Die Pandemie hat die Flexibilisierung an vielen Arbeitsplätzen vorangetrieben. Immer mehr Unternehmen richten sich auf eine dauerhaft hybride Berufswelt ein. Homeoffice, Gleitzeit, Teilzeit – das kommt bei vielen Berufstätigen gut an. Belegt wurde dies zuletzt von der Karriereplattform LinkedIn, die eine Studie zum Thema veröffentlicht hat. Demnach haben seit Ausbruch der Pandemie beinahe drei Viertel der heimischen Unternehmen Regelungen zur Flexibilisierung umgesetzt.
Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Personalverantwortliche empfinden diese Entwicklungen laut Studie als positiv und wünschen sich auch für die Zukunft eine Fortsetzung des Trends. 

Rund ein Drittel der 1000 Befragten beobachtet eine Steigerung der eigenen Produktivität und spricht von einer besseren Work-Life-Balance, 27 Prozent fühlen sich deshalb sogar besser, was ihre mentale Gesundheit betrifft.

Gefahr der Retraditionalisierung

Aber die Entwicklung bringt bei Weitem nicht nur positive Veränderungen mit sich. Und wieder einmal sind vor allem Frauen von möglichen negativen Aspekten betroffen. Dazu zählt auch die Retraditionalisierung. Die Zeithistorikerin Karin Maria Schmidlechner, die sich seit 40 Jahren mit Frauen- und Geschlechterforschung befasst, definiert den Begriff so: "Im Zusammenhang mit der Flexibilisierung der Arbeitswelt wird darunter eine Entwicklung verstanden, die zur Wiedereinführung konservativer Rollenvorstellungen, denen zufolge wieder die Frauen die Hauptverantwortung für Kinder und Familienangelegenheiten tragen, führt."

Prinzipiell sei in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass die Flexibilisierung  – besonders, wenn sie mit verkürzten Arbeitszeiten verbunden ist – vor allem gut ausgebildeten und finanziell besser gestellten Menschen, zugutekommt. "Natürlich ist weniger Arbeitszeit toll für jene, die es sich leisten können", sagt Schmidlechner. Für die alleinerziehende Supermarkt-Kassiererin, die wegen ihrer Kinder nicht Vollzeit arbeiten kann, bedeutet die Flexibilisierung in erster Linie, dass sie Teilzeit arbeiten muss und damit weniger verdient, verbunden mit der Tatsache, "flexibel", also kurzfristig verfügbar sein zu müssen.
 
Damit Frauen durch die Flexibilisierung in der Arbeitswelt nicht negativ betroffen würden, brauche es daher das Entgegenkommen der Vorgesetzten genauso wie die Bereitschaft der Partner, um etwa die Aufgaben bei der Kindererziehung entsprechend aufzuteilen. Aber auch politische Maßnahmen, wie die Schaffung von Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder und Kindergartenplätzen, seien sehr wichtig.

Verpflichtende Väterkarenz

Auch wenn diesbezüglich in den vergangenen Dekaden deutliche Fortschritte erzielt werden konnten, warnt Schmidlechner vor der Annahme, dass sich diese Entwicklung "von selber" fortsetze. Vielen jungen Frauen sei nicht klar, dass sie sich für ihre Anliegen in der Gesellschaft auch aktiv einsetzen müssten.
 
Was wäre also ein wichtiger nächster Schritt, damit möglichst alle Arbeitnehmerinnen von der neuen Freiheit im Beruf profitieren? "Sieht man sich an, wie es um die Aufgabenverteilung in unserem Land – noch immer – bestellt ist, müsste man dringend eine verpflichtende Väterkarenz einführen", ist Schmidlechner überzeugt. Um die Mütter deutlich zu entlasten – und den Weg für bereits interessierte Väter zu ebnen. Denn bei vielen Arbeitgebern werde es nach wie vor nicht gern gesehen, wenn man dem Nachwuchs zuliebe die Arbeitszeit reduzieren möchte.