Kroatien - UstaschaMessen für den Führer

In Kroatien wird dem Mörderregime der Ustascha im Zweiten Weltkrieg von Jahr zu Jahr mehr Ehre zuteil. Der Regierung in Zagreb gelingt es dabei nicht, sich von den Faschisten und ihren Wiedergängern abzugrenzen.

CROATIA-NAZI-POLICE
Kroatische Anhänger der faschistischen Ustaschabewegung mit dem Bild des "Führers" Ante Pavelic © (c) AFP (STRINGER)
 

Man stelle sich vor, Neonazis würden an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen eine Ehrenplakette für die SS-Wachmannschaften anbringen. Führende Intellektuelle, unter ihnen ein Bischof, schlügen vor, „Sieg Heil!“ zum offiziellen Gruß des österreichischen Bundesheeres zu machen. In katholischen Kirchen würden Gedächtnismessen für Adolf Hitler gelesen, und ein Pfarrer brächte auf Facebook seine ungeteilte Freude über den Tod des früheren Oberhaupts der jüdischen Gemeinde zum Ausdruck. Alles undenkbar? Nicht im heutigen Kroatien. Nur die Gedenkplakette am Konzentrationslager musste inzwischen entfernt werden. An ihrer Stelle halten dort jetzt Rechtsextreme mit ihrer Fahne eine gruselige Wacht.

Die Gleichsetzung des großdeutschen Nazi- und des kroatischen Ustascha-Regimes ist historisch gerechtfertigt. Beide Gewaltherrschaften unterschieden sich nicht in ihrer Brutalität, ihrem Blutrausch und ihrer Berserkerhaftigkeit. Die kroatische Regierung unter dem „Führer“ Ante Pavelic kennzeichnete Juden mit dem gelben Stern, unterhielt bei der Stadt Jasenovac an der Save ein eigenes Vernichtungslager und hatte es vor allem auf die Serben abgesehen. Von ihnen, einem Siebtel der Bevölkerung, sollte ein Drittel getötet, ein Drittel vertrieben und ein Drittel „zu Kroaten umgetauft“ werden, so die Parole des Ustascha-Chefideologen Mile Budak.

Die verkorkste Erinnerung an den Völkermord der Jahre 1941 bis 1945 begann schon zu kommunistischer Zeit. Offiziell waren alle „Nationen und Nationalitäten“ im Jugoslawien der Nachkriegszeit gleichberechtigt. Alle beriefen sich öffentlich auf die Partisanen, die gegen die Deutschen gekämpft hatten und die aus allen Volksgruppen kamen. In Wirklichkeit wusste aber jeder, dass im Krieg Kroaten Serben verfolgt und ermordet hatten und nicht umgekehrt.

Besonders die kroatischen Kommunisten beschworen den kroatischen Beitrag zum Partisanenkampf. Nicht entziehen aber konnten sie sich im gemeinsamen Staat Jugoslawien einer subtilen moralischen Erpressung: Sorgfältig wurde aufgelistet, wie viele Partisanen Kroaten und wie viele Serben gewesen waren. In Serbien wurden die ohnehin schrecklichen Opferzahlen der Ustascha zeitweise noch grotesk übertrieben. Nahmen kroatische Kommunisten die Übertreibung schweigend hin, so mussten sie Nachteile bei der Verteilung von Posten und Ressourcen fürchten.
Widersprachen sie, machten sie sich des Nationalismus schuldig. Beim Versuch, die Opferzahlen zu korrigieren und so der Falle zu entkommen, wurde der Militärhistoriker Franjo Tudjman, ein Mitglied der Kommunistischen Partei, zum Dissidenten.

Der Einfluss der Emigranten

Als Jugoslawien 1991 auseinanderfiel, strömten Emigranten und ihre Nachkommen nach Kroatien. Viele hatten in ihren Gemeinschaften in Australien oder Kanada, Argentinien oder Spanien über Jahrzehnte ein selbstständiges Kroatien gefordert und das Andenken an die „Unabhängigkeit“ unter deutscher Aufsicht und faschistischem Regime gepflegt. Ihr Einfluss war weit größer als ihre Zahl: Die Emigranten brachten Geld und nützliche Kontakte mit und bekleideten bald wichtige Funktionen – wie der Kriegsminister Gojko Susak, der aus Toronto kam. Bei vielen Kroaten fiel ihre Ideologie auf fruchtbaren Boden. Schließlich war im Krieg der Jahre 1991 bis 1995 wiederum Unabhängigkeit das Ziel und „die Serben“ waren der Feind.

Nicht der Völkermord an den Serben war der Emigrantenszene der Erinnerung wert, sondern ein monströses Nachkriegsverbrechen: der Massenmord der Partisanen an Zehntausenden entwaffneten NS-Kollaborateuren zwischen Mai und Juli 1945. Die Opfer, meistens Kroaten, waren nach Österreich geflüchtet, dann aber von den britischen Besatzern beim Grenzort Bleiburg in Kärnten den Jugoslawen übergeben worden.

Die Erinnerung an den „kroatischen Kreuzweg“ des Jahres 1945 werde dazu genützt, „die Erinnerung an das noch schlimmere Verbrechen des Jahres 1941 vergessen zu machen“, drückte der Zagreber Essayist und Autor Slavko Goldstein es aus, der über die Ustascha-Zeit geforscht hat.

Die unrühmliche Rolle der Kirche

Eine unrühmliche Rolle dabei spielt bis heute die kroatische katholische Kirche. Das Ustaschatum sei „kein Faschismus“, sondern die „Verteidigung Kroatiens“ gewesen, behauptet der weit rechts stehende Bischof von Sisak, Vlado Kosic. Seine Bischofskollegen, auch der Zagreber Kardinal Josip Bozanic, schweigen dazu.

Nachkommen der Partisanengeneration, wie Goldstein oder der Politologe Zarko Puhovski, haben die verdrängte Erinnerung an die Verbrechen von Bleiburg inzwischen nachgeholt. Die andere Seite sieht aber keinen Anlass, sich ihrerseits mit dem Völkermord der Ustascha-Vorfahren auseinanderzusetzen. „Die einen spielen die Taten herunter und relativieren sie mit dem Gedächtnis an Bleiburg“, sagt der Zagreber Historiker Tvrtko Jakovina. „Aber in den vergangenen Jahren werden die Massenmorde immer öfter glatt geleugnet.“

Scheinbar unschuldige Fragen stellen, den wissenschaftlichen Zweifler mimen, lächerlich machen, falsche Zusammenhänge herstellen: Alles, was Holocaust-Leugner in Jahrzehnten an Tricks ersonnen haben, kommt dabei zur Anwendung. Paradigmatisch für die Geschichtsklitterung ist die Debatte über das „Za dom spremni“. Der Ustascha-Gruß (zu Deutsch: „Für die Heimat – bereit!“) war seinerzeit das kroatische Pendant für das deutsche „Sieg Heil!“ und den „Saluto romano“ der Mussolini-Faschisten.

 

(c) AP (HRVOJE KNEZ) FRANJO TUDJMAN
Beförderte den Ustascha-Kult: Kroatiens erster Präsident Franjo Tudjman © (c) AP (HRVOJE KNEZ)

Ultrarechte streuten die Legende, es handele sich um „einen alten kroatischen Gruß“ aus dem 16. Jahrhundert, den die Ustascha nur wiederbelebt hätten. „Aber in keinem einzigen Beleg taucht der Gruß vor der Ustascha-Ära im 20. Jahrhundert auf“, sagt der Historiker Jakovina, der der Behauptung nachgegangen ist. „Er ist einzig und allein mit dem deutschen ,Sieg Heil!‘ vergleichbar.“

Die Regierung setzte eine Historikerkommission ein. Die traute sich nicht, die traurige Wahrheit auch auszusprechen, und schlug stattdessen vor, den Gebrauch des Grußes zu „begrenzen“. Erlaubt sein soll das „ZDS“ allein und unter bestimmten Auflagen den Veteranen der rechtsextremen HOS-Miliz, die damit schon 1992 in bosnischen Dörfern Angst und Schrecken verbreitet hatte. Auf österreichische Verhältnisse umgelegt würde das heißen: Niemand darf mit „Sieg Heil!“ grüßen. Außer er ist ein bekannter Neonazi.

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