Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier regt die Einführung eines sozialen Pflichtdiensts für junge Menschen in Deutschland an. "Es geht um die Frage, ob es unserem Land nicht guttun würde, wenn sich Frauen und Männer für einen gewissen Zeitraum in den Dienst der Gesellschaft stellen", sagte Steinmeier der "Bild am Sonntag".

Soziale Pflichtzeit?

Das müsse nicht bei der Bundeswehr sein, "die soziale Pflichtzeit könnte meiner Meinung nach genauso bei der Betreuung von Senioren, in Behinderteneinrichtungen oder in Obdachlosenunterkünften geleistet werden". Dies so einzuführen werde sicherlich nicht einfach, eine Debatte über eine soziale Pflichtzeit halte er aber in jedem Fall für angebracht.

Wie lange ein solcher Dienst aus seiner Sicht dauern sollte, ließ Steinmeier offen: "Ich habe bewusst Pflichtzeit gesagt, denn es muss kein Jahr sein. Da kann man auch einen anderen Zeitraum wählen." Wichtig sei, den eigenen Horizont zu erweitern und verschiedene Sichtweisen kennenzulernen. "Gerade jetzt, in einer Zeit, in der das Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen abnimmt, kann eine soziale Pflichtzeit besonders wertvoll sein. Man kommt raus aus der eigenen Blase, trifft ganz andere Menschen, hilft Bürgern in Notlagen. Das baut Vorurteile ab und stärkt den Gemeinsinn."

Appell kurbelt Pflegedebatte an

Die Wehrpflicht war 2011 nach 55 Jahren ausgesetzt worden, was praktisch einem Ende des Wehr- und Zivildienstes gleichkam. Der russische Angriff auf die Ukraine löste eine neue Debatte über die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht aus. Politiker aus Union und SPD forderten eine Diskussion über einen solchen Schritt, der Wehrdienst und soziale Dienste vereint.

Mit seinem Appell stößt Steinmeier auch auf Unverständnis. Kritiker sehen darin ein politisches Täuschungsmanöver, das von Missständen in Sozialberufen ablenken soll. Zahlreiche junge Erwachsene zeigen sich auch über die sozialen Netzwerke entrüstet.

Wie eine Erhebung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt, finden sich in der Bundesrepublik jährlich rund 50.000 freiwillige Jugendliche, die ein "Freiwilliges Soziales Jahr" leisten. Die sozialen Hilfskräfte arbeiten u.a. in Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen. Bei der Bezahlung dieses Dienstes spricht man von "Taschengeld". Dieses setzt sich aus 320 Euro Grundbezahlung und 40 Euro Verpflegungskostenzuschuss zusammen.