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Vorbild für Graz?Auf (k)einen Kaffee im Wiener Lerncafé

Vor genau einer Woche öffneten drei Wiener Cafés wieder ihre Tore. Allerdings nicht für Gäste sondern für Schülerinnen, Schüler und Studierende.Wir haben ein Fliegendes Lerncafé besucht, eine Zwischenbilanz wie aus dem Leerraum ein Lehrraum wurde.

© Ambra Schuster/Kleine Zeitung
 

Es ist still im Café Museum. Kein Stimmengewirr, kein Kaffeemahlen, keine Musik. Draußen rauscht der Verkehr am Karlsplatz vorbei. Die weihnachtlichen Lichterketten klopfen von außen an die hohen Fenster. Drinnen ist das einzige Geräusch ein leises Klappern von Tastaturen. Insgesamt zehn Studierende und Schülerinnen sitzen auf die Marmortischchen verteilt und sehen konzentriert in ihre Laptops, Tablets oder Lernunterlagen. 15 Lerntische gäbe es, aber ein paar sind trotz Reservierung leer geblieben, sagt Patricia Stefan, die das Café leitet und heute beaufsichtigt.

Fliegende Lerncafés als Alternative zum Home Schooling

Das Café Museum ist neben dem Café Frauenhuber und dem Burgerlokal „The Legends“ im 3. Bezirk eines der drei Fliegenden Lerncafés. Das Pilotprojekt ist eine Kooperation zwischen der Bildungsdirektion, den Gastronom*innen und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos). Der zusätzliche Lernraum soll Schülerinnen, Schüler und Studierende entlasten, die Schwierigkeiten beim Distance-Learning haben – etwa wegen einer schlechten Internetverbindung, zu wenig Platz, lauter Geschwister oder fehlender Endgeräte. So die Idee dahinter.

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Angebot noch nicht zu allen durchgedrungen

Lärmende jüngere Geschwister kennen auch Fereshta und Sihaam. Sie gehen in das Gymnasium Geringergasse in Simmering und haben sich zum Mathelernen hier getroffen. Die eine ist aus dem 21. Bezirk, die andere aus dem 11. Bezirk hergekommen. Das Distance Learning haben die Siebtklässlerinnen satt, sie sind froh, hier wieder gemeinsam lernen zu können. Aber sie wissen auch, sie sind die Ausnahme. „Die, die es bräuchten aus meinem Umfeld, kommen gar nicht hier her, weil sie noch nicht von den Lerncafés gehört haben“, sagt Fereshta. Super fände sie mehr Lerncafés auch in ihren Bezirken.

Tapetenwechsel für Studierende

Tatsächlich hätten bisher vor allem Studierende das Angebot wahrgenommen, sagt Patricia Stefan. An WLAN und Endgeräten mangelt es ihnen zwar nicht, aber an der nötigen Abwechslung und Konzentration. Zwischenzeitlich verirren sich zwei ältere Herren in das Kaffeehaus. Patricia Stefan nimmt sie in Empfang. Nein, keine Bummelstudenten, sie hätten nur gerne eine Melange. Die gibt es momentan leider nicht, Studierende, Schülerinnen und Schüler können sich aber immerhin eine eigene Jause und Getränke mitnehmen.

Abwicklung über Buchungsplattform

Normalerweise finden auf den roten Sitzgarnituren des Traditionscafés rund 200 Gäste Platz. Um ausreichend Abstand zu gewährleisten, sind die wenigen verfügbaren Plätze mit Zetteln gekennzeichnet, auf denen auch die Spielregeln für den Aufenthalt stehen: Maske tragen sobald der Platz verlassen wird, ruhig verhalten und nach zwei Stunden muss man gehen. Die Zeitslots (14-16 Uhr, 17-19 Uhr) können vorab über die Buchungsplattform Book-Your-Room reserviert werden. Wer gleich zwei Slots hintereinander ergattern konnte, darf natürlich sitzenbleiben, während die restlichen Tische für die nachfolgenden Schülerinnen, Schüler und Studierenden desinfiziert werden. So hat es auch VWL-Studentin Eva gemacht. „Zwei Stunden sind zu kurz, ich lerne gerade für die Mikroökonomie-Prüfung.“ Ein Boku-Student hat sich überhaupt gleich für die ganze Woche eingetragen.

Neos fordern Fliegende Lerncafés für Graz

Das Angebot kommt an, zumindest online sind alle Cafés ausgebucht. Ob dann auch alle Reservierungen wahrgenommen werden, steht auf einem anderen Blatt, wie im Café Museum deutlich wird. So oder so, die Aktion läuft vorerst nur mehr bis Weihnachten. Wie es danach weiter geht, hängt davon ab, wann die Lokale wieder aufsperren dürfen. Sollte es die Fliegenden Lerncafés auch im neuen Jahr geben, hofft man im Café Museum jedenfalls auf Nachahmer – und das nicht nur in Wien. Die Bildungsdirektion ist jedenfalls im Austausch mit anderen Bundesländern. Die Grazer Neos-Gemeinderätin Sabine Reininghaus will den Vorstoß ihres Wiener Parteikollegen auch in Graz realisieren und heute einen dringlichen Antrag im Gemeinderat einbringen.

Gegen 16 Uhr kommt Bewegung in die Räumlichkeiten. Unterlagen werden eingepackt, Reisverschlüsse zugezogen. Auch der kleine Gugelhupf, der vom Café als Willkommensgruß abgepackt auf jedem Lerntisch steht, kommt mit. Als Andenken an das etwas andere Lernsetting.

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