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Offener Brief einer Schülerin

"Frau Mikl-Leitner, ein Zaun ist keine Lösung!"

Von Schülerin zu Innenministerin: Die 18-jährige Judith Waltl kann die Aussagen von Johanna Mikl-Leitner zu den baulichen Maßnahmen an der Grenze nicht nachvollziehen und wendet sich in einem offenen Brief an sie.

© APA
 

18 Jahre jung ist Judith Waltl, die in Kumberg lebt und in Graz zur Schule geht. Sie engagiert sich regelmäßig als freiwillige Helferin an der Grenze und in Transitquartieren. Sie hat laufend mit jenen Menschen zu tun, die als Flüchtlinge nach Österreich kommen. Aufgrund Ihrer Erlebnisse kann sie einige Pläne von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner nicht nachvollziehen.

"Als Schülerin tue ich mir sehr schwer, direkt an unsere Ministerin zu kommen, ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mir eventuell bei der Veröffentlichung meines offenen Briefes helfen könntet", wendet Sie sich daher an die Kleine Zeitung. In diesem offenen Brief beschreibt sie die Situation und ihre Erlebnisse an der Grenze. Jeder Euro, der in einen Grenzzaun investiert werden soll, könnte viel mehr in der Flüchtlingshilfe bewirken, ist sie der Überzeugung. 

Der offene Brief von Judith Waltl in voller Länge:

"Sehr geehrte Frau Johanna Mikl -Leitner,

wissen Sie, seit einigen Tagen haben wir beide etwas gemeinsam. Wir waren beide am 27. Oktober 2015 an der Grenze zwischen der Steiermark und Slowenien. Ich war da, um zu helfen und Sie waren da, um die aktuelle Situation zu begutachten. Haben Sie dort die vielen Menschen gesehen? Haben Sie die Kälte gespürt? Haben Sie die verrauchte Luft eingeatmet, die irgendwann im Hals kratzt?
Ich meine, das alles haben Sie.

Jedoch wie, Frau Ministerin, können Sie dann Stunden später von der Errichtung eines Zaunes zur Abriegelung Österreichs sprechen?

Es lässt sich nicht leugnen, es gibt weitaus schönere Orte als den Grenzübergang, und ja, es wirkt auch alles sehr bedrohlich: Die vielen Polizisten, überall das Militär und so viele Menschen, die völlig erschöpft, verschmutzt, hungrig und auch verängstigt warten. Warten darauf, dass sie endlich einen Fuß auf österreichischen Boden setzen können, einen Fuß in ein neues Leben. Sie werden unruhig, weil ihnen kalt ist, weil sie Angehörige verloren haben oder zurücklassen mussten, weil sie verzweifelt sind. Doch eines kann ich Ihnen sagen, sobald sie an der Essensausgabe warten oder sich um eine warme Jacke anstellen, sind sie nicht mehr unruhig. Dann sind sie dankbar, den Tränen nahe und vor allem erschöpft. Sie können ihre eigenen Kinder kaum mehr tragen, sich selbst nicht mehr auf den Beinen halten.

Haben Sie das alles nicht gesehen, als Sie da waren?

Wen Sie bestimmt nicht gesehen haben, ist die kleine Esmera. Wie denn auch, sie ist ja noch so klein. Oder den winzigen Armal, der erst vor drei Tagen in Serbien auf die Welt gekommen ist. Ja, sie haben es beide mit ihren Eltern schon geschafft. Sie sind in Sicherheit, haben schnell einen sauberen Strampler und ein warmes Fläschchen bekommen. Aber was ist mit all den Menschen, die noch auf dem Weg sind? Egal ob Kleinkind, Jugendlicher, junge Frau oder alter Mann, sie alle verdienen ein sicheres Zuhause, einen warmen Schlafplatz und Menschlichkeit. Wo finden sie die Menschlichkeit, wenn sie vor einem Grenzzaun stehen? Einem Grenzzaun, der das zwölftreichste Land der Welt und das zweitreichste Europas vor flüchtenden Menschen abschotten soll!

Frau Mikl-Leitner, wie kann das Realität werden?

Jeder Euro, den Sie in einen Grenzzaun investieren, könnte so viel mehr in der Flüchtlingshilfe bewirken. Sie könnten dafür Decken zur Verfügung stellen, Decken, die warm halten und große Mangelware sind. Oder sie könnten mehrere Transit-Quartiere öffnen, um Menschen für eine Nacht Erholung auf ihrer beschwerlichen Reise zu ermöglichen. Oder die vielen helfenden Organisationen, egal ob Caritas oder das rote Kreuz, finanziell unterstützen und es diesen NGOs mit ihren unzähligen Ehrenamtlichen erleichtern, die nicht wahrgenommenen Aufgaben des Staates weiterhin auszuführen.

Von Schülerin zu Innenministerin, bitte ich Sie, nehmen Sie sich die Zeit und bleiben Sie nächstes Mal etwas länger an der Grenze oder in einem der anderen Transitquartiere, machen Sie sich mit der realen Situation vertraut und Sie werden zweifelsohne merken: Lösungsansätze gibt es viele, ein Zaun gehört aber mit Sicherheit nicht dazu!

Mit hoffnungsvollen Grüßen,

Judith Waltl"