Notstand in Rom Gegen Müll und Mafia: Roms Bürgermeisterin kämpft an allen Fronten

Riesige Berge Unrat in den Straßen. Der Grund für den Notstand in Rom liegt in Schließung einiger Deponien. Bürgermeisterin ortet politisches Manöver, um ihre Wiederwahl zu verhindern.

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Virginia Raggi © AFP
 

Von ihrem Büro aus hat sie einen Panoramablick über die Ewige Stadt. Ihr Amtssitz befindet sich auf dem Kapitolhügel, einem der sieben Hügel Roms. Aber das war es dann schon mit den Annehmlichkeiten, die sie  genießt, seit sie die Bürgermeisterin Roms ist.  Es waren schlicht die Wut und der Frust, die Virginia Raggi in die Politik trieben. Als 2009 ihr Sohn auf die Welt kam, fand sich die Römerin in der Situation wieder, mit der alle jungen Eltern in der italienischen Hauptstadt zu kämpfen haben: Sie müssen Slalom fahren mit dem Kinderwagen zwischen zugeparkten Gehsteigen, Schlaglöchern und zugemüllten Straßen. Raggi und ihr Mann, ein Journalist, engagierten sich daraufhin in der 2009 gegründeten 5-Sterne-Bewegung des Komikers Beppe Grillo. Drei Jahre lang saß die Rechtsanwältin für die Protestbewegung im Stadtrat. 2016 wurde sie Roms erste Bürgermeisterin, die alles umkrempeln und aufräumen wollte. Daraus wurde aber nichts.

Im Sommer 2021 stapeln sich neben Müllcontainern meterhohe, stinkende Ansammlungen von Säcken und Kartons, aus denen Essensreste quellen. Bei Temperaturen von 30 Grad aufwärts kann man sich den Geruch vorstellen. Rom kämpft auch in diesem Sommer gegen seine Müllberge und droht zu ersticken. Mittlerweile türmen sich Berge von Unrat in den Straßen und Gassen Roms.

Grund für den neuen Müllnotstand in der italienischen Hauptstadt ist die Schließung einiger Deponien außerhalb der Region, bei denen der Unrat der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole entsorgt wird. Entsorgungsengpässe gibt es, seitdem 2013 die größte Mülldeponie Europas in Malagrotta am Rande Roms schließen musste. Sie war nach europäischen Umweltstandards illegal. Alternativen wurden seither aber keine geschaffen.

Verbrennungsanlagen lehnt die in Rom seit 2016 regierende Fünf Sterne-Bewegung ab. Bürgermeisterin Virginia Raggi bemühte sich in den vergangenen Jahren vielmehr verstärkt um Mülltrennung und um die Wiederverwertung von Abfällen - bisher allerdings mit wenig Erfolg. Die städtischen Abfallbetriebe müssen täglich 3.000 Tonnen Unrat einsammeln.

Besondere Kuriosität: Im Jahr 2017 hatte die Stadt Rom ihren Abfall in der Müllverbrennungsanlage in Dürnrohr bei Zwentendorf (Bezirk Tulln) entsorgt. 70.000 Tonnen römischen Mülls wurden 2017 in Zwentendorf in Niederösterreich verbrannt.

Es gibt wieder Touristen beim Trevi-Brunnen Foto © AP

Inzwischen sind die Römer aber enorm wütend. Sie befürchten in Zeiten der Pandemie Probleme für die Gesundheit. Die Müllprobleme könnten sich auch negativ auf das Image von Bürgermeisterin Raggi auswirken, die bei den im Oktober geplanten Kommunalwahlen in Rom auf eine Wiederwahl hofft. Die Bürgermeisterin beklagt, dass hinter dem Beschluss, einige Deponien zu schließen, ein Manöver stecke, um ihr politisch zu schaden und ihre Wiederwahl zu verhindern. Raggi hat sich mit Rom als Bürgermeisterin eine Stadt ausgesucht, die als unregierbar gilt: Nepotismus und Korruption sind weit verbreitet, die organisierte Kriminalität blüht und die Mafia hat überall die Finger im Spiel.

Raggi geht im Herbst gegen den Mitte-rechts-Kandidaten Enrico Michetti und gegen den Ex-Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri, Spitzenpolitiker der Sozialdemokraten (PD), um eine Wiederwahl ins Rennen. Weiterer Kandidat ist Ex-Industrieminister Carlo Calenda. Eine Amtsbestätigung der 42-jährigen Raggi, die 2016 zur ersten Frau als Roms Stadtchefin gewählt worden war, gilt laut Umfragen als unwahrscheinlich.

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