Konflikt in TigraySchallenberg: "Äthiopien erlebt einen regelrechten Tsunami der Krisen"

Bei seiner Reise in das ostafrikanische Land hat der Außenminister zwar drei Millionen Euro für die Milderung der humanitären Krise im Gepäck. Er muss aber auch in einer heiklen Mission auf eine Lösung drängen.

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Schallenberg und Mekonnen
Schallenberg und Mekonnen © (c) AUSSENMINISTERIUM/MICHAEL GRUBER (MICHAEL GRUBER)
 

Die Zustandsbeschreibung des Außenministers ist wenig ermutigend: „Wir erleben mit Covid-19, der Heuschreckenplage und Dürre der letzten Jahrzehnte und dem Konflikt in Tigray einen regelrechten Tsunami an Krisen in Äthiopien“, sagt Alexander Schallenberg nach dem ersten Abschnitt seiner zweitägigen Reise in die Hauptstadt Addis Abeba und in die Kriegsregion Tigray. Den aktuellen Konflikt im Norden des Landes sieht er sogar als einen der aktuellen Top-3-Krisenherde in Afrika.

Dass er sich in der aktuellen Corona-Lage persönlich auf den Weg gemacht hat, liegt vor allem daran, dass in einer solch dramatischen Situation eine Videokonferenz eben doch kein direktes vertrautes Gespräch ersetzen könne. Immerhin drängte er in seinem Gespräch mit seinem Amtskollegen und Vizepremier Demeke Mekonnen darauf, dass die internationalen Hilfsorganisationen vollumfänglichen Zugang zum Krisengebiet erhalten müssten.

Drei Millionen Euro Hilfsgelder

Schallenberg reist auch nicht mit leerem Gepäck an. Österreich unterstütze im Sinne seiner humanitären Tradition und angesichts der dramatischen Situation in Tigray die humanitären Anstrengungen der internationalen Staatengemeinschaft und die langjährige Tätigkeit österreichischer humanitärer NGOs im Land, betonte der Außenminister in Addis.

Dafür werden drei Millionen Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds bereitgestellt. Das Vorhaben soll noch im Jänner vom Ministerrat beschlossen werden. Je eine Millionen Euro erhalten das Welternährungsprogramm und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, dessen Lager er am Vormittag auch besuchte und sich die bereitstehenden Hilfskonvois zeigen ließ. Eine weitere Million geht an einen Pool an österreichischen Organisationen in Äthiopien. Dies ist auch ein starkes Argument in den Gesprächen mit der Regierung. Denn Äthiopien ist nicht nur ein Schwerpunktland in der Entwicklungszusammenarbeit, Österreich gehört auch zu den größten Geberländern in dem ostafrikanischen Land.

Berichte über Menschenrechtsverletzungen

„Es gibt beunruhigende Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Tigray“, sagt Schallenberg, darunter seien auch Massaker mit vermutlich internationaler Beteiligung. Laut dem Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen seien derzeit nach Angaben des Außenminister  20 Millionen Menschen akut auf humanitäre Hilfe angewiesen, 14 Millionen haben dringenden Bedarf an Nahrungsmitteln oder gelten bereits als chronisch unterernährt. „Seit Ausbruch der Krise hat sich die Zahl derer, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind auf 2,3 Millionen Menschen mehr als verdoppelt.“

Dennoch hätten erst zwei Hilfsmissionen in Kooperation von Vereinten Nationen und Zentralregierung zur Ermittlung des Bedarfs stattgefunden, erzählt ein äthiopischer Politikanalyst und schildert die Menschenrechtsverletzungen in weit drastischeren Bildern. So kam es gestern erst zu einem Massaker im westäthiopischen Gebiet Metekel mit bislang gesicherten 80 Toten, möglicherweise sogar 100. Dies sei nur ein neuerlicher Ausbruch einer Welle, die seit Monaten im Norden und Nordwesten anhielte und mehr als 1000 Menschen das Leben gekostet hat. Die Massaker richteten sich gegen Kinder, Frauen und Männer gleichermaßen, sagt der Analyst. Dabei sei die Kontaktaufnahme mitunter äußerst schwierig, weil die Zentralregierung die Kommunikationswege etwa nach Tigray völlig gekappt hätten.

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Von der Welt vergessen: Zehn Kisenherde im Schatten der Corona-Pandemie

Burundi, Guatemala, Pakistan und die Ukraine haben eines gemeinsam: eine schwere humanitäre Krise mit mehr als einer Million dringend der Hilfe bedürfender Menschen - und eine Welt, die ihre Not nicht sieht. 

 

Zum fünften Mal hat die Hilfsorganisation CARE den Bericht "Suffering in Silence" über die zehn am wenigsten in Medien vorkommenden humanitären Krisen vorgestellt. Klar wurde dabei: Die Corona-Pandemie machte es noch schlimmer. 230,4 Millionen Menschen sind in humanitärer Not. Um 40 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr.

Die Stimmen und Geschichten von Millionen
Menschen in diesen zehn Ländern bleiben international
weitgehend ungehört.

(c) Minah Rakotobe/CARE (Minah Rakotobe/CARE)

1. Brundi - Katastrophen und knappes Land

Extreme Witterungsbedingungen und Naturkatastrophen kombiniert mit politischer Instabilität haben seit 2015 über 135.000 Menschen innerhalb der Grenzen Burundis entwurzelt.  Vertreibung, hohe Bevölkerungsdichte, zahlreiche Rückkehrer und fast 80.000 Geflüchtete aus der Demokratischen Republik Kongo (DRC) führen zu Konkurrenz um Landflächen. Infolgedessen werden die ärmsten und verwundbarsten Gruppen der Bevölkerung, hauptsächlich Frauen, auf wenig ertragreiches Land gedrängt.

2,3 Millionen Menschen sind daher auf humanitäre Hilfe angewiesen.

(c) Karin Schermbrucker / CARE (Karin Schermbrucker / CARE)

2. Guatemala - Fahnen der Verzweiflung

In Guatemala schwenken ganze Gemeinden die weiße Flagge. Seit April 2020 haben Tausende von Guatemalteken im Land begonnen, weiße Fahnen in den Straßen und aus ihren Fenstern zu hissen, um zu zeigen, dass sie Hunger leiden. Für die 10 Millionen Menschen im Land, die unterhalb der Armutsgrenze leben, hat COVID-19 eine ernste Nahrungsmittelkrise noch verschlimmert.

(c) James Rodriguez (James Rodriguez)

3. Zentralafrikanische Republik - Von der Welt vergessen

Die von jahrzehntelangen bewaffneten Konflikten, grassierender Armut, einer nicht enden wollenden Flut von Naturkatastrophen und der COVID-19-Pandemie heimgesuchte ZAR steht vor unzähligen Herausforderungen. In den letzten fünf Jahren gab es noch nie so viele Zentralafrikaner in humanitärer Not wie heute. Die UN warnen, dass im Jahr 2021 2,8 Millionen Zentralafrikaner, mehr als die Hälfte der Bevölkerung, humanitäre Hilfe und Schutz benötigen werden.

Care

4. Ukraine - Ältere Menschen auf sich allein gestellt

Schon vor COVID-19 schätzten die UN, dass 3,4 Millionen Menschen in der Region Donbas im Jahr 2020 humanitäre Hilfe benötigen würden. Besonders schlimm ist die Lage entlang der "Kontaktlinie", die das von der ukrainischen Regierung kontrollierte Land von den von Separatisten verwalteten Gebieten trennt. Die Zivilbevölkerung bleibt in diesem Konflikt ohne Schutz und Versorgung zurück. Viele jüngere Menschen sind in andere Teile des Landes abgewandert. Ältere bleiben oft hilflos zurück und machen 30 Prozent der in den Konfliktgebieten lebenden Bevölkerung aus.

(c) OCHA/Maks Levin (OCHA/Maks Levin)

5. Madagaskar - An vorderster Front der Klimakrise

Jedes Jahr sind Tausende Menschen in Madagaskar von Naturkatastrophen und Missernten betroffen, doch über ihre Situation wird in den internationalen Medien nur selten berichtet. Drei Viertel der Bevölkerung, rund 20 Millionen Menschen, leben unter der Armutsgrenze. Fast die Häfte der Kinder leidet unter Verzögerung des Wachstums.

(c) CARE/Lucy Beck (CARE/Lucy Beck)

6. Malawi - Mehr Selsbtmorde und Frühehen

In dem kleinen Land im südlichen Afrika wächst die Besorgnis
über die steigende Zahl der Suizide. Naturkatastrophen,
Schädlingsbefall, extreme Armut und COVID-19 setzen die
Bevölkerung unter Druck. Nach Berichten der malawischen Polizei ist die Selbstmordrate im Jahr 2020 stark angestiegen
(um 57 Prozent).
Die UN schätzt, dass 8,3 Millionen Malawier in Folge der COVID- 19-Pandemie humanitäre Hilfe benötigen.

(c) Joseph Scott/CARE (Joseph Scott/CARE)

7. Pakistan - Gewalt, Armut und Naturkatastrophen

In Pakistan, dem Land mit der fünfthöchsten Bevölkerungszahl der Welt, leiden die Menschen unter Vertreibungen aufgrund von Konflikten, den Auswirkungen des Klimawandels und weit verbreiteter Armut. Das Land ist sehr anfällig für Überschwemmungen, Lawinen und Erdbeben. Jedes Jahr sind mindestens
drei Millionen Menschen von Naturkatastrophen betroffen. Im Jahr 2020 kämpfte das Land gegen COVID-19, eine Heuschreckenplage
und ein noch nie dagewesenes Ausmaß an
Überschwemmungen in den Städten.

(c) Shaista Chishty (Shaista Chishty)

8. Mali - Gewalt und COVID-19 schüren humanitäre Krise

Schon vor der Pandemie hatten Jahre des Konflikts, der
Unsicherheit und schlechter Regierungsführung gepaart mit
extremen Wetterereignissen und Naturkatastrophen in diesem riesigen Land im Sahel Spuren hinterlassen.
Vor acht Jahren begann im Norden Malis ein Aufstand, der sich inzwischen auf das Zentrum des Landes ausgedehnt hat. Auch die Nachbarstaaten Burkina Faso und Niger geraten zunehmend unter Druck. Mit anderen Worten: Jeder dritte Mensch in Mali benötigt humanitäre Hilfe, darunter 1,3 Millionen Menschen, die unter
Nahrungsknappheit leiden.

Care

9. Papua-Neuguinea - Den Widrigkeiten trotzen

Auf Platz neun landete Papua-Neuguinea in der Liste der am wenigsten erwähnten Krisen. Mehr als 4,6 Millionen Menschen, und damit über die Hälfte der Bevölkerung, war nach einer UN-Schätzung 2020 auf Hilfe angewiesen, nur 46 Prozent hatten Zugang zu sauberem Trinkwasser.

(c) John Hewat/CARE (John Hewat/CARE)

10. Sambia - Extremwetter verursacht Hunger

Sambia gehört zu jenen Ländern, die die Hauptlast der globalen Klimakrise tragen. Insgesamt 10,1 Millionen Menschen, das sind etwa 56 Prozent
der sambischen Bevölkerung, benötigen aufgrund von Dürren
und Überschwemmungen humanitäre Hilfe. Seit 1960 sind die Temperaturen in Sambia um etwa 1,3°C
gestiegen, gleichzeitig ist die jährliche Niederschlagsmenge
um durchschnittlich 2,3 Prozent pro Jahrzehnt zurückgegangen.

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(c) Karin Schermbrucker / CARE (Karin Schermbrucker / CARE)
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