Wie groß die Angst in der peruanischen Oberschicht vor einem marxistischen Landschullehrer und Bauernsohn ist, das kann man jeden Tag im Fernsehen, in den sozialen Netzwerken und auf den großen Werbetafeln im Land sehen.

Vor der Stichwahl am 6. Juni um das Präsidentenamt hatte man den Eindruck, der instabile Andenstaat stünde kurz davor, sich in einen neuen Hotspot des Weltkommunismus zu verwandeln. Jedenfalls dann, wenn sich Pedro Castillo heute gegen die altbekannte Rechtskandidatin Keiko Fujimori durchsetzen würde, worauf die Umfragen bis vor Kurzem noch allesamt hindeuteten. Doch dann kam dieser Shitstorm in den virtuellen und analogen Medien. Und inzwischen liegen Fujimori und Castillo annähernd gleich auf.

„Kuba, Armut, Tod, Angst und Hoffnungslosigkeit“ - warnt zum Beispiel ein Plakat in diesen Tagen, ohne Namen oder Partei zu nennen. Zu sehen ist darauf nur ein übervolles Schlauchboot auf dem offenen Meer. Was das mit der Wahl in Peru zu tun hat? Alles und Nichts. Die Botschaft ist subtil genug, um sich in das Unterbewusstsein der Wähler zu schleichen. Wer es gerne formaler und deutlicher hat, der muss nur dem peruanischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa zuhören. Er rief offen dazu auf, Fujimori, die Tochter des früheren autoritären Herrschers Alberto Fujimori, zu wählen. Sie sei „das kleinere Übel“, aber man müsse Peru jetzt davor bewahren „in die Hände des Totalitarismus“ zu fallen, so wie das Kuba und Venezuela passiert sei, warnt Vargas Llosa.

Fahrt durch den Andenstaat

Die konservative peruanische Elite hat auch noch Leopoldo López, venezolanischer Rechtsaußen, eingeladen. Der frühere Präsidentschaftskandidat reist durch den Andenstaat und warnt vor der Wahl Castillos. López hat sich in seiner Heimat Venezuela vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er mehrmals vergeblich versuchte, die Regierung von Präsident Nicolás Maduro mit Gewalt zu stürzen.

Die Peruaner haben am Sonntag also die Wahl zwischen einer rechten Kandidatin, gegen die wegen Geldwäsche ermittelt wird und die schon zwei Mal vergeblich versuchte, Präsidentin zu werden. Die 46 Jahre alte Keiko Fujimori ist sozusagen die lebende Repräsentantin des ineffizienten politischen Systems, das die Peruaner inzwischen so tief verachten. Sie steht mit ihrer Partei „Fuerza Popular“ für ein neoliberales Wirtschafts- und Sozialprogramm, das auf Privatinvestitionen setzt. 

Und Castillo, den kannte in den Städten eigentlich bisher kaum jemand. Der 51-Jährige, der stets unter einem Strohhut und auf einem Pferd daherkommt, kam bei der ersten Wahlrunde im April auf 19 Prozent der Stimmen, was ihm für den Sieg reichte. In den Umfragen hatte ihn niemand auf dem Zettel.

Der Gewerkschafter vertritt die Partei „Peru Libre“, die ein marxistisches Programm hat und mit Verstaatlichungen, Steuererhöhungen und Investitionen in „revolutionäre Bildung“ ein neues Gesellschaftsmodell schaffen will. Dafür will er auch eine Verfassunggebende Versammlung einberufen. Er setzt sich für kostenfreie Ausbildung ein, eine Forderung, mit der man in Lateinamerika viele junge Wähler für sich begeistern kann. Castillos Eltern waren Analphabeten.

Konservativ

Bei gesellschaftlichen Fragen ist Castillo hingegen urkonservativ und trifft sich dort ideologisch mit Keiko Fujimori. Er setzt auf „Familienwerte“ und hält nichts von Genderthemen, Abtreibung und Schwulenhochzeit. Auch die Freigabe von Marihuana findet nicht seine Zustimmung.

Peru stecke in einer „starken Polarisierung“ fest, sagt der Soziologe Santiago Pedraglio. „Es gibt Menschen, die glauben ein Sieg Castillos habe ein wirtschaftliches Debakel zur Folge und mit Fujimori kehre der Autoritarismus ihres Vaters samt Entmachtung der Institutionen zurück“. Giovanna Peñaflor, Präsidentin des Umfrageinstituts Imasen stellt eine hohe Aggression und Rassismus in diesem Wahlkampf fest. „Die Mittel- und Oberschicht reagiert aufgrund seiner Positionen auf Castillo, aber auch wegen seiner Herkunft und seiner Sprache“, sagt die Politologin.

Politisch stets nah an der Explosion

Klar scheint, wer auch immer am Sonntag gewinnt, wird Peru nicht das geben können, was das Land so dringend braucht. Ein Staatsoberhaupt mit Vision, Anerkennung, Ruhe und Erfahrung in der Politik. Denn die Herausforderungen sind unfassbar groß. Annähernd zwei Millionen Infizierte und fast 70.000 Tote machen Peru zu einem der von Covid am härtesten getroffenen Länder Lateinamerikas im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Mit 212 Todesfällen pro 100.000 Einwohner gehört Peru zu den Ländern, in denen die Pandemie am tödlichsten wütet. Die Wirtschaft brach vergangenes Jahr um elf Prozent ein. Die offizielle Arbeitslosenzahl sprang auf fast 14 Prozent. Und politisch ist das Land stets am Rande einer neuen Explosion. Das wird sich vermutlich auch nach diesem Sonntag nicht ändern.