Anker für HinterbliebeneWenn Gegenstände trösten

Der Fleischklopfer der geliebten Großmutter, das Sparschwein der verstorbenen Schwester oder der Briefbeschwerer in Form einer Schlange – sie alle besitzen einen emotionalen Wert und sind ein Anker für die Hinterbliebenen. Gezeigt wurden sie in der Ausstellung „Der Trost der Dinge“ beim „Memento Mori“-Festival im Wiener Volkskundemuseum.

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Kati starb an Krebs. Sie nannte ihre Schwester Susi oft „Tussi“ - dieses Sparschwein erinnert Susi daran © Privat
 

Der Fleischklopfer ihrer böhmischen Großmutter Anna ist für Tina Zickler, Initiatorin des „Memento Mori“-Festivals, jener Gegenstand, der sie am intensivsten an die lebenslustige Frau aus dem Egerland erinnert. Anna war ihre Lieblingsoma: Sie entstammte einem Wirtshaus und spielte mit ihren Enkelkindern schon morgens Karten. Oder ließ sie um den Wohnzimmertisch ein Zirkuszelt bauen. Handlungen, die sie zu einer Lieblingsoma machten und sie als coole, taffe Lady auszeichneten. Auch wenn Tina Zickler selbst wenig Fleisch kocht und den Fleischklopfer selten benützt, stellt er eine Verbindung zu Oma Anna dar: „In Kaaden im Sudetenland betrieb sie mit meinem Großvater eine große Metzgerei. Durch den Zweiten Weltkrieg und die Vertreibung verloren sie alles. In Schwaben fanden sie eine neue Heimat und schafften es als Flüchtlinge – trotz vieler Ressentiments ihnen gegenüber –, sich wieder eine Existenz aufzubauen.“ Auch wenn die Zeiten hart waren, sei Anna eine lebensfrohe Frau gewesen, erinnert sich die Enkelin. Sie tanzte gerne und versorgte ihren Freundeskreis mit selbst gestrickten Socken und hausgemachtem Johanniskraut-Öl. Die Art, wie sie starb – mit der Haue in der Hand in Tina Zicklers Garten – ist genauso unkonventionell wie sie selbst es war.

Foto © Kollektiv Fischka, Volkskundemuseum Wien

Das „Tussi“-Sparschwein

Susi Bali hat ihre Schwester Kati vor acht Jahren verloren. Sie starb mit 42 Jahren an einer seltenen Krebsart. Für die Ausstellung „Der Trost der Dinge“ hat Susi ein Sparschwein mit der Aufschrift „Tussi“ abgegeben. Daneben hat sie ein Foto ihrer Schwester aufgestellt: Es zeigt eine wunderschöne Frau mit blauen Augen, die einen blauen Pulli trägt und vor einer dunkelblauen Wand steht. Kati war Drehbuchautorin und pflegte mit ihrer Schwester Susi eine Beziehung, die auf viel Ironie und schwarzem Humor basierte. „Meine Schwester hat mich abwechselnd „Tussi“ oder „alter Mann“ genannt“, grinst Susi, „bei dem Sparschwein erinnere ich mich gut an die Ebene, die wir beide hatten. Unser Humor konnte für Außenstehende durchaus seltsam oder gar nicht liebevoll klingen. Das war es aber nicht – es war irgendwie eine gute Schmäh-Ebene, die wir gehabt haben.“ Da Susi und Kati selbstständig waren, haben sie sich auch eine Altbauwohnung als Büro geteilt. Als Kati starb, hat Susi ihre private Wohnung gekündigt und zog in das einst gemeinsame Büro ein. Diesen Schritt konnten Susis andere Schwestern nicht so ganz verstehen. Doch Susi sagt: „Mir hat es geholfen, ich hab’s nicht bereut.“

Dinge, die Trost spenden, waren im Wiener Volkskundemuseum zu sehen. Die Ausstellung war Teil des vielbesuchten Festivals Memento Mori 2021. Foto © Foto Kollektiv Fischka, Volkskundemuseum Wien

Es gibt noch ein Erinnerungsstück, das für alle Schwestern einen großen emotionalen Wert hat: Katis Tagebuch. Beim Ausräumen der Wohnung war für die Schwestern klar: „Das können wir nicht anschauen.“ Sie packten es in einen Karton, verstauten es im Keller, und nahmen sich vor, es nach einem Jahr zu sichten.

Wie ein Mensch mit einem Tagebuch umgeht, muss und soll nur er entscheiden, meint der Psychotherapeut Arnold Mettnitzer: „Ich kenne keine Patentlösung. Immer, und hier ganz besonders, ist Fingerspitzengefühl, Respekt und Achtsamkeit einem anderen Menschen gegenüber gefragt.“ Er habe es oft erlebt, dass Menschen das Tagebuch eines verstorbenen Angehörigen dem Feuer übergeben hätten, einfach, um damit zu garantieren, dass es nicht in falsche Hände gerate. Mettnitzer weiter: „Hält man Schriftliches in Händen, das ins intime Leben eines verstorbenen Menschen Einblick gibt, kann man es bewahren, sofern man darin das Dokument einer lebendigen Beziehung erblickt. “ Wesentlich ist: „Die Verantwortung liegt immer bei jenem Menschen, in dessen Hände das Tagebuch geraten ist. Durch die Art seines Gebrauches gibt er dem Dokument ein neues Gewicht.“

Dinge, die uns mit dem Tod konfrontieren

„Können die Gegenstände unserer geliebten Hinterbliebenen auch traumatisch auf uns wirken? Erinnern sie uns nicht ständig an den Tod?“, geht die Frage an den Psychotherapeuten. „Im Bereich des Lebendigen ist nichts ohne sein Gegenteil wahr“, antwortet Mettnitzer, der Theologie studiert hat: „Wer glaubt, die eine Seite einer Sache verstanden zu haben, muss deshalb nicht unbedingt auch die Rückseite der Medaille verstehen: Für den, der gelernt hat, den Tod als unausweichlichen Endpunkt seines Lebens zu begreifen, mögen solche Gegenstände tröstlich sein; für einen anderen Menschen aber, der den Fragen nach seinem eigenen Ende ausweicht und den Tod ein Leben lang vor sich hinschiebt und davon nichts wissen möchte, wird ein Gegenstand persönlicher Erinnerung an einen Verstorbenen unter Umständen nacktes Entsetzen hervorrufen, weil er mit dem Tod konfrontiert wird – mit einer Tatsache, der er ausweichen möchte.“

Schlange als Verbindungsstück

Für Sabine Plenk hat der Briefbeschwerer ihrer verstorbenen Großmutter, der die Form einer Schlange hat, etwas Tröstendes. Als Kind war sie von diesem Briefbeschwerer ganz fasziniert. Die Erinnerungen an ihre Oma sieht sie noch heute vor ihrem inneren Auge: Wenn sie als kleines Mädchen ins gemütliche Arbeitszimmer der Großmutter kam, wurde sie von ihr auf einen alten Holzdrehstuhl gesetzt und herumgedreht. „Wir haben geredet und geredet, und diese Schlange lag immer auf dem Schreibtisch“, denkt Sabine Plenk zurück. „Ich habe immer eine Scheu vor Schlangen gehabt, Schlangen sind mir bis heute nicht geheuer aber sie ziehen mich gleichzeitig an.“ Dieses Fasziniert-Sein und gleichzeitig das Sich-Fürchten, und das doch immer wieder Hinschauen – das steht für Sabine Plenk für das Leben.

Foto © Kollektiv Fischka, Volkskundemuseum Wien

Als Sabine Plenk 14 Jahre alt war ist ihre Großmutter im hohen Alter eines natürlichen Todes gestorben. Bis zu diesem Zeitpunkt haben sie einander immer Briefe geschrieben – „und das hat sich alles in dieser Schlange manifestiert“, sagt Plenk. Der Tod ihrer Großmutter sei für sie ein Angst nehmendes Ereignis gewesen: „Ich erlebte, dass der Tod etwas ist, das zum Leben dazugehört und wenn man sich mit dem Tod auseinandersetzt, vollendet er dann den Reigen des Lebens. Je älter ich werde, desto bewusster schaue ich diese Schlange an – da kommen mir diese Kindheitserinnerungen und was meine Großmutter in meinem Leben ausgelöst hat und auch heute noch auslöst; das ist schon ein Verbindungsstück.“

„Es ist unverkäuflich“

Solch ein Verbindungsstück besitz auch Arnold Mettnitzer: „In meinem Arbeitszimmer hängt ein 150 x 130 cm großes Ölbild, das ich vor Jahrzehnten meinem Freund Hubert geschenkt habe. Er hat sich damals riesig darüber gefreut und seine Schwester gebeten, dafür zu sorgen, dass das Bild nach seinem Tod wieder zu mir zurückkommt. Seitdem ist dieses Bild bei mir und bleibt, solange ich lebe, unverkäuflich, weil es mir an der Wand hängend die Geschichte einer Beziehung von zwei Freunden dokumentiert.“

Zur Autorin

Elisabeth Hess ist Studierende an der Katholischen Medienakademie.

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