MinskMusiker für Auftritte bei Oppositionskundgebungen zu Haftstrafen verurteilt

Mitglieder der weißrussischen Folkband Irdorath hatten bei Protesten gegen Lukaschenko gespielt. Dafür lässt sie Lukaschenko jetzt offenbar büßen.

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Mit Massenproteste stellte sich die weißrussische Bevölkerung gegen Lukaschenko und Wahlfälschungen
Mit Massenproteste stellte sich die weißrussische Bevölkerung gegen Lukaschenko und Wahlfälschungen © AP
 

Nachdem Mitte Dezember bereits zwei Mitglieder der weißrussischen Folkband Irdorath zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden waren, sind am Dienstag laut der NGO Wjasna drei weitere Bandmitglieder in Minsk zu je eineinhalb Jahren verurteilt worden, darunter der Bruder und die Schwägerin der im Grazer Exil lebenden Dichterin Julia Cimafiejeva. Die "Verbrechen" bestanden jeweils in Auftritten bei Oppositionsdemos nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen 2020.

Irdorath hatte im Sommer 2020 für Furore in der russischsprachigen Welt gesorgt: Zwei Minuten und 16 Sekunden ist jenes Video vom 16. August 2020 lang, das damals Tausende Male in sozialen Netzwerken geteilt wurde und die Bandmitglieder aller Wahrscheinlichkeit nach nun auch Gefängnis eingebracht hat. Gemeinsam mit Zehntausenden Demonstranten zog an jenem Tag auch Irdorath durch das Zentrum von Minsk.

Mit drei Dudelsäcken, Trommel, Gitarre, einer Oboe im Hintergrund sowie der gesanglichen Unterstützung von Dutzenden Mitdemonstranten interpretierten sie voller Drive und Frische den spätsowjetischen Hit "Wir warten auf Veränderung" ("My schdjom peremen"). Dieser 1986 geschriebene Song des Leningrader Rockstar Viktor Zoj (1962–1990) galt seit seiner Verwendung im epochalen Spielfilm "Assa" (1987) als eine der Hymnen der kritischen Jugend und markierte den Sieg der Glasnost-Politik von KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow.

Die Folkband spielten diesen Hit nicht nur am 16. August, sondern auch bei weiteren Demonstrationen am 6. September und 25. Oktober 2020. Am 2. August 2021 wurden die Bandmitglieder bei einer Geburtstagsfeier festgenommen und wegen der Organisation oder Vorbereitung von Handlungen, die die öffentliche Ordnung grob stören, angeklagt. Zwei Musiker, das Ehepaar Nadeschda und Wladimir Kalatsch, wurden deshalb bereits am 14. Dezember von einem Gericht in Minsk zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Dudelsackspieler Dmitri Schimanski war bereits wegen des gleichen Delikts Ende Oktober zu drei Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, konnte aber aus Belarus fliegen. Der Schlagzeuger Anton Schnip, der Gitarrist Pjotr Martschenko und Julija Martschenko wurden nun am Dienstag zu je eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Beim Ehepaar Martschenko handelt es sich um den Bruder und die Schwägerin der seit 2020 als Writer im Exile in Graz lebenden Dichterin Julia Cimafiejeva.

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