Wie stehen Sie denn zur Spezialoperation?“, ist eine der unangenehmeren Fragen, die derzeit an der russischen Grenze gestellt werden können – bevorzugt an Ausländerinnen und Ausländer. Diese spontanen Verhöre, die rechtlich gesehen als „Abgabe von Erklärungen“ gelten, finden nach dem Zufallsprinzip statt. Nicht bei jedem. Nicht immer. Aber immer öfter, zumindest wenn man nach den Anekdoten anderer Korrespondenten geht.

Minutiöse Untersuchung des Gepäcks

Einmal antwortete ich auf die Spezialoperations-Frage: „Ich bin gegen jede Art von Kampfhandlungen und für den Weltfrieden.“ Der Beamte musterte mich skeptisch, hakte aber nicht nach. Seine Aufgabe bestand darin, Fragen zu stellen. Und meine darin, so zu antworten, dass sich daraus keine „Diskreditierung“ der russischen Armee konstruieren ließ. Auf diesen „Tatbestand“ stehen in Russland bekanntlich hohe Strafen.

Mit der Teilmobilmachung sind die Grenzformalitäten noch einmal verschärft worden – für In- wie Ausländer. Ein deutscher Kollege berichtete auf Twitter, sein Gepäck sei minutiös durchsucht worden. Jeder Koffer, jede Tasche, jeder Gegenstand. Von besonderem Interesse seien dabei nicht Laptops oder Smartphones gewesen, sondern Bücher. Die Grenzbeamtin zog sechs Bücher ein: Einige hatten „Krieg“ im Titel, eines trug einen roten Sowjetstern am Cover und ein anderes (über die Ukraine) hatte einen blau-gelben Einband. Es sei für ihn das erste Mal seit 1991, dass bei der Einreise Bücher Interesse hervorriefen. Nach einer Viertelstunde bekam er sie zurück und durfte ins Land.

Männer über 18 Jahren bangen

Die schleichende Rückkehr zu sowjetischen Verhältnissen macht sich in Putins Russland vielerorts bemerkbar, beim Reisen wird das besonders sichtbar. Der russische Staat schränkt die Bewegungsfreiheit seiner Bürgerinnen und Bürger zunehmend ein: Angehörige des Sicherheitsapparats, etwa Polizisten, dürfen inzwischen nicht mehr ausreisen. Dasselbe galt für Beschäftigte der staatlichen Verteidigungsindustrie auch davor schon. Und jeder Mann über 18 Jahren muss nun bangen, an der Ausreise gehindert zu werden, weil ihm womöglich unterstellt wird, er wolle sich dem Kampfeinsatz entziehen.
Wer nicht per Land, sondern per Luft reist, stößt ebenfalls an Grenzen: Direktflüge zwischen der EU und Russland sind seit Februar eingestellt.

"Moskau ist jetzt Langstrecke"

Über Istanbul, Belgrad oder Abu Dhabi gibt es zwar noch Flugverbindungen, aber die Preise bewegen sich im vierstelligen Eurobereich. Für die meisten Menschen in Russland ist das kaum zu stemmen. Dazu kommt: Rund 70 Prozent der Russinnen und Russen haben ohnehin keinen Reisepass. Die Neuausstellungen solcher Pässe sind seit Februar stark gestiegen. Wenig überraschend. Wer heute von Russland nach Europa fliegt, muss sich jedenfalls auf eine längere Reise einstellen: Während man früher in weniger als drei Stunden von Moskau nach Wien flog, dauert heute allein die Strecke Moskau–Istanbul viereinhalb Stunden, weil die Maschine einen Bogen um die Ukraine und Südrussland machen muss. Wie ein Kollege des „Spiegel“ treffend formulierte: „Moskau ist jetzt Langstrecke.“

Früher konnte man noch mit dem Schlafwagenzug von Wien nach Russland fahren. Die 36-Stunden-Direktverbindung ist der Pandemie zum Opfer gefallen. Heute wirkt diese Verbindung unvorstellbar. Einst verlief ihre Strecke durch die Ukraine. Mittlerweile ist ein erheblicher Teil des ukrainischen Schienennetzes von der russischen Militärmaschine zerstört – und mit ihm Tausende Existenzen und Menschenleben. Und die russischen Züge, die noch Richtung Ukraine rollen, transportieren jetzt Panzer.