieht, um gemeinsam zu beten. Wegen der angespannten Sicherheitslage soll der Tempelberg in dieser Zeit nun für Nicht-Muslime geschlossen bleiben, was Ben-Gvir seinerseits bereits heftig kritisierte - Provokationen vor oder zu dieser Zeit sind freilich nicht ausgeschlossen. Die Stimmung im Nahen Osten ist wieder explosiv geworden. Es scheint, als würden die Scharmützel rund um Ost-Jerusalem, das Westjordanland und den Gaza-Streifen nur noch den einen mittelgroßen Funken benötigen, um zum Flächenbrand zu werden. Die Gefahr, dass dieser Funke vom Tempelberg ausgeht, kann nicht mehr geleugnet werden.