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SchulschlussWelche Defizite hat das Corona-Semester gebracht?

Zu wenig Zeit, zu wenig Digitalisierung, zu wenig sozialer Kontakt und zu wenig Deutsch. Bis Herbst muss an den Schulen viel passieren.

© (c) APA/HELMUT FOHRINGER
 

Digitalisierung war schon vor Corona „ein beliebtes Schlagwort“, so „richtig im Jahr 2020 angekommen“, sei das Land aber noch nicht, sagte der Bildungssprecher und Klubobmann der Wiener Grünen David Ellensohn diese Woche im Wiener Gemeinderat. Was Jahre zuvor nicht passiert ist, sollte im März plötzlich über Nacht geschehen. Ganz Österreich musste fit für Home Office und E-Learning gemacht werden. Dabei scheiterte es gleich zu Beginn der Pandemie an den wesentlichen Grundvoraussetzungen: Der Hardware und dem Zugang zum Internet.

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Kinder aus bildungsfernen Haushalten nicht erreicht

„Wien hat die Digitalisierung verschlafen“, sagt der Klubobmann der Wiener Neos Christoph Wiederkehr. Über 3.350 Pflichtschülerinnen und -schüler konnten während der Schulschließungen nicht erreicht werden, 1.771 davon alleine in Volksschulen. Das sind rund zwei bis drei Prozent der Wiener Pflichtschüler, die hier auf der Strecke blieben. Der Großteil von ihnen stammt aus sozial schwächeren, bildungsferneren Haushalten. Oftmals konnten hier Eltern keine Unterstützung bieten oder es standen keine Laptops zur Verfügung.

„Die Corona-Krise verstärkt die Probleme bei denjenigen, die davor schon Lerndefizite hatten“, so Wiederkehr. Die Chancenungerechtigkeit sei dadurch zusätzlich verschärft worden. Auch im Büro des Bildunsgsstadtrats Czernohorszky bestätigt man das Offensichtliche: „Vor allem Kinder, die Deutschförderung brauchen, sind stärker zurückgefallen, weil sie lange kein Deutsch gesprochen haben.“

5000 Laptops verteilt 

Als erste Maßnahme kaufte die für Schulen zuständige MA 56 rund 5.000 Laptops an und verteilte sie an die Mittelschul-Standorte, die sie nach Bedarf an die Schülerinnen ausgeben konnten. Den Schülern gehören diese Laptops zwar nicht, sie können die Geräte aber dauerhaft und kostenlos auch über den Sommer ausborgen. In Volksschulen wurde vor allem mit analogen Arbeitsblättern und Lernpaketen gearbeitet, die sich die Eltern in der Schule abholen konnten. So sie denn erreicht wurden. „Pädagoginnen und Pädagogen waren dazu angehalten, alle Familien zu kontaktieren und zu fragen, ob es irgendwelche Probleme gibt. Hierfür hat es auch einen eigenen Leitfaden der MA 11 Kinder- und Jugendhilfe gegeben“, heißt es aus dem Büro Czernohorszkys.

Freiwillige Lernförderung im Sommer

Was wirklich an Defiziten zurückbleibe, sei derzeit noch nicht abschätzbar, heißt es aus dem Büro von Bildungsstadtrat Czernohorszky. Das werde sich erst im nächsten Schuljahr zeigen. Um das Gröbste abzufangen, hat die Stadt Wien die Summer City Camps ins Leben gerufen. Eine Mischung aus Lernförderung und Freizeitbetreuung, die pro Woche 50 Euro kostet und sich vor allem an Volksschüler richtet. Für Jugendliche gibt es zusätzlich ein Lernförderprogramm, allerdings ohne Freizeitgestaltung.

Während die Summer City Camps freiwillig sind, fordern die Neos verpflichtende Sommerkurse für all jene Schülerinnen und Schüler, die während der Schulschließungen nicht erreicht wurden: „Freiwillig wird es nicht gehen“, so Wiederkehr. Ab Herbst brauche es dann mehr individuelle Förderung. Und auch der W-Lan-Ausbau muss schneller gehen.

W-Lan für alle Schulen 

Um die Digitalisierung voran zu treiben, werden derzeit alle Pflichtschulen mit W-Lan ausgestattet. Bis Herbst geht sich das aber nicht mehr an allen Schulen aus. Warum daran erst jetzt „mit Hochdruck gearbeitet“ wird, rechtfertigt man mit den hohen Kosten. Der W-Lan-Ausbau kostet die Stadt 40 Millionen Euro. Im Büro des Bildungsstadtrats hofft man sehr, „dass im Herbst ein normaler Schulbetrieb starten kann.“ Bei Verdachtsfällen soll differenziert vorgegangen werden, um so Schulschließungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Schließlich sind regelmäßige Strukturen und sozialer Kontakt ebenso wichtig für Kinder, wie eine digitale Ausstattung, sind sich Expertinnen und Experten einig.

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