Proteste im Libanon „Aufschrei gegen die politische Klasse“

Der Protest im Libanon hält an, die Lage wird brenzliger. Der österreichische Student Julian Vierlinger ist mittendrin.

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Julian Vierlinger (23) studiert in Paris an der Sciences Po. Der gebürtige Wiener ist derzeit in Beirut und schreibt an seiner Masterarbeit „Systemische Korruption im Libanon“. © privat
 

Sie sind derzeit in Beirut. Seit 17. Oktober demonstrieren die Menschen im Libanon gegen die Regierung. Der Premier wurde zum Rücktritt gezwungen, doch die Demonstrationen gehen weiter: Wie erleben Sie die Proteste?
JULIAN VIERLINGER: Die jungen Menschen sind zwar das Rückgrat der Proteste, aber auf der Straße demonstrieren alle Teile der Gesellschaft.
Ist es ein bedrohliches Szenario? Sind Sie mittendrin?
Die Demonstranten sind unglaublich diszipliniert. Sie versuchen jede Eskalation zu vermeiden und schreiten oft beruhigend ein. Die Demonstranten wollen, dass es friedlich zugeht. Ob das so bleibt, ist fraglich.

Ist der Arabische Frühling noch nicht vorbei?
JULIAN VIERLINGER: Der Arabische Frühling war ein Kampf gegen die Diktatur und ein Aufstand gegen die repressiven Systeme in der Region. Die Demonstrationen im Libanon hingegen sind ein Aufschrei gegen die politische Klasse, die der Jugend die Zukunft gestohlen hat, weil sie sich das gesamte Geld krallt, das es im Land gibt. Es ist also wirklich eine Protestbewegung gegen die Korruption im Land. Die Menschen haben das satt.

Wie geht es der Bevölkerung? Was sehen Sie?
JULIAN VIERLINGER: Es geht den Menschen echt nicht gut. Die Universitäten sind wahnsinnig teuer, und es ist auch fast unmöglich, in dem Land gut bezahlt arbeiten zu können. Wirklich gut funktioniert nur die Vetternwirtschaft. Also versuchen viele, in einem Unternehmen unterzukommen, das einem Politiker gehört, oder gleich in der Verwaltung zu landen – dann kann man im Libanon seine Taschen füllen. Die Armen leben von der Hand in den Mund, die Mittelklasse existiert so gut wie nicht, dafür gibt es wirklich Reiche.

Was sagen die Demonstranten: Was soll diese Revolution denn sein?
JULIAN VIERLINGER: Es gibt zwar einen Moment der großen Einheit und alle wollen Neuwahlen, aber es gibt eine Bruchlinie innerhalb der Protestbewegung: In diesem restriktiven System, in dem alles darauf aufgebaut ist, dass zwischen den Konfessionen keine Ausschreitungen passieren, stellt sich die Frage, inwieweit man tatsächlich politische Reformen voranbringen kann. Denn Neuwahlen sind nur dann sinnvoll, wenn vorab geklärt ist, ob man ein nonkonfessionelles Wahlsystem will oder nicht.
Sind Sie als Ausländer in eine brenzlige Situation gekommen?
Wirklich nicht. Die Menschen sind wahnsinnig freundlich zu Ausländern. Man wird auch als Transporteur ihrer Botschaft wahrgenommen: Seht her! Wir demonstrieren einfach für ein besseres Leben!

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