Krise in ÄthiopienAfrikas offene Wunden

In Äthiopien spitzt sich die humanitäre Lage dramatisch zu. Der Konflikt in Tigray verschärft die Ernährungssituation auch in den Nachbarregionen. Österreich drängt auf Zugang für Nothelfer.

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Alexander Schallenberg in Äthiopien
Alexander Schallenberg in Äthiopien © (c) APA/BMEIA/MICHAEL GRUBER (MICHAEL GRUBER)
 

Als die Wagen der Vereinten Nationen sich öffnen, hebt laute Musik mit rhythmischen Klatschen an. Frauen in bunten Gewändern stehen Spalier und Männer lotsen Außenminister Alexander Schallenberg und sein Tross in ein Festzelt. „Danke Österreich“ steht auf Plakaten an Wänden, die aus Planen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR gebaut worden sind. Die Freude ist ebenso groß wie Hoffnung, dass die Gäste aus Europa Hilfe in den Norden Äthiopiens bringen werden. Denn die Not ist groß in den Lagern wie hier in Aysaite im Bundesstaat Afar unweit der Grenze zu Dschibuti, die vor allem Flüchtlinge aus Eritrea auffangen müssen.

Er sei seit zwölf Jahren in dem Lager, erzählt Ali Hamed, der einen mächtigen hennarot gefärbten Bart trägt. Aussicht auf Rückkehr gibt es nicht, denn Informationen, dass es im Nachbarland besser geworden sei, gibt es nicht. Und Männer wie auch Frauen können praktische lebenslang zum Militär eingezogen werden. Jeder an diesem Tag erzählt eine Geschichte der tödlichen Gewalt aus seiner Familie – und der täglichen Not im Lager. Zuletzt konnte das UNHCR nur noch zehn Kilo Getreide pro Monat ausgeben, weil die Preise wegen der Dürre und Heuschreckenplagen der Vergangenheit so explodiert seien. Aktuell kommt der gewaltsame Konflikt in der Nachbarregion Tigray hinzu. „Wir haben Hunger“, sagt Hamed. Doch die UNHCR habe nicht mehr Mittel, erklärt Paul Turnbull vom Welternährungsprogramm den Flüchtlingen und Gästen. Es müsse rationiert werden. Deshalb appelliert er an die Welt, Geld zu geben und dankte Österreich für die drei Millionen Euro neue Nothilfe.

Die stille Hungerkatastrophe

Der Brite war zuvor in Kenia und wird bald nach Malawi weiterziehen. Derzeit leitet er die Ernährungsverteilung in Äthiopien. Er zeigt den Gästen die Essens- und Geldausgabe, damit sich die Menschen frische Güter kaufen können. Das stärke die lokalen Märkte und ergänze den Ernährungsplan. „Wir sind dabei, auf mobiles Zahlen umzustellen“, sagt Turnball. Das Bezahlen mit dem Handy sei in Ostafrika schon weit verbreitet.

25.000 Menschen leben derzeit im Flüchtlingslager Aysaite unweit der Stadt Semera. Dabei ist es noch eines der besseren, erklärt Chris Melzer vom UNHCR. Der Deutsche gehört zu einer Eingreiftruppe, die binnen 72 Stunden an jedem Ort der Welt sein muss. Als die Krise vor zwei Monaten in Tigray losbracht, kam er her. Die UN betreiben vier Camps in der Krisenregion Tigray, davon zwei im Norden und zwei im Süden mit insgesamt 96.000 Menschen. „Die Lage ist furchtbar“, sagt Melzer. Die Infrastruktur beider Südlager sei zwar nicht zerstört worden, aber mit der Abriegelung der Region durch die Zentralregierung wurde sie auch vom Wasser und Strom abgeschnitten. Die Kinder mussten das Wasser aus dem Fluss trinken und hätten schlimme Durchfallerkrankungen bekommen, berichtet der Helfer, der selbst im Süden Tigrays war. Es gäbe keine Schulen im Betrieb.

Der Norden ist abgeschirmt

„Aus dem Norden haben wir aber keinerlei Informationen“, sagt Melzer. Es habe Meldungen gegeben, dass eines der Lager niedergebrannt worden sei, aber das könne die UN nicht verifizieren. Die Berichte seien aber plausibel. Es wurden auch Satellitenbilder ausgewertet, die auf eine solche Tragik hindeuten. Was mit den insgesamt 33.000 Flüchtlingen passiert sei, wisse man nicht. „Selbst die günstigste Variante wäre noch furchtbar“, hält Melzer fest.

Die humanitäre Lage in Tigray ist nach dem Einsatz der Regierungsarmee gegen abtrünnige Truppen unter Führung der Volksbefreiungsfront in Tigray (TPLF) dramatisch, sagt ein äthiopischer Politikanalyst, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben will. Es würden zielgerichtet Frauen, Männer und Kinder ermordet mitten in der Nacht. „Sie werden als fremde Siedler von der jeweiligen angesehen, obwohl sie oft schon zwei oder drei Generationen dort leben“, sagt der Analyst. Mehr als 1000 Menschen seien im Konflikt in Tigray bereits ermordet worden. Viele Informationen gibt es wegen der Kontaktsperre nicht. Auch verhindere die Regierung den Zugang durch Hilfsorganisationen, sagt er und stellt in den Raum: „Die Frage ist, ob das systemisch ist und die Regierung bewusst schweigt.“

Konflikte fast jeden Tag

Äthiopien ist mit seinen mehr als 80 Ethnien ein Vielvölkerstaat mit unzähligen Konflikten. Fast täglich gibt es Berichte über Zwischenfälle zwischen den Gruppen, hinzu kommen die Konflikte in den Nachbarländern. „Die zahlreichen Flüchtlingscamps in Äthiopien zeigen die offenen Wunden und Bruchlinien, die es in Afrika gibt und die Menschen dazu zwingen, ihr Land zu verlassen aufzeigen“, sagt Schallenberg und mahnte die Weltgemeinschaft an, weiter den Blick auf die Region am Horn von Afrika zu richten.

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Von der Welt vergessen: Zehn Kisenherde im Schatten der Corona-Pandemie

Burundi, Guatemala, Pakistan und die Ukraine haben eines gemeinsam: eine schwere humanitäre Krise mit mehr als einer Million dringend der Hilfe bedürfender Menschen - und eine Welt, die ihre Not nicht sieht. 

 

Zum fünften Mal hat die Hilfsorganisation CARE den Bericht "Suffering in Silence" über die zehn am wenigsten in Medien vorkommenden humanitären Krisen vorgestellt. Klar wurde dabei: Die Corona-Pandemie machte es noch schlimmer. 230,4 Millionen Menschen sind in humanitärer Not. Um 40 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr.

Die Stimmen und Geschichten von Millionen
Menschen in diesen zehn Ländern bleiben international
weitgehend ungehört.

(c) Minah Rakotobe/CARE (Minah Rakotobe/CARE)

1. Brundi - Katastrophen und knappes Land

Extreme Witterungsbedingungen und Naturkatastrophen kombiniert mit politischer Instabilität haben seit 2015 über 135.000 Menschen innerhalb der Grenzen Burundis entwurzelt.  Vertreibung, hohe Bevölkerungsdichte, zahlreiche Rückkehrer und fast 80.000 Geflüchtete aus der Demokratischen Republik Kongo (DRC) führen zu Konkurrenz um Landflächen. Infolgedessen werden die ärmsten und verwundbarsten Gruppen der Bevölkerung, hauptsächlich Frauen, auf wenig ertragreiches Land gedrängt.

2,3 Millionen Menschen sind daher auf humanitäre Hilfe angewiesen.

(c) Karin Schermbrucker / CARE (Karin Schermbrucker / CARE)

2. Guatemala - Fahnen der Verzweiflung

In Guatemala schwenken ganze Gemeinden die weiße Flagge. Seit April 2020 haben Tausende von Guatemalteken im Land begonnen, weiße Fahnen in den Straßen und aus ihren Fenstern zu hissen, um zu zeigen, dass sie Hunger leiden. Für die 10 Millionen Menschen im Land, die unterhalb der Armutsgrenze leben, hat COVID-19 eine ernste Nahrungsmittelkrise noch verschlimmert.

(c) James Rodriguez (James Rodriguez)

3. Zentralafrikanische Republik - Von der Welt vergessen

Die von jahrzehntelangen bewaffneten Konflikten, grassierender Armut, einer nicht enden wollenden Flut von Naturkatastrophen und der COVID-19-Pandemie heimgesuchte ZAR steht vor unzähligen Herausforderungen. In den letzten fünf Jahren gab es noch nie so viele Zentralafrikaner in humanitärer Not wie heute. Die UN warnen, dass im Jahr 2021 2,8 Millionen Zentralafrikaner, mehr als die Hälfte der Bevölkerung, humanitäre Hilfe und Schutz benötigen werden.

Care

4. Ukraine - Ältere Menschen auf sich allein gestellt

Schon vor COVID-19 schätzten die UN, dass 3,4 Millionen Menschen in der Region Donbas im Jahr 2020 humanitäre Hilfe benötigen würden. Besonders schlimm ist die Lage entlang der "Kontaktlinie", die das von der ukrainischen Regierung kontrollierte Land von den von Separatisten verwalteten Gebieten trennt. Die Zivilbevölkerung bleibt in diesem Konflikt ohne Schutz und Versorgung zurück. Viele jüngere Menschen sind in andere Teile des Landes abgewandert. Ältere bleiben oft hilflos zurück und machen 30 Prozent der in den Konfliktgebieten lebenden Bevölkerung aus.

(c) OCHA/Maks Levin (OCHA/Maks Levin)

5. Madagaskar - An vorderster Front der Klimakrise

Jedes Jahr sind Tausende Menschen in Madagaskar von Naturkatastrophen und Missernten betroffen, doch über ihre Situation wird in den internationalen Medien nur selten berichtet. Drei Viertel der Bevölkerung, rund 20 Millionen Menschen, leben unter der Armutsgrenze. Fast die Häfte der Kinder leidet unter Verzögerung des Wachstums.

(c) CARE/Lucy Beck (CARE/Lucy Beck)

6. Malawi - Mehr Selsbtmorde und Frühehen

In dem kleinen Land im südlichen Afrika wächst die Besorgnis
über die steigende Zahl der Suizide. Naturkatastrophen,
Schädlingsbefall, extreme Armut und COVID-19 setzen die
Bevölkerung unter Druck. Nach Berichten der malawischen Polizei ist die Selbstmordrate im Jahr 2020 stark angestiegen
(um 57 Prozent).
Die UN schätzt, dass 8,3 Millionen Malawier in Folge der COVID- 19-Pandemie humanitäre Hilfe benötigen.

(c) Joseph Scott/CARE (Joseph Scott/CARE)

7. Pakistan - Gewalt, Armut und Naturkatastrophen

In Pakistan, dem Land mit der fünfthöchsten Bevölkerungszahl der Welt, leiden die Menschen unter Vertreibungen aufgrund von Konflikten, den Auswirkungen des Klimawandels und weit verbreiteter Armut. Das Land ist sehr anfällig für Überschwemmungen, Lawinen und Erdbeben. Jedes Jahr sind mindestens
drei Millionen Menschen von Naturkatastrophen betroffen. Im Jahr 2020 kämpfte das Land gegen COVID-19, eine Heuschreckenplage
und ein noch nie dagewesenes Ausmaß an
Überschwemmungen in den Städten.

(c) Shaista Chishty (Shaista Chishty)

8. Mali - Gewalt und COVID-19 schüren humanitäre Krise

Schon vor der Pandemie hatten Jahre des Konflikts, der
Unsicherheit und schlechter Regierungsführung gepaart mit
extremen Wetterereignissen und Naturkatastrophen in diesem riesigen Land im Sahel Spuren hinterlassen.
Vor acht Jahren begann im Norden Malis ein Aufstand, der sich inzwischen auf das Zentrum des Landes ausgedehnt hat. Auch die Nachbarstaaten Burkina Faso und Niger geraten zunehmend unter Druck. Mit anderen Worten: Jeder dritte Mensch in Mali benötigt humanitäre Hilfe, darunter 1,3 Millionen Menschen, die unter
Nahrungsknappheit leiden.

Care

9. Papua-Neuguinea - Den Widrigkeiten trotzen

Auf Platz neun landete Papua-Neuguinea in der Liste der am wenigsten erwähnten Krisen. Mehr als 4,6 Millionen Menschen, und damit über die Hälfte der Bevölkerung, war nach einer UN-Schätzung 2020 auf Hilfe angewiesen, nur 46 Prozent hatten Zugang zu sauberem Trinkwasser.

(c) John Hewat/CARE (John Hewat/CARE)

10. Sambia - Extremwetter verursacht Hunger

Sambia gehört zu jenen Ländern, die die Hauptlast der globalen Klimakrise tragen. Insgesamt 10,1 Millionen Menschen, das sind etwa 56 Prozent
der sambischen Bevölkerung, benötigen aufgrund von Dürren
und Überschwemmungen humanitäre Hilfe. Seit 1960 sind die Temperaturen in Sambia um etwa 1,3°C
gestiegen, gleichzeitig ist die jährliche Niederschlagsmenge
um durchschnittlich 2,3 Prozent pro Jahrzehnt zurückgegangen.

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(c) Karin Schermbrucker / CARE (Karin Schermbrucker / CARE)
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