Er ging durchs Feuer und hat durchgehalten. Lange. Als eine der "wichtigsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte" wird Michail Gorbatschow (91) von vielen Staatenlenkern der Welt heute gewürdigt. Im Moskauer Kreml aber wird sich die Trauer über sein Ableben in Grenzen halten: Gorbatschow steht für alles, was Wladimir Putin heute bekämpft: das Ende der Sowjetunion – und den Versuch, das Land zu öffnen und den Menschen Freiheit zu geben. Glasnost und Perestroika.

Gorbatschow ist das passiert, was die meisten Menschen fürchten wie die Pest: Er wollte gestalten, und dann ist ihm dabei die Kontrolle entglitten. Und zwar völlig. Als "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" hat Wladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion einst bezeichnet. Im Westen dagegen weiß man, dass man dem damaligen Generalsekretär der UdSSR das Ende des Kalten Krieges und die Deutsche Einheit zu verdanken hat und die Weisheit, eine weltgeschichtliche Veränderung durchzustehen, ohne sie militärisch – im schlimmsten Fall gar atomar – zu eskalieren. 

Gorbatschow ließ geschehen, was Wladimir Putin heute bekämpft: den Zerfall und das Ende der Sowjetunion; als nach den anderen Ländern Osteuropas auch die Ukraine – und Russland unter Boris Jelzin – ihre Unabhängigkeit und damit ihren Austritt aus der Sowjetunion erklärte, war dies von ihm nicht gewollt. Doch er akzeptierte, dass er diesen Prozess nicht verhindern konnte.

Gorbatschow 2014
Gorbatschow 2014
© APA/EPA/BERND VON JUTRCZENKA

"Die Menschen brauchen Freiheit", erklärte Gorbatschow einst. "Ohne sie kann sich eine Person nicht entfalten. Deshalb wollte er "Glasnost", Transparenz, im verkrusteten Unionsstaat einführen. Vielen sprach er aus dem Herzen. Den alten Bürokraten nicht. Als Michail Gorbatschow, der sanfte Parteisekretär, 1985 in Moskau an die Macht kommt, ist die UdSSR hochgerüstet und nahezu bankrott. Schon zwei Jahre später beendet er gemeinsam mit den USA das Wettrüsten und fädelt die Vernichtung aller Nuklear-Mittelstreckenraketen in Europa ein. "Das Wichtigste ist, einen Atomkrieg zu verhindern", sagte er nun, wenige Monate vor seinem 90er, in einem Interview gegenüber Interfax. Dasselbe sagte er auch, als Putin im Februar die Ukraine überfiel. Weiter äußerte er sich nicht zu diesem Krieg.

In den letzten Jahren war es ruhig geworden um den wohl berühmtesten Russen der Neuzeit. Das Alter zehrt. Vor drei Jahren, mit 88, absolvierte er seine letzte Buchpräsentation, gestützt auf einen Gehstock und die Hand eines Mitarbeiters. Nachdem er 1990 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, reiste er viel um die Welt. Zurückgezogen lebte er bis zuletzt in einer Datscha in einem Vorort Moskaus.

Gorbatschow mit Helmut Kohl 1990
Gorbatschow mit Helmut Kohl 1990
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Der Westen feierte, ja verklärte Gorbatschow. Auch ihm war Gewalt nicht fremd, etwa bei den Unabhängigkeitsdemonstrationen in Georgien oder Litauen. In Russland bleibt er für die meisten der "Totengräber der Sowjetunion". Die Hauptkritik: Der damalige Kremlchef habe für seine Zustimmung zur deutschen Einheit zu wenig Geld von Helmut Kohl gefordert. Und er habe die Nato-Erweiterung nicht verhindert. Auch der heutige Kremlchef Wladimir Putin sprach 2017 von einem "Fehler Gorbatschows". Dieser hätte während der Verhandlungen über Deutschland von der Nato verbindliche Garantien einfordern sollen. Gorbatschow wies diese Kritik zurück. Eine Ausdehnung der Nato, wie sie später mit deren Osterweiterung kam, sei damals gar nicht zur Diskussion gestanden.

Reagan und Gorbatschow
Mit Ronald Reagan entwickelte sich eine Freundschaft: 1991 in Santa Barbara
© AP

"Michail Gorbatschow war sehr stark von der Zuversicht geprägt, dass er eine neue Sowjetunion schaffen könnte, dass sie in eine neue Weltordnung eingebunden wird, in der es den amerikanisch-sowjetischen Antagonismus wie im Kalten Krieg nicht mehr geben wird", meint der Historiker Martin Aust. Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Deutschland schulde Gorbatschow und der Sowjetunion großen Dank.

Gorbatschow mit seiner großen Liebe, Raissa
Gorbatschow mit seiner großen Liebe, Raissa
© EPA

Seine große Liebe, Raissa, stirbt 1999 an Leukämie. Es gibt Bilder, auf denen liegt der Ex-Präsident weinend auf dem Sarg. Später macht er sich Vorwürfe, die Kontroversen um sein politisches Erbe hätten zum frühen Tod seiner Frau geführt. Viele glauben, dass ihn vor allem die schlechte wirtschaftliche Lage in Russland zu Fall brachte. Er habe keine guten Berater mit wirtschaftlichen Ideen an seiner Seite gehabt.

Was Glasnost betrifft, hat Putin in Russland heute alles wieder zurückgedreht. Heute landet man für einen "falschen" Satz wieder im Gefängnis. Zumindest manche wissen "Gorbi" auch in Moskau zu schätzen. "Gorbatschow hat den Käfig aufgemacht und die Menschen frei gelassen", sagt der russische Liberale Grigorij Jawlinskij. "Was die Menschen daraus machen, das ist nicht sein Problem."

Sportlich: Gorbatschow und Bush 2001
Sportlich: Gorbatschow und Bush 2001
© AP